„Irgendwann endet alles“

von Redaktion

Interview Hans und Sibylle Fritz schließen ihren Blumenladen am Friedhof

Rosenheim – Ein gepflegtes und geschmücktes Grab ist Ausdruck des liebevollen Gedenkens an verstorbene Angehörige. Mit großem Feingefühl und sicherem Gespür stehen Hans und Sibylle (71 und 65 Jahre alt) Fritz Trauernden zur Seite, um den richtigen Blumenschmuck für den letzten Erdenweg auszuwählen, das Grab zu schmücken und zu pflegen. Nach 31 Jahren verabschiedet sich das Ehepaar vom Blumenladen direkt am Friedhof an der Herbststraße in den Ruhestand.

Sie haben viel Zeit auf dem Friedhof verbracht. Dort ist der Tod stets präsent.

Aber auch das Leben. Angehörige pflegen die Gräber, Spaziergänger genießen die Stille. Man trifft sich, unterhält sich. Es wird nicht nur geweint, sondern auch gelacht. Und dann ist da noch die wunderschöne Natur. Bäume, Blumenpracht und Vögel, die zwitschern.

Dann ist der Friedhof für Sie ein schöner Ort?

Auf jeden Fall. Wenn wir im Sommer in aller Früh die Gräber gießen, die wir betreuen, genießen wir die Stille und Ruhe immer sehr. Manchmal begegnen wir sogar einem Eichkätzchen. Nur schade, dass man sich dann doch immer sehr sputen muss, um pünktlich um 8 Uhr im Laden zu sein.

Wie viele Gräber pflegen Sie derzeit?

Um die 300. Das ist anstrengend. Man muss sich ständig bücken. Mit zunehmendem Alter wird das immer schwieriger. Außerdem wird die Arbeit immer mehr. Weil sich die Friedhofskultur verändert. Immer mehr Gräber werden aufgegeben. Andere werden nicht mehr gepflegt, weil die Angehörigen weit weg wohnen. Das Unkraut breitet sich aus und das wirkt sich auch auf die Gräber aus, die von uns betreut werden. Wir müssen viel mehr zupfen als früher.

Wie sind Sie zu dieser Arbeit gekommen?

Unsere Gärtnerei existiert bereits in der dritten Generation. Das Blumengeschäft an der Herbststraße wurde nach Kriegsende, im Jahr 1949, gebaut. Immer zu Allerheiligen hatten wir in unmittelbarer Nähe vier Tage lang einen Stand mit Gestecken. Als die damaligen Ladenbesitzer in den Ruhestand gingen, hat sich das dann einfach so ergeben.

Wussten Sie, was auf Sie zukommt?

Eigentlich schon. Mit der Zeit haben wir uns halt weiterentwickelt und mit den Jahren kamen immer mehr Leute, die dann auch Blumen für sich zu Hause, Hochzeiten und Geburtstage bestellt haben.

Ihren Blumenladen besuchen sicher auch viele Trauernde. Brauchen Sie im Umgang mit diesen Menschen nicht auch psychologisches Geschick?

Wir sind keine Psychologen. Wichtig sind Herz und Feingefühl. Wir sind da, hören zu und sind hilfsbereit.

Was bedeutet für Sie
der Tod?

Er gehört zum Leben. Natürlich ist es etwas anderes, wenn im eigenen Familien- oder Bekanntenkreis jemand stirbt.

Ist es anders, wenn Sie den Grabschmuck für Menschen anfertigen, die Sie gekannt haben?

Wir fertigen jeden Blumenschmuck mit großer Achtsamkeit an, aber in so einem Fall ruft man sich mit jeder Blume, die man in die Hand nimmt, eine Erinnerung an den Verstorbenen ins Gedächtnis.

Am 31. Dezember sperren Sie den Blumenladen zu. Haben Sie Angst vor diesem Tag?

Natürlich wird uns das nicht leichtfallen. Aber irgendwann endet alles und dafür beginnt etwas Neues. Wir haben dann endlich mehr Zeit für unsere drei Enkelkinder und Ausflüge. Das alles kam in den vergangenen Jahren viel zu kurz.

Was wünschen Sie sich für das Geschäft?

Dass es dort gut weitergeht. Die Menschen brauchen in unmittelbarer Nähe des Friedhofes ein Geschäft, um Blumen zu kaufen oder manchmal auch nur, um ein Streichholz zu bekommen, damit sie eine Kerze am Grab ihrer Liebsten anzünden können. Sollte es keine Nachfolger für uns geben, wünschen wir uns, dass unsere Mitarbeiter eine andere gute Stelle finden. Wir alleine hätten den Laden nicht so gut entwickeln können. Dafür braucht man gutes Personal und das hatten wir.

Hat die Friedhofs-Kultur überhaupt eine Zukunft?

Auf jeden Fall. Gestorben wird immer und es muss immer einen Ort geben, an dem die Erinnerung an die Verstorbenen weiterleben kann.

Was sollte sich ändern?

Ein Café in unmittelbarer Nähe des Friedhofs wäre schön, beispielsweise gleich neben diesem Laden. Wir erleben immer wieder, dass sich die Angehörigen nach einer Beerdigung noch lange Zeit in diesem Bereich aufhalten und sich unterhalten. Bis in die Stadt ist es vielen viel zu weit. Außerdem sollte es auch noch viel mehr Bänke im Friedhof geben. Der Friedhof ist nicht nur ein Ort, an dem man sich an die Verstorbenen erinnern kann, sondern auch, um Ruhe und Frieden zu finden.

Interview: Karin Wunsam

Laden wird ausgeschrieben

Am 31. Dezember verabschieden sich Sibylle und Hans Fritz vom Friedhofs-Blumenladen in der Herbststraße. Das Ehepaar hat den Laden von der Stadt Rosenheim gepachtet. Diese teilt mit, dass in dem rund 50 Quadratmeter großen Häuschen auch künftig Blumen- und Grabschmuck verkauft werden sollen. Eine Ausschreibung, um einen neuen Pächter zu finden, soll bald erfolgen.wu

Artikel 2 von 11