Rosenheim – Viel ist die Rede von Barrierefreiheit und darüber, wie wichtig Teilhabe ist für Menschen mit Behinderung. In Rosenheim aber wird seit neun Jahren darum gerungen, das holprige Pflaster auf dem Max-Josefs-Platz zu sanieren. Neun Jahre, in denen die Fugen keinen Millimeter kleiner, die Steine kein bisschen glatter geworden sind. Dafür aber der Unmut der Menschen umso größer. Nach einer Diskussion im jüngsten Verkehrsausschuss geht die Lösungssuche in eine weitere Runde.
Am Ende, als Horst Halser den Sitzungssaal im Rathaus schon verlassen hat, bleibt er kurz stehen. Neun Jahre ist es her, dass er den Antrag für die Pflastersanierung gestellt hat. Jetzt steht er da im Dunkel des Abends, schüttelt den Kopf und sagt: „Es ist zum Verzweifeln. Ich kann es nicht fassen.“ Er geht einige Schritte weiter, hält erneut inne und stößt beinahe trotzig hervor: „Und ich kandidiere trotzdem wieder.“
Erster Antrag liegt
neun Jahre zurück
Horst Halser ist 82 Jahre alt, sitzt seit fünf Jahren für die ÖDP im Rosenheimer Stadtrat und ist das Kämpfen um kommunalpolitische Ziele sicher gewohnt. Damals, als er den Antrag einbrachte, war er noch Mitglied des Rosenheimer Seniorenbeirats, einige Zeit auch als dessen Vorsitzender. Er wusste und weiß also sehr genau, wie viele Probleme die unebenen Pflastersteine in der Innenstadt alten und immobilen Menschen bereiten, aber auch den jungen Müttern mit ihren Kinderwagen. Dass es bisher keine Lösung gibt, verärgert ihn zutiefst.
Wie gravierend das Problem, wie deutlich die Mängel mittlerweilen sind, das wissen ebenso die anderen Rosenheimer Stadträte. Selbst in der Stadtverwaltung sind die Klagen und Beschwerden mittlerweile vehement angekommen.
Dabei muss sich die Stadt nun auch den Vorwurf gefallen lassen, sie selbst sei nicht ganz unschuldig an dem schlechten Zustand der 35 Jahre alten Pflasterung. Jochen Baur vom Architekturbüro SEP München monierte während der jüngsten Ausschusssitzung, die Stadt sei bei der Reinigung des Pflasters nicht gerade zimperlich vorgegangen. Viel zu grob vielmehr hätten die Reinigungstrupps sauber gemacht. Das in Rosenheim verlegte Pflaster mit Natursteinbelag sei „der Perserteppich der Straßenbeläge“, sagte Baur – was offensichtlich niemand beachtet habe. Gleiches gilt nach Aussage von Baur für Ausbesserungsarbeiten, die über die Jahre immer wieder vorgenommen worden seien, etwa nach der Verlegung neuer Leitungen. „Da hat man aufgebuddelt und dann aber nicht mehr sauber zugemacht“, sagte Baur. Dessen Aussagen kommentierte Franz Opperer, Stadtrat der Grünen und Oberbürgermeisterkandidat, mit den Worten: „Vieles, was wir diskutiert haben, haben wir also selbst verschuldet.“
Doch auch Jochen Baur musste sich Kritik gefallen lassen. Gekommen, um verschiedene Varianten für eine Sanierung vorzustellen, war für die Stadträte schnell klar: Was Baur da zeigt, überzeugt uns nicht. „Wir sind nicht wirklich zufrieden“, stellten sowohl Horst Halser und Franz Opperer fest, ebenso wie der Fraktionsvorsitzende der CSU, Herbert Borrmann, und der SPD-Stadtrat Andreas Lakowski.
Jochen Baur hatte unterschiedliche Beispiele vorgetragen. Zwei Varianten stehen nun in der Diskussion. Die eine sieht vor, einen Mittelstreifen in voller Länge über den Platz, und bis zum Mittertor, zu ziehen. Ausgelegt mit großzügigen Platten und nahtlos verfugt, könnte dieser Streifen von all jenen benutzt werden, die auf eine barrierefreie Fläche am Max-Josefs-Platz angewiesen sind. Bei dieser Lösung müssten rund 900 Quadratmeter neu gestaltet werden. Eher kritisch diskutiert wird dabei die Frage nach der Optik. Immerhin, so sagte Baur selbst, gehe es um einen historisch sehr bedeutenden Platz. Er selbst lehnt diese Variante ab, nannte auch keine Details zu den anfallenden Kosten. Franz Opperer gab zudem zu bedenken: „Barrierefreiheit muss immer und überall gelten.“
Keine Probleme hinsichtlich des Stadtbildes gibt es bei der zweiten Variante: Denn sie sieht vor, den Platz bis hin zum Mittertor komplett neu zu gestalten. Auf rund 3000 Quadratmeter Fläche könnte dann geschnittenes Mischpflaster liegen, beispielsweise aus Granit, schlug Baur vor. Die Kosten für diese „große Lösung“ liegen bei rund 800000 Euro. Im besten Fall könnte davon 60 Prozent, also 480000 Euro, die Regierung von Oberbayern als Förderung zuschießen. Blieb für die Stadt eine Eigenleistung in Höhe von 520000 Euro. Eine Summe, die die Stadträte im Ausschuss mit einigem Erstaunen zur Kenntnis nahmen. Sie hatten offensichtlich mit einer höheren Ausgabe gerechnet.
Weitere Gespräche
in den Fraktionen
Mit einer Entscheidung allerdings zögerten dann doch alle Stadträte im Ausschuss. Denn für sie offen ist die Frage, was mit dem Ludwigsplatz passieren soll und mit der Heilig-Geist-Straße. Sie fordern eine genaue Aufstellung der Kosten für jeweils beide Varianten. Und sie wollen sich gerne anschauen, wie andere Städte das Problem mit den holprigen Plastersteinen gelöst haben. Etwa in den Innenstädten von Sonthofen und Kempten. Die Beratung geht nun erst einmal zurück an die Fraktionen.
ÖDP-Stadtrat Horst Halser übrigens ist es beinahe herzlich egal, welche der beiden Varianten letztlich umgesetzt wird. „Wenn es nur endlich eine Lösung gibt.“