„Wir sind für die Seele da“

von Redaktion

Mitarbeiter bei der Telefonseelsorge hören zu –auch während der Feiertage

Rosenheim – Weihnachten ist für viele Menschen das schönste Fest des Jahres. Es geht um Liebe, Nähe, Familie und Zusammensein. Doch für manche bedeutet die Weihnachtszeit vor allem eines: Einsamkeit. Die ehrenamtlichen Mitarbeiter der Telefonseelsorge haben Ohren für diejenigen, die niemanden haben, der ihnen wirklich zuhört. Sie nehmen sich Zeit und sie nehmen Anteil. Auch während der Feiertage.

Jedes Problem wird
ernst genommen

Eine, die, wie viele der Ehrenamtlichen, regelmäßig am anderen Ende der Leitung sitzen, ist Birgit Zimmer (56), die Leiterin der Telefonseelsorge Rosenheim. Sie sitzt in ihrem Büro und weiß, dass es für viele Menschen wichtig ist, bei ihr anzurufen, um über ihre Probleme zu sprechen. Über gescheiterte Beziehungen, Mobbing, immer wieder aufkommende Selbstzweifel, oder einen verlorenen Job. Birgit Zimmer versucht dann, zu helfen. Sie hört zu, stellt Fragen. Manchmal verweist sie an andere Hilfsorganisationen. Je nach dem, wie groß die Sorgen der Hilfesuchenden sind. „Die meisten wollen einfach mal alles loswerden und sich ausweinen“, sagt sie.

Seit sieben Jahren arbeitet die Münchnerin bei der Telefonseelsorge in Rosenheim. Eine Einrichtung, die von der Diakonie betrieben wird. Und die auch, zusammen mit der evangelischen Landeskirche, primär für die Finanzierung des Angebots zuständig ist. Zusätzlich gibt es Zuwendungen von der Stadt Rosenheim sowie vom Landkreis Rosenheim. Auch Spenden helfen, die Telefonseelsorge zu finanzieren. Schon immer habe sie im Seelsorgebereich tätig sein wollen, sagt Zimmer. Eigentlich als Pfarrerin, dann kam sie zur Telefonseelsorge. Seitdem hört sie zu, koordiniert die 64 ehrenamtlichen Mitarbeiter, die in Rosenheim tätig sind.

Gearbeitet wird im Schichtdienst, jeweils viereinhalb Stunden, rund um die Uhr. Es gibt den Telefondienst, aber auch eine Mail- und Chatberatung. Neu ist die App „Krisen-Kompass“. Immer mehr Menschen schreiben Mails, rund 80 wählen täglich die Nummer der Telefonseelsorge.

Eine Zahl, die sich auch während der Feiertage nicht groß verändert. Nur die Themen sind andere. „Weihnachten ist ein sensibles Thema. Da kommt viel hoch“, sagt Birgit Zimmer. Häufig drehen sich die Anrufe während dieser Tage um das Thema Familie.

Schnelle Hilfe
für den Moment

Einige der Anrufer haben den Kontakt zu Eltern oder Kindern abgebrochen, andere arbeiten die Vergangenheit auf. Die meisten sind allein, wollen mit dem Anruf aus der Einsamkeit ausbrechen. Wenn auch nur für eine kurze Zeit. „Wir sind für den Moment da, versuchen den Anrufern so gut es geht zu helfen und sie zu stärken“, sagt Zimmer. Überwiegend rufen Frauen an, ab und zu auch Männer. Betroffen sind Menschen allen Alters. „Die Einsamkeit zieht sich durch die Generationen“, sagt Zimmer.

Zimmer und ihre Kollegen nehmen sich Zeit für die Anrufer. Manchmal zehn Minuten, manchmal 30. Geht das Telefonat länger als eine Stunde, bricht man es in der Regel ab. „Das macht dann einfach keinen Sinn mehr“, sagt Zimmer. Ausnahmen sind Gespräche, in denen es um die Gefahr eines Suizids geht. „Da gibt es keine Grenze. Wir wollen die Menschen am Leben halten“, sagt Zimmer. Oft komme es nicht vor, das jemand mit Suizidgedanken anrufe. Trotzdem bleibe das Thema ein wichtiger Bestandteil der Arbeit der Telefonseelsorge. Gemeinsam wird nach Lösungen und Hilfsangeboten gesucht. Oft werde dem Anrufer angeboten Mails zu schreiben, dadurch eine Bezugsperson für einen längeren Zeitraum zu haben. Auch werden immer wieder Verträge ausgehandelt. Die Seelsorger bitten den Anrufer beispielsweise, am nächsten Tag wieder anzurufen, geben ihm eine konkrete Aufgabe, eine gewisse Verantwortung. In anschließenden Telefonaten wird dann über Therapiemöglichkeiten und Selbsthilfegruppen gesprochen. Nach einem Weg aus der scheinbar ausweglosen Situation gesucht.

Es sind Anrufe wie diese, die die Seelsorger oft am meisten prägen. Auch der Ungewissheit wegen. Nie wisse man, was nach dem Auflegen des Hörers passiere. „Man lernt, damit umzugehen“, sagt Zimmer. Sie selbst könne nach dem Arbeitstag abschalten, sich anderen Dingen widmen. „Durch das Telefon haben wir sowieso schon einen gewissen Abstand zu den Menschen“, sagt sie. Und irgendwie helfen sie und ihre Mitarbeiter ja doch. Sie nehmen die Betroffenen Ernst, begegnen ihnen auf Augenhöhe und suchen gemeinsam nach einer Lösung.

Unterstützung
dank Supervision

Umso wichtiger ist es, dass die Mitarbeiter der Telefonseelsorge entsprechend geschult werden. Sie durchlaufen eine einjährige Ausbildung, bekommen bei besonders schwierigen Situationen Unterstützung durch Supervision.

Birgit Zimmer weiß, dass sich nicht jede Situation lösen lässt. Gerade um die Weihnachtszeit. Sie rät deshalb Menschen, die wissen, dass sie an Heiligabend zu Hause sind, sich vorab zu überlegen, was sie machen wollen. Sie schlägt Kochen vor, den Abend mit einer Nachbarin zu verbringen oder in die Kirche zu gehen.

Und wenn die Einsamkeit doch überhandnimmt, dann kann man immer noch die Nummer der Telefonseelsorge wählen. Die Ehrenamtlichen hören gerne zu, auch in den kommenden Tagen. „Wir sind für die Seele da“, sagt Zimmer.

Weitere Infos

Die Seelsorge der Diakonie ist zu erreichen unter den Telefonnummern 0800/1110111 oder 0800/1110222116123. Das Angebot ist kostenlos. Auf der Internetseite www. telefonseelsorge.de gibt es Telefonnummern, sowie Links zur Mail- und Chatberatung.

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