Rosenheim –„Einfach Weiterlaufen“ lautet die Botschaft auf einer hohen, schmalen Stele aus poliertem Schärdinger Granit, die sich direkt rechts an der Zufahrt zum Klinikum Rosenheim befindet. „Einfach Weiterlaufen“, leichter gesagt als getan, wenn man wie Rudl Endriß, Schöpfer dieses Kunstwerks aus dem Jahre 1998, wenige Jahre zuvor einen Schlaganfall erlitten hatte, und seither halbseitig gelähmt ist. „Einfach Weiterlaufen“, sich nicht aufgeben, nicht klein beigeben, nicht resignieren, sondern kämpfen, trainieren, den Weg zurück ins Leben finden. Für Patienten eines Klinikums könnte es kaum eine passendere Aufforderung geben.
Zeitloses Werk
aus Granit
2003 hatte es im Freibereich des Klinikums Rosenheim eine Ausstellung von Skulpturen von Rudl Endriß gegeben, die den Titel „Worte – Überdacht – Werte“ trug. Es war die erste einer lockeren Folge von Kunstpräsentationen und den Anstoß dazu hatte Professor Dr. Wolfgang Krawietz gegeben. Der Rosenheimer Kulturreferent Robert Berberich, der die Künstler vorschlug und die Kontakte herstellte, erinnert sich gerne daran, wie der kunstsinnige Ärztliche Direktor die Idee von Ausstellungen regionaler Kunstgrößen entwickelte und vorwärtstrieb. So folgten auf Rudl Endriß unter anderem Ferdinand Wörle sowie Ute Lechner und Hans Thurner. Da Kunst auch Geld braucht, ermunterte Krawietz seine Arztkollegen zur finanziellen Unterstützung. So konnte aus jeder dieser Klinikum-Ausstellungen ein Werk zum dauerhaften Verbleib angekauft werden.
Im Jahr 1998 hatte Rudl Endriß den sehr haltbaren und widerstandsfähigen Granitblock, den er persönlich auf dem Lagerplatz der Schärdinger Granitwerke im oberösterreichischen Sankt Florian am Inn ausgewählt hatte, bei Naturstein Franke in Rott am Inn nach seinen genauen Vorgaben zuschneiden und die Vorder- und Rückseiten polieren lassen. Da die schmalen Seitenflächen noch die raue Struktur des Bohrens und Brechens aus dem Steinbruch aufweisen, ergibt sich ein schöner Kontrast, der durch den ebenfalls rauen Sockelstein unterstrichen wird. Durch Sandstrahlen wurden auf der Vorderseite die Buchstaben EINFACH (horizontal, neun Zentimeter hoch) und WEITERLAUFEN (vertikal, zwölf Zentimeter hoch) eingetieft. Auf der Rückseite entsprechen dem zwei Farbfelder, eines oben horizontal in Rot und mittig darunter ein vertikaler Streifen in Grün. Wir sind es gewohnt, den roten Querstreifen als ein Signal zum Anhalten zu verstehen. Grün signalisiert uns Gehen. Also ein „Stopp and Go“. „Stopp“ durch Krankheit und „Go“ als Willensleistung.
Da Rudl Endriß nicht nur ein sehr kreativer, sondern auch ein praktisch veranlagter Mensch ist, wurde oben in die Granit-Stele ein Loch durchgebohrt. So lässt sich der schwere Stein mit einem Seil gut hochheben und transportieren.
Für die Ausstellung im Jahr 2003 im Gartenbereich des Klinikums wählten Rudl Endriß und Robert Berberich, beraten von Karin Rabausch, die als Professorin für Innenarchitektur an der Hochschule Rosenheim ein gutes Auge und eine sichere Hand für Raumgestaltung hat, die einzelnen Objekte auf dem großen Lager- und Ausstellungsgelände des Bildhauers im Gewerbegebiet von Söchtenau aus. Schon bei dieser Ausstellung hatte „Einfach Weiterlaufen“ diesen Platz rechts an der Einfahrt zum Klinikum in Rosenheim, und seither steht die Skulptur hier unverändert.
Ein wenig Moos und Flechten überziehen mittlerweile den Granit als Spuren der Zeit.