Eine schöne Schrift braucht Zeit

von Redaktion

Sie ist so charakteristisch wie ein Fingerabdruck und verrät viel über die Persönlichkeit eines Menschen: die Handschrift. Doch im digitalen Zeitalter werden Füller und Kugelschreiber immer häufiger von Tastaturen abgelöst. Heute ist Tag der Handschrift. Wir haben nachgefragt.

Rosenheim – Der Tag der Handschrift kommt aus den USA. Er wurde 1977 von der Writing Instrument Manufacturers Association eingeführt, um den positiven Einfluss des handschriftlichen Schreibens auf unser Leben hervorzuheben. Gefeiert wird immer am 23. Januar, dem Geburtstag von John Hancock. Er hat am 4. Juli 1776 als Erster die amerikanische Unabhängigkeitserklärung unterzeichnet.

Wie steht es um die Handschrift an den Rosenheimer Schulen?

Schönschrift wieder

als Schulfach?

An der Astrid-Lindgren–Grundschule wird sehr viel Wert auf eine saubere Handschrift gelegt. Obwohl es 60 Lern-Tablets an der Schule gibt, dürfen die Kinder am Tag nur maximal 20 Minuten damit arbeiten, betont Schulleiterin Ingeborg Thaler. An der Grundschule merkt man nach den Worten der Rektorin jedoch, dass heutzutage im Alltag der Kinder weniger Wert auf die Handschrift gelegt wird. Statt der Mama einen Zettel mit einer schriftlichen Notiz auf den Tisch zu legen, wird schnell eine Textnachricht mit dem Handy geschickt, wenn man zu den Nachbarskindern geht.

Deshalb werde es für die Lehrkräfte auch immer schwieriger, den Kindern eine ordentliche Handschrift beizubringen. Noten auf die Schrift gebe es schon lange nicht mehr. „Das ist eigentlich sehr schade“, findet die Schulleiterin. Sie setzt sich dafür ein, dass an ihrer Schule wieder das Fach „Schönschrift“ eingeführt wird. Doch im aktuellen Lehrplan fehle dazu einfach die Zeit. Trotzdem achte sie im Unterricht immer auf eine saubere Schrift. Wenn die Kinder ihre Aufgaben bereits erledigt haben und doch etwas Zeit übrig ist, gibt Thaler ihren Schülern gerne ein Blatt mit einem Text in Schönschrift. Diesen müssen die Kinder dann zeilenweise abschreiben. „Es macht ihnen total viel Spaß. Einfach schön zu schreiben. Das wird gut angenommen und sie freuen sich jedes Mal, etwas so Schönes zu erschaffen“.

Geschrieben wird an der Grundschule ab der zweiten Klasse generell mit Füller, um die Grundlage für eine schöne Handschrift zu gewährleisten. Und Thalers Erfahrung zeigt: obwohl die Schüler bis zur dritten Klasse Schreibschrift lernen, entscheiden sich viele von ihnen, in der vierten Klasse wieder in Druckschrift zu schreiben.

Am Gymnasium entwickelt dann die Mehrheit der Schüler eine Mischung aus Druck- und Schreibschrift. „Druckbuchstaben werden oft irgendwie verbunden, damit es schnell geht“, beschreibt es Studiendirektor Georg Suttner vom Sebastian-Finsterwalder-Gymnasium Rosenheim. Die Leserlichkeit habe dabei in den letzten Jahren nur minimal abgenommen. Auffallend sei jedoch, dass den Mädchen eine ästhetische Schrift wichtiger ist als den Jungs.

Ihr Schreibgerät dürfen die Schüler dabei in der Regel frei wählen. Grundsätzlich schreiben laut Suttner in der Unterstufe noch sehr viele Schüler mit Füller, in der Mittelstufe mischen sich Kugelschreiber und andere Stifte darunter.

Dennoch handle es sich um gar nicht so wenige Schüler, die bis zum Abitur mit Füller schreiben. „Der Füller ist also durchaus noch ein gängiges Schreibgerät, auch am Gymnasium“, stellt der Deutschlehrer fest. Am Sebastian-Finsterwalder-Gymnasium hält man an der Handschrift fest. „Sie ist nicht nur für die Persönlichkeitsentwicklung wichtig, sondern hilft auch beim Lernen. Schreiben selbst ist schon ein Lernprozess und setzt im Gedächtnis wichtige Impulse“, sagt Suttner.

Auch wenn sich Schulen immer mehr mit Problemen bei der Handschrift ihrer Schüler beschäftigen müssen, stellt der für die Grund- und Mittelschulen im Landkreis zuständige Schulamtsleiter Edgar Müller klar: „Gerade in der immer zunehmenden Technisierung, die Schülern ermöglicht, außerhalb der Schule auch ohne Handschrift auszukommen, beispielsweise durch Messenger-Dienste wie Whatsapp oder auch E-Mail- Programme, gerade aus diesem Grund ist die Bildung und Vermittlung einer sauberen und ausdrucksvollen Handschrift extrem wichtig. Deshalb wird in den Schulen auch sehr viel Wert drauf gelegt“.

Manchmal reicht das allerdings nicht aus. Schülern ist die Zeit in der Schule nicht immer genug, um eine schöne eigene Handschrift zu entwickeln. Hier gibt es – nicht nur für Schüler – Möglichkeiten, Kurse zu belegen und die eigene Handschrift zu verbessern. Auch der Gestalter und Kalligraf Dirk Gallasch aus Rosenheim gibt neben vielen anderen Schriftkunstkursen Nachhilfe in Sachen Handschrift. Inzwischen werden Schüler von ihren Eltern oder sogar von den Schulen zu ihm geschickt, um an ihrer Handschrift zu arbeiten.

„In der schnelllebigen Zeit des 21. Jahrhunderts muss auch die Handschrift möglichst schnell ausgeführt werden, Schriften werden dadurch unleserlich und nach wenigen Minuten verkrampft die Hand“, so Gallasch. Ihm ist wichtig: „Für seine Schrift muss man sich Zeit nehmen. Schön zu schreiben, das hat etwas meditatives.“

Das merkt man auch, als er mit ruhiger Hand zeigt, wie schön Schrift sein kann, indem er den Schriftzug der OVB Heimatzeitungen gestaltet. Er nimmt sich viel Zeit, wählt Feder, Tinte und Papier sorgfältig aus. Für Gallasch ist es entscheidend, „mit der eigenen Handschrift die Persönlichkeit darzustellen und gegenüber anderen Menschen emotionaler aufzutreten.“

Die Initiative „Tag der Handschrift“ findet Gallasch eine gute Sache. Es ist wichtig, in der digitalen Welt auf den Wert der Handschrift aufmerksam zu machen. Extra zelebrieren wird er den Tag aber nicht. Für ihn ist jeder Tag ein Tag der Handschrift.

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