Rosenheim – Anlässlich des 200. Geburtstags von Theodor Fontane hielt der Germanist Michael Schmidt auf Einladung der Goethe-Gesellschaft Rosenheim im Künstlerhof am Ludwigsplatz einen Vortrag über Fontanes ersten Berliner Gesellschaftsroman „L‘Adultera“. Unter dem Titel „Das Leben als Kopie“ erläuterte der Fontane-Kenner nicht nur Entstehungsgeschichte und Inhalt des Romans, sondern interpretierte auch die wichtigsten Szenen. Die Texte las Katja Hoffmann-Hazrati von der Thomas-Bernhard-Gesellschaft Salzburg.
„L‘Adultera“ spielt in der Gesellschaft des Großbürgertums und entstand 1879/1880. Geschildert wird die Geschichte der attraktiven Melanie van der Straaten, die mit dem 25 Jahre älteren Berliner Geschäftsmann Ezechiel van der Straaten verheiratet ist, mit dem sie zwei Töchter hat. Melanie leidet unter ungehobelten Bemerkungen ihres Mannes und seiner Eifersucht. Van der Straaten repräsentiert den Emporkömmling mit Geld und ohne echte Bildung.
Melanie
zeigt Mitleid
Als van der Straaten seiner Frau, ihre Untreue vorwegnehmend, eine Kopie von Tintorettos Bild „L‘Adultera“ schenkt – es zeigt die Szene mit Christus und der Ehebrecherin –, ist sie befremdet. Melanie zeigt Mitleid mit der Frau und findet, es sei „so viel Unschuld in ihrer Schuld“. Hazrati-Hoffmann sprach im Dialog der Eheleute die Melanie überzeugend distanziert, Schmidt gab mit schnoddrigem Berliner Jargon einen perfekten van der Straaten.
Bald werden van der Straatens Befürchtungen war. Melanie verliebt sich in Rubehn, den Sohn eines Geschäftsfreundes, den ihr Mann als Logiergast bei sich aufnimmt. Melanie und Rubehn sind sich sympathisch, musizieren gemeinsam und schätzen die Musik Wagners, mit dem ihr Gatte ebenso wenig anfangen kann wie der echte Autor Fontane. Auf einer Kahnfahrt kommen sich die beiden näher. Fontane habe für diese Szene drei Lieder ausgesucht, die symbolisch die heikle Situation beschreiben, sagte Schmidt.
In der künstlichen Atmosphäre eines Treibhauses, laut Schmidt „abgeschirmt von der Außenwelt des Materialismus“, finden Rubehn und Melanie zueinander. Melanie wird schwanger, beide fliehen nach Italien, womit Melanie ihre Hochzeitsreise wiederholt, nunmehr an einemOrt„des Heils, des Neubeginns“.
Fontanes Roman hat also ein „Happy End“, was damals auf Unverständnis stieß. Wieder nach Hause zurückgekehrt, werden Melanie und Rubehn von der Gesellschaft ausgegrenzt: Schließlich aber bauen sie sich eine, wenn auch bescheidene, neue Existenz auf. Georg Füchtner