Rosenheim – Anna Wieser und die Tracht – das ist eine Verbindung aus tiefer, innerer Überzeugung, die bereits seit Jahrzehnten besteht. Erst kürzlich ist die „Wieser-Nane“ aus Westerndorf am Wasen für ihre 70-jährige Mitgliedschaft im Trachtenverein „D’Kaltentaler“ Pang geehrt worden (wir berichteten). Zum Ende der bäuerlichen Volkstanzsaison, erzählt die 88-Jährige, wie es dazu gekommen ist, dass die Tracht einen so festen Platz in ihrem Leben einnimmt, und was sie sich für die Zukunft wünscht.
Geboren
im Gründungsjahr
Ihre Beziehung zur Tracht wurde der „Wieser-Nane“ quasi schon in die Wiege gelegt. Geboren im Gründungsjahr des Panger Trachtenvereins, 1931, war es nur eine Frage der Zeit bis sie, ihren Geschwistern folgend, zu den „Kaltentalern“ stoßen sollte. Heute der größte Traditionsverein im Stadtgebiet, waren es damals, wenige Jahre nach Kriegsende, genau sechs aktive Dirndl, die sich einmal pro Woche mit ein paar mehr Burschen zur Plattlerprobe einfanden. Treffpunkt war der Huberwirt, immer am Donnerstagabend. Das ist noch heute der Plattlertag. Die Trachtler räumten Tische und Bänke aus der Wirtsstube, um ausreichend Platz zum Tanzen und Drehen haben. Der Ziacherer spielte auf. „Es war immer eine Gaudi“, erzählt die „Wieserin“.
Die Tracht faszinierte Anna Wieser von der ersten Sekunde an. Die Bäuerinnen trugen damals Quastenhüte, erinnert sich die Westerndorferin. Das waren Erbstücke mit einer großen Bedeutung, die seit Jahren im Besitz der einzelnen Höfe waren. „Niemand wäre auf die Idee gekommen, ohne Hut in die Kirche zu gehen.“ Ein solcher „Bandlhut“ hatte den Wert eines ganzen Kalbes, sagte man. Unheimlich stolz fühlte sie sich deshalb, als sie vom benachbarten Anwesen einmal solche Hüte ausleihen durfte und etliche Jahre später ihren eigenen bekam. Bis nach Tirol fuhr sie schließlich, um goldene Quasten bei einem Hutmacher fertigen zu lassen. Preis: 200 Mark, eine enorme Investition. Im Gegensatz zu Gegenden wie Neubeuern oder Schönau bei Tuntenhausen waren im Rosenheimer Süden keine historischen Trachten vorhanden. „Am Samerberg waren die Gewänder schon über Generationen weitergegeben worden“, sagt Wieser. Anders in Pang. Denn die „D’Kaltentaler“ waren ein relativ junger Verein. Die Tracht vereinheitlichte sich erst nach und nach. Die heutige schwarze Festtracht der Frauen gab es anfangs gar nicht, farbige Dirndl schon. Erst mit Vorstand Georg Kaffl senior samt Ehefrau Ulla kam der große Aufschwung. Um so selbstbewusster präsentierten sich die Panger bei den Gaufesten. „Nach Lauterbach und Hochstätt fuhren wir mit dem Fahrrad, nach Straußdorf bei Grafing mit dem Zug und nach Oberaudorf mit dem Bus“, erinnert sich die Trachtlerin.
Der Anreise voraus ging viel Zeit, die sie damit verbrachte, das „Gwand“ zu richten, damit auch alles passt, beispielsweise für die Auftritte, für die wochenlang geprobt worden war. Noch aufwendiger war es, später auch ihre Kinder entsprechend einzukleiden.
Trachtenverein
wird zu Institution
Idealismus und Traditionsbewusstsein prägten die „D’Kaltentaler“ von Anfang an. Theater spielen, musizieren, Ausflüge unternehmen: das alles gab es schon immer. Der Trachtenverein wurde zur Institution, dessen Wiedererkennungsmerkmal das Gewand war.
„Die Tracht und der Trachtenverein sind mein Leben.“ Anna Wieser ist fit. Sie fährt fast jeden Tag mehr als zehn Kilometer mit dem Fahrrad und besucht noch heute die Veranstaltungen des Vereins – natürlich in Tracht. „Dass ich im Juli beim Gaufest in Pang dabei sein durfte, war wunderschön“, sagt sie.
Doch wie sieht sie die Zukunft? „Einen immer größeren Haufen zusammenzuhalten, wird nicht einfacher“, sagt sie.
Manchmal wünsche sie sich mehr Achtsamkeit und einen sorgsameren Umgang mit Ressourcen von der Gesellschaft.
Trotzdem blickt die 88-Jährige gelassen auf das, was kommt und strahlt dabei Ruhe aus, die ansteckt. Überhaupt: Die „Wieser-Nane“ sagt das, was man heute nur sehr selten hört: Sie ist zufrieden. „Alles hat seine Zeit“, ergänzt sie auf die Frage, was sie von heutigen, modernen Trachten und Trends halte.
Ihr innigster Wunsch: Dass es weiter geht mit dem Panger Trachtenverein und seiner Tracht.