Engagement ist Ehrensache

von Redaktion

Tag des Ehrenamtes Im Rosenheimer Frauenhaus fehlt es an Freiwilligen

Rosenheim – In Bayern sind 5,2 Millionen Menschen ehrenamtlich tätig. Sie sind der Kitt der Gesellschaft, engagieren sich dort, wo der Staat kein Geld übrig hat. Sie kümmern sich um Senioren, löschen Brände und messen Feinstaub. Doch viele Hilfsorganisationen, soziale Einrichtungen und Vereine können keine Ehrenamtlichen mehr finden. Dabei sind sie auf die Arbeit der freiwilligen Helfer angewiesen.

Eine Situation, die auch im Rosenheimer Frauenhaus nur allzu gut bekannt ist. Dort finden Frauen, die häusliche Gewalt erleben, und deren Kinder einen Ort der Sicherheit.

Vier Ehrenamtliche

im Frauenhaus tätig

Im Rosenheimer Frauenhaus arbeiten vier Ehrenamtliche, zwei in der Rufbereitschaft, zwei im Kinderbereich. Gebraucht werden doppelt so viele – mindestens. Das sagt die neue Leiterin Marita Koralewski (58). Sie ist eine von acht Festangestellten im Frauenhaus, arbeitet Seite an Seite mit drei Sozialpädagoginnen, einer Erzieherin, einer Hauswirtschafterin, einer Verwaltungs- und einer Teilzeitkraft. Die vier Ehrenamtlichen runden das Ganze ab.

Zwei von ihnen unterstützen die Erzieherin im Kinderbereich. Sie unternehmen Ausflüge mit den 16 Kindern, helfen bei den Hausaufgaben und entlasten die acht Mütter, die derzeit im Frauenhaus wohnen, so gut es geht.

Eine weitere wichtige Säule im Frauenhaus ist die Rufbereitschaft. Ein Telefondienst, der rund um die Uhr, an sieben Tagen in der Woche erreichbar ist. Getragen wird er von Ehrenamtlichen. Wie Mara Grünwald aus Riedering. Die 44-Jährige begann ihre Tätigkeit im Frauenhaus vor sechs Jahren. Sie machte eine Schulung, ließ sich Fragen rund um die Arbeit und die Aufgaben des Frauenhauses beantworten. Sie lernte, mit Krisensituationen umzugehen.

Heute weiß sie, was zu tun ist, wenn mitten in der Nacht das Telefon klingelt und eine verzweifelte Frau um Hilfe bittet. „Am Anfang habe ich mich nicht aus dem Haus getraut, habe das Telefon bewacht und immer mein Buch mit den ganzen Kontaktinformationen dabei gehabt“, sagt Grünwald.

Mittlerweile ist sie ein alter Hase. Sie ist von 17 bis 8 Uhr erreichbar, arbeitet auch am Wochenende. „Manchmal klingelt das Telefon mehrmals in der Nacht, manchmal eine ganze Woche nicht“, sagt Grünwald. Sie telefoniert mit der Polizei, hört Frauen zu, die nach einem Weg aus ihrer aussichtslosen Situation suchen. „Viele Frauen wollen einfach nur ihren Kummer loswerden“, sagt sie.

Merkt Grünwald, dass die Frauen akut in Gefahr sind, hilft sie bei der Unterbringung im Frauenhaus.

Mara Grünwald hatte in den vergangenen sechs Jahren mit vielen Schicksalen zu tun. „Man legt nicht auf und das Thema ist durch“, sagt sie. Trotzdem macht sie ihre Arbeit im Frauenhaus gern, kann sich im Moment nicht vorstellen, etwas anderes zu machen. „Als Frau, die selbst mitten im Leben steht, kann man sich oft nicht vorstellen, dass andere Frauen so etwas mit sich machen lassen“, sagt Mara Grünwald. Mittlerweile versteht sie die Zusammenhänge besser, weiß, warum die Frauen ihren Mann oft nicht verlassen wollen. „Es ist Wahnsinn, was Gewalt mit Frauen macht und wie lang der Weg da raus ist“, sagt sie.

Mara Grünwald ist bewusst, dass sie häusliche Gewalt nicht verhindern kann. Aber sie kann den Frauen, denen dieses Schicksal widerfahren ist und noch widerfährt, zur Seite stehen. Ihnen zuhören und helfen. „Ich würde es jederzeit wieder machen“, sagt sie.

Es sind Ehrenamtliche wie Mara Grünwald, ohne die unsere Gesellschaft nicht funktionieren würde. Das betont auch die Geschäftsstelle der Beauftragten der Bayerischen Staatsregierung für das Ehrenamt: „Eine Gesellschaft ohne Ehrenamt hätte weitreichende Folgen. Es gäbe keine Feuerwehr im Dorf, keinen Vereinssport, keine Asylhelferkreise oder keine Jugendgruppen. Der soziale Zusammenhalt wäre zweifellos in größter Gefahr.“ Es fehlt vor allem an Ehrenamtlichen, die sich längerfristig binden wollen.

Marita Koralewski, die Leiterin des Rosenheimer Frauenhauses, weiß das. „Ohne das Ehrenamt würde es das Frauenhaus sicherlich nicht geben“, sagt sie. Denn es waren Ehrenamtliche aus dem Sozialdienst katholischer Frauen gewesen, aus deren Tätigkeiten sich vor 30 Jahren das Frauenhaus entwickelt hat.

Zwar würde das Frauenhaus heute auch ohne den Einsatz von Ehrenamtlichen seinen Betrieb aufrecht erhalten können, dies bedürfe aber vieler organisatorischer Veränderungen, sagt Koralewski. Damit das Frauenhaus auch in Zukunft ein Zufluchtsort für hilfesuchende Frauen sein kann, braucht es deshalb weitere ehrenamtliche Unterstützung. Frauen wie Mara Grünwald eben.

Mehr Infos

Am heutigen Tag des Ehrenamtes hat der Sozialdienst katholischer Frauen einen Stand vor dem Karstadt Rosenheim. Von 9 bis 16 Uhr beantworten die Vertreterinnen Fragen rund um das Ehrenamt und knüpfen Kontakte. Weitere Informationen gibt es unter Telefon 08031/381478.

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