Rosenheim – Eine Seilbahn hoch oben, über alle Staus und Baustellen der Stadt hinweg: Diese Idee für Rosenheim ist nicht neu. Bekommt aber Aufwind, weil die Stadtratsfraktion der Republikaner beantragt hat, die Machbarkeit eines solchen Projekts zu prüfen. Heute Abend diskutieren die Stadträte darüber im Verkehrsausschuss.
„Baustellen, Staus, Lärm und Abgase“ seien „Alltag in Rosenheim“, schreibt die Stadtratsfraktion der Republikaner in ihrem Brief an Oberbürgermeisterin Gabriele Bauer (CSU). Daher sei zu prüfen, ob eine oder mehrere Seilbahnen in der Stadt Abhilfe bringen können. Die Republikaner fordern die Stadt daher auf, eine Machbarkeitsstudie in Auftrag zu geben. In der Begründung zu ihrem Antrag teilen sie mit, dank einer Seilbahn könnte die gesamte Innenstadt auf günstige Weise entlastet werden, würde der Parksuchverkehr reduziert und zugleich der CO2-Ausstoß verringert werden.
Frage nach der
geeigneten Route
Zuspruch findet der Vorschlag bei der Rosenheimer AfD. Deren Oberbürgermeisterkandidat Andreas Kohlberger lässt sich in einer Pressemeldung des AfD-Landtagsabgeordneten Andreas Winhart zitieren, unter anderem mit dem Hinweis: „Nicht immer muss eine Seilbahn nur auf einen Berg hinaufführen, Beispiele aus großen Metropolen zeigen, dass Seilbahnen einen Beitrag im OPNV leisten können.“ Außerdem teilt die AfD mit, sie selbst habe die Idee einer Seilbahn bereits vor der Stadtratsfraktion der Republikaner auf den Tisch gebracht. Was dabei unerwähnt bleibt: Der Vorsitzende der Stadtratsfraktion der der Freien Wähler/UP Rosenheim, Robert Multrus, hatte bereits im November 2018 von der Möglichkeit einer Seilbahn für Rosenheim gesprochen. Und noch einmal vier Jahre vorher, im Jahr 2014, war es der damalige Geschäftsführer des Regionalverkehrs Oberbayern, Dietmar Bauer, der die Idee ansprach, als Chance, um den Öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) zu entlasten. Sowohl Bauer als auch Multrus hatten insbesondere eine Route zum Schloßberg hinauf ins Auge gefasst.
Die Stadt selbst reagiert eher verhalten: Über eine mögliche Route durch Rosenheim könne erst eine Machbarkeitsstudie Antwort geben, teilt die Pressestelle auf Nachfrage mit. Die Entscheidung, eine solche Studie in Auftrag zu geben, liege beim Stadtrat. Noch im April dieses Jahres hatte die Stadt auf eine Anfrage der OVB-Heimatzeitungen mitgeteilt, man konzentriere sich vorrangig darauf, den Nahverkehr im Busbetrieb und auf der Schiene zu stärken. Die „klaren Quell-Zielanforderungen einer hochleistungsfähigen Verkehrsverbindung, die eine Seilbahn braucht, sehen wir im Moment nicht.“
Ob eine Seilbahn in städtischem Umfeld Sinn macht, ist tatsächlich nicht so ohne Weiteres zu beantworten und hängt von zahlreichen, immer individuell zu prüfenden Faktoren ab. Immerhin: Im vergangenen Jahr hat das bayerische Staatsministerium für Wohnen, Bau und Verkehr einen „Leitfaden für die Entwicklung von Seilbahnen an urbanen Standorten“ herausgegeben. Darin ist detailliert erklärt, worauf bei Planung, Umsetzung und Finanzierung zu achten ist.
Bayern soll
Vorreiter sein
Dass das Ministerium und die bayerische Staatsregierung zumindest mit Wohlwollen auf die Idee blicken und ein klares Ziel vor Augen haben, ist aus dem Vorwort des Leitfadens ersichtlich. Dort heißt es: „Bayern bringt beste Voraussetzungen mit, um bei Stadtseilbahnen in Deutschland Vorreiter zu sein!“
In der Tat gibt es bayernweit einige Überlegungen eine Stadtseilbahn als zusätzliches Verkehrsmittel im Rahmen des ÖPNV einzurichten: So prüft der Landkreis München eine solche Option, um die fehlenden Querverbindungen zur Landeshauptstadt München zu erschließen. Auch innerhalb des Landkreises hält Landrat Christoph Göbel (CSU) die Idee für durchaus diskussionswürdig. Denn zwischen vielen der 29 Kommunen, die zum Landkreis München gehören, fehlen nach seiner Ansicht direkte Verbindungen. An anderer Stelle sind die Verbindungen zwar gegeben, aber täglich durch Staus belastet.
Die Stadträte in München haben bereits den Auftrag einer Machbarkeitsstudie beschlossen. Auch ein Pilotprojekt ist bereits gefunden: Untersucht wird eine Tangentialverbindung zwischen dem U-Bahnhof Studentenstadt, der Tramhaltestelle Schwabing Nord, dem U-Bahnhof Frankfurter Ring und dem U-Bahnhof Oberwiesenfeld.
Kostenschätzung
nur von Fall zu Fall
In Kempten im Allgäu wiederum ist man ein Stück weiter: Um die im Stadtrat beschlossene Machbarkeitsstudie für eine Seilbahn finanziell zu unterstützen, hat der bayerische Verkehrsminister Hans Reichart persönlich einen Förderbescheid übergeben in Höhe von 50000 Euro. Geht es nach Willen der Kemptener CSU und des Oberbürgermeisters Thomas Kiechle (CSU), könnte bereits ab dem Jahr 2025 eine Seilbahn über die Allgäu-Metropole schweben, in 30 Metern Höhe. Ob sich Kosten und Nutzen wirklich rechnen, soll jetzt die Machbarkeitsstudie herausfinden.
Wie teuer Bau und Unterhalt einer Stadtseilbahn sind, hängt von verschiedenen Faktoren ab, wie im „Leitfaden“ zu lesen ist: Unter anderem spielen die Ausgaben für die Infrastruktur, die seilbahntechnische Ausstattung und die Kosten für die Revision eine Rolle. Außerdem die Betriebszeiten, der Bedarf der Beförderung und die Energiekosten. Auf die Frage, was im Gegenzug die Kunden als Ticketpreis zahlen müssen, hält sich der „Leitfaden“ dementsprechend vage: Zu prüfen sei, was der Markt akzeptiere. Fest steht aber: Unter bestimmten Bedingungen können bis zu 60 Prozent der Baukosten gefördert werden, exklusive der Planungskosten.
Argumente
pro und contra
Grundsätzlich werden Stadtseilbahnen, denen eine Nutzungszeit von rund 17 Jahren zugesprochen wird, durchaus kritisch diskutiert: Befürworter nennen niedrige Baukosten pro Kilometer Strecke, weniger Flächenverbrauch, einen niedrigeren CO2-Ausstoß und auch geringere Betriebskosten als etwa für Bus und Bahn.
Kritiker wiederum monieren, dass man bei einer urbanen Seilbahn aus technischen und finanziellen Gründen nur eine geringe Zahl an Haltestellen bauen könne. Außerdem störten Seilbahnen das Stadtbild und die Anwohner, die im schlimmsten Fall damit rechnen müssten, dass vor ihrem Wohnzimmerfenster die Gondeln hin und her schweben. In der Folge seien Seilbahnen eher über Straßen zu planen, weniger über Wohngebiete, was natürlich die Routenwahl eingrenzt. Und schließlich steht die Frage im Raum, ob die Fahrt mit einer Stadtseilbahn wirklich Zeit spart – etwa im Vergleich zu einer Busfahrt auf selber Strecke.
Am Ende also müssen alle Argumente gründlich abgewogen werden, auch in der Stadt Rosenheim. Eine erste Möglichkeit dazu haben die Stadträte heute im Verkehrsausschuss. Die öffentliche Sitzung beginnt um 17 Uhr im kleinen Sitzungssaal des Rathauses.