Rosenheim – Als Zeichen der Liebe hingen die kleinen Schlösser aus Metall an den Brücken im Rosenheimer Mangfallpark. Rund 700 waren es zum Schluss – bis zu dem Tag, an dem sie die Stadt alle entfernen ließ, um die Brückenschäden zu sanieren, die so manch „Entliebter“ beim gewaltsamen Abmontieren hinterlassen hatte. Mit den Vorarbeiten zur Sanierung ist auch das Schloss von Kerstin Brandt (41) verschwunden. Und damit die Erinnerung an eine wunderbare Begegnung, ganz jenseits einer Liebesbeziehung.
Geburt, Liebe
und Freundschaft
Die Geschichte von Kerstin Brandt und ihrer Freundin Jasmin (Name geändert) erzählt das Leben im Zeitraffer. Erzählt von Geburt, von Liebe und Freundschaft. Und am Ende vom Tod. Es ist die Geschichte zweier Frauen aus Rosenheim. Beide sind Ende 30, beide haben Kinder. Es ist der Zufall, der sie aufeinandertreffen lässt, beim Mütterfrühstück in Rosenheim. Ein Moment, der so kurz und doch so lange ist, dass beide sehr schnell merken: Da ist eine große Sympathie, eine Vertrautheit sogar, die sich sonst oft erst nach einigen Monaten einstellt.
Zahlreiche Gemeinsamkeiten
Die beiden Frauen reden miteinander, stellen fest, dass sie aus unterschiedlichen Kulturen stammen und dass es viele Gemeinsamkeiten zwischen ihnen gibt. Am Ende dieses Vormittages ist daher klar: Dies ist der Beginn einer besonderen Freundschaft zwischen zwei Frauen, die ihr eigenes Leben in der jeweils eigenen Familie führen – und die doch von nun an ein Stück des Weges Seite an Seite gehen wollen.
Ein Anruf
ändert alles
Und so ist Kerstin Brandt nicht überrascht, als Jasmin bei ihr anruft. Doch der Grund dieses Anrufs ist nicht der Wunsch nach einem fröhlichen Wiedersehen. Es ist die Bitte um Anteilnahme, um Wärme und um Unterstützung: Jasmin erzählt, dass sie ihr Kind verloren hat. Der kleine Bub, beim Treffen im Müttercafé gerade einmal vier Monate alt, ist am Kindstod gestorben.
Fünf Jahre ist das nun bald her. Kerstin Brandt hat den Moment am Telefon nicht vergessen. „Einerseits war ich entsetzt und traurig über die schlimme Nachricht. Andererseits aber war ich berührt von so viel Vertrauen nach so kurzer Zeit.“ Welche Gewalt der Tod des Kindes haben wird, kann Kerstin Brandt sofort spüren. Sie ist selbst Mutter von drei Kindern, ihre Jüngste ist damals knapp zwei Jahre alt. Sofort ist klar: Sie muss und will Zeit aufwenden für die gerade neu gewonnene Freundin. Sie besucht Jasmin. Doch schon bald zeigt sich: Der Schmerz über den Verlust hält die Mutter fest umklammert. Körper und Seele nehmen Schaden. Jasmin kommt ins Krankenhaus nach Wasserburg. Die Beziehung zum Vater des Kindes hatte bereits vorher gekriselt, die Eltern leben in München. Jasmin fühlt sich allein.
Doch das Netz der Freunde fängt sie ein wenig auf. Jasmin findet zur Ruhe, scheint sich zu stabilisieren. „Wir haben geglaubt, dass es besser wird“, sagt Kerstin Brandt. Wie schön. Sogar ein Treffen in den Wochen vor Weihnachten scheint möglich. Eine sensible Zeit im Jahr für an der Seele wunde Menschen. Für all jene, die mit Verlust, Trauer und Einsamkeit zurechtkommen müssen.
Der Kontakt zwischen den beiden Freundinnen verläuft sich wieder ein bisschen. Kerstin Brandt hat viel zu tun an diesen Tagen vor Heiligabend. „Ich habe mich nicht gemeldet“, sagt sie und weint. Aber es liegt auch an Jasmin. Sie schottet sich ab. Als Kerstin Brandt sie dann doch anruft, ist das Handy ausgeschaltet. Jasmin hat die Kraft zum Leben verlassen, wie Kerstin Brandt erfahren muss. Sie lebt, aber sie liegt im Wachkoma.
Kerstin Brandt macht sich sofort auf den Weg, sieht die Freundin reglos im Bett liegen in einer Klinik in Bad Aibling. Hier wird sie wachen, nimmt sie sich vor. Jeden Sonntag, wann immer es der Alltag mit der Familie zulässt. Sie hält Wort. Sitzt am Bett von Jasmin und bangt.
Bis zu jenem Sonntag Wochen später. Jasmin liegt in ihrem Krankenbett. Ruhig wie immer. Doch dann bemerkt Kerstin Brandt eine Träne im Augenwinkel der Freundin. „Da wusste ich, Jasmin nimmt Abschied von mir. Es wird nicht mehr lange dauern.“ Zwei Tage später ist Jasmin tot.
Das Gedenken an die Freundin zu erhalten, diese Idee hat Kerstin Brandt im Kopf, als sie das kleine Schloss an der Brückenbrüstung am Rosenheimer Freibad anbringt. Hier, mit Blick auf die Berge, erinnert sie sich in den folgenden Monaten und Jahren an Jasmin und deren Sohn. Mutter und Bub sind nicht gemeinsam bestattet. Jasmin hat außerhalb von Bayern ihre letzte Ruhestätte gefunden.
Foto auf
dem Mini-Altar
Umso wichtiger das Schloss an der Brücke als Ort der Erinnerung. Und umso größer der Kummer, als Kerstin Brandt zwischen Weihnachten und Silvester 2019 feststellen muss, dass es dort nicht mehr hängt. Was bleibt, ist der Schlüssel zum Schloss, den sie an ihrem Schlüsselbund aufbewahrt, zusammen mit einem Herz.
Was ebenfalls bleibt, ist ein Handy-Foto von Jasmin mit Kind. Ein zweites steht daheim in der Wohnung. „Eine Art Mini-Altar“, wie sie sagt. Immer wieder fällt ihr Blick auf die Freundin. Erinnert sie an den Anfang einer besonderen Freundschaft, an Leben und Tod. Daran, dass alles schnell anders sein kann im Leben eines Menschen. „Ich schätze seitdem alles wert, was kommt und was passiert. Und ich weiß, dass es gut ist, den Mensch so zu nehmen, wie er ist.“