„Winzigklein“ hilft bei großen Sorgen

von Redaktion

Weltfrühchentag Selbsthilfegruppe unterstützt Frühchen-Mama Marion Grünwald

Rosenheim – Leonhard hat viele Wochen seines Lebens im Brutkasten verbracht. Der Zweijährige kam 15 Wochen zu früh auf die Welt, hatte einen schweren Start ins Leben. Schicksale wie seines sind keine Seltenheit. Allein im Klinikum Rosenheim gab es im vergangenen Jahr 34 Frühchen mit weniger als 1500 Gramm. Zum Weltfrühchentag erinnert sich Leonards Mutter Marion Grünwald an die Zeit vor zwei Jahren, als sie um das Leben ihres Sohnes bangen musste.

Ein Gefühl

der Einsamkeit

Damals hat sich Marion Grünwald (33) oft alleine gefühlt. Es gab niemanden, mit dem sie sich nach ihrer Frühgeburt austauschen konnte, niemanden, von dem sie Tipps bekam, wie man mit einer solchen Situation umgeht. Dabei hätte sie genau das gebraucht. „Ich habe mich gefühlt, als sei ich die einzige Mutter, der so etwas passiert ist.“

Ein Gefühl, das viele Mütter teilen, wie sie mittlerweile weiß. Genau diese Erfahrungen von Frühcheneltern waren der Antrieb für Elisabeth Nützel, Leiterin des Zentrums Südostoberbayern, zeitnah nach der Eröffnung des Zentrums im Juli den Aufbau einer Frühchengruppe zu initiieren. Seit September besucht auch Marion Grünwald die Gruppe „Winzigklein“ in Rosenheim, ein Angebot des Bunten Kreises Rosenheim im Zentrum Südostoberbayern.

Einmal im Monat treffen sich Eltern mit „Frühcheerfahrung“ zum Austausch. Fachlich begleitet wird die Gruppe von der Kinderkrankenschwester Andrea Riepertinger und der Diplom-Psychologin Andrea Helbig. Die beiden beantworten Fragen, versuchen den Eltern, Ängste zu nehmen und ein Stück Normalität herzustellen.

Grünwald freut sich auf diese Treffen. Sie genießt es, ihre Geschichte mit anderen Müttern zu teilen. Müttern, deren Babys erst wenige Monate alt sind, oder auch schon älter. Sie sieht sich als „Motivation für andere Frühcheneltern“, will zeigen, dass es ein Licht am Ende des Tunnels gibt.

Die 33-Jährige weiß, wovon sie spricht. Als ihr Sohn am 25. September 2017, 15 Wochen vor dem eigentlichen Geburtstermin, auf die Welt kommt, ist sie überfordert. „Eigentlich hätte ich noch vier Monate Zeit gehabt, um mich auf seine Ankunft vorzubereiten“, sagt Grünwald.

Anziehsachen hätten gefehlt, das Kinderzimmer sei nicht komplett fertig gewesen. Auch Verwandte und Freunde hätten nicht immer verstanden, warum sie das Baby nach der Geburt nicht sofort besuchen durften. Kleinigkeiten im Vergleich zu der ständigen Sorge, ob ihr Neugeborenes überleben würde.

„Ich bin an meine Grenzen gekommen, körperlich und seelisch“, sagt sie. Halt erhielt sie von ihrem Lebensgefährten Rainer. Er wich nicht von ihrer Seite, hielt ihre Hand in den schwierigen Stunden und sprach ihr immer wieder gut zu. „Er war ein enormer Rückhalt“, sagt Grünwald.

Die beiden waren zwei Jahre zusammen, als sie beschlossen, schwanger zu werden. „Ich wollte schon immer Kinder“, sagt Grünwald. Als sie den positiven Schwangerschaftstest in den Händen hält, hätte sie glücklicher nicht sein können. „Leonhard war ein absolutes Wunschkind“, sagt sie. Die ersten Wochen der Schwangerschaft vergehen. Grünwald genießt jede Sekunde. Als in der 25. Schwangerschaftswoche, auf einmal die Wehen einsetzen, weiß sie, dass etwas nicht stimmt. Gemeinsam mit ihren Lebensgefährten wird sie ins Krankenhaus eingeliefert. Die Ärzte vermuten anfangs einen Infekt, stellen dann aber schnell fest, dass die Schwangere tatsächlich in den Wehen liegt. 15 Wochen zu früh.

Als der 780 Gramm schwere und 34 Zentimeter große Leonhard um 7.36 Uhr auf die Welt kommt, geht alles ganz schnell. „Die Ärzte haben ihn sofort mitgenommen. Das war für mich das Allerschlimmste“, sagt sie. Wie jede Mutter träumte sie von dem Moment, ihren Sohn nach der Geburt in den Armen zu halten, seinen Geruch einzuatmen. Erfahrungen, die nun für immer verloren sind.

Während sich die Ärzte um ihr Baby kümmern, muss auch Grünwald in den OP-Raum. „Meine Plazenta hat sich nicht komplett gelöst“, sagt sie. Als sie aus der Narkose erwacht, gibt es nur einen Wunsch: ihren Sohn sehen.

„Ich kann mich genau an den Moment erinnern, als ich das kleine Bündel Mensch zum ersten Mal gesehen habe“, sagt Grünwald und fügt hinzu: „Er sah aus wie ein Alien.“ Er habe in einem Inkubator gelegen, überall seien Schläuche gewesen. Dann das ständige Piepen. „Ich hatte keine Ahnung, was irgendetwas bedeutet.“

Die junge Mutter besucht ihr Baby täglich im Krankenhaus, macht Tausende von Bildern. Drei Monate später die freudige Nachricht: Leonhard darf nach Hause. Nach und nach wird Leonhard stärker, beginnt zu krabbeln, wenig später sagt er sein erstes Wort. Marion Grünwald könnte glücklicher nicht sein. Trotzdem bleibt ein wenig Wehmut. „Ich habe gelernt, damit zu leben. Abschließen werde ich es nie können. Es geht einfach unheimlich viel verloren.“

Sie habe nie erlebt wie ihr Bauch wächst und wächst. Lebensgefährte Rainer konnte nie die Hand auf ihren Bauch legen, um die Bewegungen seines zukünftigen Sohnes zu spüren. Und auch der Strampler, den Marion Grünwald für den Nachhauseweg nach der Geburt gekauft hatte, lag unbenutzt im Schrank. „Die schönste Zeit von der Schwangerschaft wurde uns genommen. Das ist schade.“ Dennoch überwiege jetzt natürlich die Freude, Freude darüber, dass ihr Sohn mittlerweile gesund und munter ist. „Man merkt ihm nicht an, dass er ein Frühchen ist“, sagt Marion Grünwald. Er unterscheide sich kaum von den Kindern in der Krippe, sei aufgeweckt und neugierig.

Zu den Treffen von „Winzigklein“ in Rosenheim kommen die beiden meistens gemeinsam. Leonhard spielt, blättert in Büchern. Seine Mutter tauscht sich mit anderen Eltern aus. „Es ist sehr emotional“, sagt sie. Immer wieder wird sie daran erinnert, wie viel Glück sie hatte.

Und trotzdem will sie das Glück kein zweites Mal herausfordern: „Das Thema Kinder ist für mich abgeschlossen“, sagt sie.

Mehr Infos

Die Frühchengruppe „Winzigklein“ in Rosenheim trifft sich immer am letzten Freitag des Monats, von 9 bis 11 Uhr. Das nächste Treffen findet am 29. November statt. Ort: Zentrum Südostbayern in der Bayerstraße 2a. Das Angebot ist kostenlos. Eine Anmeldung ist erwünscht unter elisabeth.nuetzel@kinderhospizmuenchen.de.

Artikel 1 von 11