Rosenheim – Joseph hatte schon einmal bessere Tage. Niedergeschlagen sitzt er in einer Bar und schaut in sein Glas. Gerade eben hat ihm seine Freundin Maria offenbart, dass sie schwanger ist – das passt so gar nicht in Josephs Lebensplan. Nun steht er vor der Entscheidung: Will er sein eigenes Leben alleine weiterführen, oder dieses Schicksal annehmen?
Die etwas andere Weihnachtsgeschichte
Irgendwie ist es die Weihnachtsgeschichte, die die Jugend der Stadtteilkirche Rosenheim-Inn aufführt, und irgendwie ist es doch ganz anders. „Es geht darum, eine frohe Botschaft zu akzeptieren, ob man bereit ist, sein Leben danach zu richten“, sagt Simon Schroeder, der Idee zum Theaterstück „Joseph“ hatte und Regie führt. Der 24-jährige Rosenheimer absolviert derzeit den Masterstudiengang „Shakespeare and Creativity“ am Shakespeare Institut in Stratford-upon-Avon in England. Die Jugendlichen schrieben nicht nur zusammen mit Schroeder und den Hauptamtlichen das Skript und spielen die Figuren selbst, sie organisieren auch die Technik und die Werbung selbstständig. Für Yunes Baccouche, Gemeindereferent der Stadtteilkirche, ist dies ein neues Vorgehen, biblische Inhalte zu vermitteln: „Grundsätzlich ist jede Auseinandersetzung mit der Bibel eine Auseinandersetzung mit der christlichen Botschaft und mit Gott. Mit einem Theater kann man die Bibel für uns übersetzen.“ In der Zusammenarbeit mit Schroeder, einem ehemaligen Oberministranten, zu dem die Jugendlichen noch Kontakt hatten, kam man dann auf die Geschichte von Joseph.
In der Bibel findet der Mann Marias kaum Beachtung, kein einziges Mal kommt er selbst zu Wort. Das Stück will einen Zugang schaffen zu der Frage, was für Personen Maria und Joseph waren. Altbekanntes wird in einem neuen Gewand dargestellt: Das ganze Stück spielt in einer Bar, die der zukünftige Vater zufällig aufsucht. In ihr diskutiert Joseph mit der Barkeeperin (Melissa Tran), schwelgt mit einem alten Freund (Samuel Schepers) in Erinnerungen und hat eine eigentümliche Begegnung mit einem Landstreicher (Julian Tran). Er hadert mit Gott, stellt sich seine Zukunft vor und muss am Ende die Entscheidung treffen, ob er mit Maria den Weg gehen will oder seinen eigenen sucht.
„Ich denke, Joseph ist zunächst verzweifelt und überfordert, er kann mit seiner Situation nicht umgehen. Das ist vermutlich eine ganz natürliche Reaktion“, sagt Jakob Stengel, der Joseph spielt. Der 15-Jährige ist Oberministrant in der Stadtteilkirche. „Er wird einer Aufgabe zugeteilt, zu der man sich von selbst gar nicht entscheiden kann.“ Melissa Tran fügt hinzu: „Das ist auch heute relevant. Das Stück zeigt, das man nicht alles alleine schaffen kann. Man bekommt immer Hilfe, man kann immer mit jemanden reden.“ Joseph nicht zuletzt mit einer Barkeeperin.
Bereits vor einigen Jahren führte die Stadtteilkirche eigene Theaterstücke in der Kirche St. Hedwig auf, in denen es um die Historie der Bibel und der Kirche ging. In diesem Jahr soll ein Schritt zurückgemacht werden, um die Geschichte auch außerhalb des zeitlichen Kontextes zu sehen. „Wir wollen zeigen, dass es sich bei den Protagonisten auch um Dich und Mich handeln könnte“, sagt Schroeder. Obwohl die Geburt Jesu über 2000 Jahre her ist, sei die Geschichte von Joseph immer noch relevant. „Offen für andere Menschen und neue Situationen zu sein ist tief im Christentum verankert“, sagt Baccouche. Schroeder pflichtet ihm bei: „Die Figuren aus der Bibel sind 2000 Jahre alt, aber die Fälle ungeplanter Schwangerschaften oder Väter, die nicht für eine Familie bereit sind, passieren auch heute noch.“
Aufführung
am 15. Dezember
Wenn das Stück am Montag, 15. Dezember, um 19 Uhr in der Kirche St. Hedwig uraufgeführt wird, kann jeder Zuschauer etwas mitnehmen. „Sowohl treue Kirchgänger als auch Kirchenfremde sehen vielleicht, welchen Bezug die Bibel und der Glaube zu unserer alltäglichen Gegenwart hat“, sagt Schroeder. Eine weitere Aufführung findet am Dienstag, 17. Dezember, um 19 Uhr statt. Das Stück soll aus dem alltäglichen Trubel reißen, den Fokus auf wichtige Dinge legen, und die Zuschauer unterhalten. „Wenn wir das schaffen, haben wir alles erreicht“, sagt Schroeder.