Kolbermoor – Ludwig Reimeier (87) kann sich noch genau an die duftenden Plätzchen seiner Kindheit erinnern: Seine Mama Rosl backte in der Adventszeit jeden Sonntagnachmittag Kipferl, Linzer Augen und Lebkuchen – „meine Schwester und ich haben geholfen“, sagt der Altbürgermeister heute, wenn er an die Vorweihnachtszeit Ende der 30er-Jahre in Kolbermoor zurückdenkt. „Wir haben den Teig ausgestochen und etwas genascht.“ Bis zum Heiligabend lagen dann abends Plätzchen auf dem Teller, die die Reimeier-Kinder essen durften. „Ganz wenige – Kipferl, Linzer Augen und Lebkuchen, die hat Mama Rosl aus dem Effeff gekonnt.
Gesungen auf
dem Friedhof
Reimeiers Eltern, die beide 1907 geboren wurden, haben in der Spinnerei gearbeitet und wohnten in dem Hundert-Meter-Bau der Spinnerei an der Carl-Jordan-Straße. Dort ist Reimeier im Juli 1932 geboren. Dort sind er und seine zwei Jahre jüngere Schwester Christa, mit der er bis heute Weihnachten feiert, aufgewachsen. Ganz besonders war die Weihnachtszeit: „Es lag immer Schnee“, erinnert er sich. Und gemeinsam haben die Reimeier-Kinder mit ihrem Papa Josef Schneemänner gebaut.
Damals ist er in den Spinnerei-Kindergarten gegangen und da habe man zusammen Weihnachten gefeiert: „Es gab einen riesigen Christbaum und wir haben Geschenke bekommen – einen Baukasten oder ein Schaukelpferd. Außerdem Orangen, Äpfel und Süßigkeiten. Das war wirklich selten.“ Ja, der Spinnerei-Direktor habe sich großzügig gezeigt – und die Tante Stöckl im Spinnerei-Kindergarten hat viele Geschichten erzählt – „es war eine schöne Zeit“.
Der Heilige Abend lief im Hause Reimeier immer gleich ab: „Warten, warten, warten.“ Mama Rosl hat am 24. Dezember geputzt und alles hergerichtet – ihr blieb ja nur der 24. Dezember, sie hat ja ansonsten immer in der Kolbermoorer Spinnerei gearbeitet. „Ich war so aufgeregt, was das Christkind mir wohl bringt.“
Kurz vor 17 Uhr ging die Familie Reimeier zusammen auf den Friedhof. Dort sang auch der Gesangsverein – „ganz Kolbermoor traf sich dort“. „Und kurz vor Schluss sagte meine Mutter immer: Ich muss dringend nach Hause auf die Toilette. Das war wirklich immer so“, erinnert sich Reimeier und lacht. In dieser Zeit hat sie die Geschenke unter den Christbaum drapiert – „aber darauf sind wir erst viel, später gekommen“. Klar, Reimeier war 1932 fünf Jahre alt, Schwester Christa drei.
Bauernhof
aus Holz
Als die Drei dann in die Wohnung kamen, läutete die Mutter ein Glöckchen – das Christkind war da. Und die Reimeier-Geschwister gingen in die „gute Stube“, wo der Christbaum, den das Christkind geschmückt hatte, stand. „Kugeln und Lametta hingen daran und natürlich Kerzen“, erinnert er sich. Weihnachten 1937 war etwas ganz Besonderes, denn unter dem Christbaum stand ein Bauernhof aus Holz – Stall, Pferde und Kühe. „Das hat mir gefallen“, sagt er. Seine Vorfahren kamen nämlich aus Niederbayern und hatten einen Bauernhof. „Auch mein Vater hat immer von einem Bauernhof geschwärmt.“ Von den Geschenken waren die Kinder nicht wegzubekommen, auch nicht, als es Würstl gab. „Die gab es ja auch nicht jeden Tag.“ Und auch waren nicht jeden Tag so viele Verwandte zu Besuch an der Carl-Jordan-Straße: Onkel und Tanten waren auch in der „guten Stube“.
Heute feiert Reimeier mit seinem Sohn Weihnachten – dort sind auch seine Enkelkinder und es wird genascht – auch Kipferl, Linzer Augen und Lebkuchen, die Mama Rosl aus dem Effeff konnte.