Ein Stück Mauer für den Unterricht

von Redaktion

Nach OVB-Interview: IGG-Lehrer bekommt ein Stück deutsch-deutscher Geschichte

Rosenheim – Ein Stück der Berliner Mauer und ein Teil der Grenzbefestigung gehören jetzt zu den Unterrichtsmaterialien am Ignaz-Günther-Gymnasium in Rosenheim. Mitgebracht hat sie Andreas Wagner, Lehrer für Latein, Griechisch, Geschichte und Sozialkunde, von einer „Exkursion“ nach Nicklheim bei Raubling. Dort hatten die beiden historischen Stücke jahrelang in Kellern vor sich hingestaubt – bis zu einem Stammtischabend im Clubheim von Nicklheim. Doch der Reihe nach.

Am Anfang steht
ein Interview

Zum 30. Jahrestag des Mauerfalls erzählte Geschichtslehrer Andreas Wagner (46) in einem Interview mit unserer Zeitung davon, wie er seinen Zehntklässlern die Zeit vor und nach dem Mauerfall nahebringt. Und wie sehr viel lebendiger und aufgelockerter der Unterricht sei, wenn Schüler, deren Eltern in der ehemaligen DDR gelebt haben, Anschauungsmaterial mitbringen. Beispielsweise DDR-Münzen oder Ehrennadeln.

Erinnerung an

ein altes Geschenk

Diesen Text liest zu Hause in Nicklheim Andreas Bichlmair (82) – und erinnert sich an ein altes Päckchen, das bei ihm im Keller liegt. Ein Stück Grenzbefestigung aus dem Raum Blankenstein/Saale. Eingepackt in eine kleine Schachtel. Versehen mit einem Kärtchen, das mit türkisfarbenem Geschenkband an ein Stück Stacheldraht gebunden ist. Dieses Stück Erinnerung an die deutsch-deutsche Teilung hat Bichlmair einst geschenkt bekommen. Es muss 1989 oder 1990 gewesen sein – genau weiß er es nicht mehr – als wieder einmal ein Chauffeur der Blankensteiner Papierfabrik ein hohes Tier nach Raubling fuhr, zu einem Gedankenaustausch, wie er in der Wendezeit an vielen Orten üblich war. Im Gepäck hatte der Mann die kleine Box mit der Grenzbefestigung. Ein Werbegeschenk des Unternehmens, das der Chauffeur bewusst für Andreas Bichlmair mitbrachte. Den nämlich kannte er gut, fuhr Bichlmair doch die Vorstandsmitglieder der Papierfabrik Raubling häufiger in die andere Richtung, nach Blankenstein. „Wir sind damals ins Reden gekommen, er hat mir von der Grenzbefestigung erzählt. Und ich dachte mir, das wär‘ doch a Sach, wenn ich auch so ein Stück haben könnte.“

Über die Jahre allerdings verschwand der Karton im Keller. Geriet in Vergessenheit. Bis Bichlmair das Interview mit Andreas Wagner liest. Vielleicht wäre das was für den Lehrer, überlegt sich der 82-Jährige. Er ruft in der Redaktion an. Der Kontakt ist schnell hergestellt und Andreas Wagner macht sich auf den Weg nach Nicklheim. Dort erlebte er eine Überraschung.

Denn mittlerweile hat Bichlmair seinem Stammtisch-Freund Helmuth Brunner (79) von der Sache erzählt. Dem wiederum fällt das Stück Mauer ein, das er seit Langem im Keller aufbewahrt.

Sohn schlägt Brocken
Mauer selbst heraus

Ein besonderes Stück, denn sein damals 18 Jahre alter Sohn hatte den Brocken eigenhändig aus der Mauer in Berlin geschlagen, gemeinsam mit einigen Schulfreunden unmittelbar nach der Wende. Das könnte der Geschichtslehrer doch sicher auch gut gebrauchen, denken sich die beiden Senioren. Und so treffen sich am Ende Bichlmair, Brunner und Wagner zur Übergabe. Und natürlich für ein gemeinsames Foto samt der beiden neuen Unterrichtsmaterialien.

Am Ende ein
sinnvoller Zweck

Auf diese Weise hätten die Erinnerungsstücke doch am Ende noch einen sinnvollen Zweck gefunden, findet Andreas Bichlmair. Für ihn und seinen Freund Helmuth Brunner eine runde Sache: „Wir haben nicht nur erlebt, dass die Mauer fiel, sondern auch, dass sie gebaut wurde.

Für Andreas Wagner steht fest: Beide Stücke sollen ihren Platz finden im Gymnasium. Er werde einen geeigneten Platz suchen, und die Lehrer der zehnten Klassen auf das deutsch-deutsche Anschauungsmaterial hinweisen. Er ist zufrieden von seiner „Exkursion“ nach Nicklheim zurückgekehrt. Es sei die „rührende Geschichte“ zweier Männer, die den Mauerfall auf ihre Weise erlebt hätten. Und diese Erlebnisse nun „durch die Schenkung der beiden Original-Stücke mit unseren Schülern geteilt haben“.

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