„Keine Herzensangelegenheit“

von Redaktion

Bebauung am Bahngelände Nord: Kritik an der Architektur – Workshop geplant

Rosenheim – Es ist eines der ganz großen Bauvorhaben in Rosenheim: die Bebauung am Bahngelände Nord. Die Stadt hat die noch unbebauten Grundstücke verkauft an einen Investor. Nun liegen die Pläne der Architekten vor. Und sorgen für Unmut. Woher die Kritik kommt und warum Oberbürgermeisterin Gabriele Bauer (CSU) darüber entsetzt ist.

Es geht um echte Filetgrundstücke mitten in der Stadt, direkt am Bahnhof. Sie liegen zwischen der Münchener Straße im Norden, dem digitalen Gründerzentrum im Osten, der Eduard-Rüber-Straße im Süden sowie dem Brückenberg im Westen. Drei Baufelder, die die Stadt an die Erlanger Firma „Sontowski & Partner CD Verwaltungs GmbH“ und ihre Vorhabensträger verkauft hat. Über den Kaufpreis war Stillschweigen vereinbart worden.

Parkhaus, Hotel
und Büroflächen

Die Pläne von Sontowski sehen auf dem insgesamt 31470 Quadratmeter großen Areal ein Studentenwohnheim mit etwa 142 Appartements vor, in Verbindung mit Wohnen und Langzeitpflege für Senioren. Geplant sind zudem ein Parkhaus mit etwa 244 Stellplätzen, ein Hotel mit rund 145 Zimmern sowie kleine Läden, Bäcker, Gastronomie- und sonstige Dienstleistungsbetriebe. Dazu auch Büros, insbesondere in einem elf geschossigen, etwa 45 Meter hohen Turm, der das Gelände zum Brückenberg abrunden soll. Die Höhenentwicklung der übrigen Gebäude reicht bis zu einer Höhe von sieben Geschossen. Zwischen den Komplexen sollen kleine begrünte Flächen entstehen.

Wie im Detail gebaut werden soll, zeigen die Pläne des Nürnberger Büros, „ATP HAID Planungs GmbH“. Und die kamen nicht wirklich gut an bei den Stadträten im jüngsten Stadtentwicklungs- und Baugenehmigungsausschuss. Dass die schärfste Kritik ausgerechnet aus den Reihen der CSU kam, war dabei allerdings einigermaßen überraschend. Denn bisher hatten die Christsozialen das Projekt stets mitgetragen, waren es die Grünen und die SPD gewesen, die sich störten an dem Geplanten. Die SPD hatte sogar über ein Bürgerbegehren nachgedacht und insbesondere moniert, dass auf dem Gelände kein sozialer Wohnungsbau vorgesehen ist.

Dass nun gerade Vertreter der CSU kaum ein gutes Haar an dem Entwurf ließen, brachte Oberbürgermeisterin Bauer für einen Moment um die Fassung. CSU-Stadtrat Thomas Huber, der bei einer ersten Vorstellung des Konzepts noch von „hochwertigen Gewerbeflächen“ gesprochen hatte, sprach von „Standardarchitektur“, der jede Kreativität abgehe. „Man hätte sich was trauen können“, sagte er. Und bedauerte, es sei „sehr traurig“, was nun geplant sei. Auch Stadtrat Herbert Borrmann (CSU) zeigte sich wenig begeistert. Es sei eben nur der zweitbeste Entwurf, er sei „gediegen und praktisch“. Aber keine „Herzensangelegenheit“ wie der erste Entwurf – den ein früherer Investor vorgelegt hatte, der dann vom Projekt zurückgetreten war.

Oberbürgermeisterin Bauer reagierte konsterniert. Sprach von „tiefer Enttäuschung“, hatte offensichtlich nicht damit gerechnet, dass es im Ausschuss schwierig sein könnte, eine große Mehrheit für die Pläne zu bekommen. Es handle sich um „eines der prägendsten Projekte in der Stadt“, um das „Einfallstor zur Stadt“, das sie nicht mit knapper Mehrheit durchziehen wolle. „Ich will nicht, dass es an so exponierter Stelle heißt, das hat die OB am Ende ihrer Amtszeit noch schnell durchgedrückt“, sagte Bauer.

Unzufriedenheit bei
SPD und Grünen

CSU-Stadtrat und Oberbürgermeisterkandidat Andreas März versuchte, zu vermitteln. Sagte, er sei für die Pläne. Zugleich aber sei doch zu erwarten gewesen, dass es keinen einstimmigen Beschluss geben würde. Eine Einschätzung, die nicht schwer zu treffen war, angesichts der Ablehnung, die während vorausgegangener Abstimmungen von SPD und Grünen gekommen war. Auch diesmal blieben die Stadträte beider Fraktionen bei ihrer Kritik: Peter Weigel von den Grünen sprach von einer Chance, die man verpasst habe. Stadtrat Peter Rutz sagte, die Grünen trügen das Konzept inhaltlich mit, nicht aber die Gestaltung der Bebauung. Andreas Lankowski (SPD) nannte die Architektur „beliebig und austauschbar“. Außerdem sei das Nutzungskonzept „wenig durchdacht und wenig überzeugend“, sei geprägt von Gewerbeflächen, von denen man nicht wisse, ob man sie tatsächlich brauche.

In ihrer Verärgerung hatte Oberbürgermeisterin Bauer schon vorgeschlagen, die gesamte Planung an den Investor zurückzugeben. Ein Schritt, den die Stadträte dann aber nicht gehen wollten. Auf Vorschlag der Verwaltung soll es in Kürze einen Workshop geben, gemeinsam mit den Rosenheimer Stadträten und den Architekten aus Nürnberg. Die Maßgabe ist, die Fassaden der Baufelder 4 West und 5 zu überarbeiten. Die Entscheidung fiel im Ausschuss mit 9:2 Stimmen, im Stadtrat mit 35:6 Stimmen. Schon in der Ausschusssitzung am 23. April sollen die Architekten die überarbeiteten Pläne vorstellen.

Auer-Brauerei
prägt Straßenzug

Dass ein solcher Workshop die Planung grundlegend umwerfen wird, ist nicht zu erwarten. Auch der fehlende Bezug der geplanten Bebauung zu der bestehenden entlang der Münchener Straße, den SPD-Stadtrat Lankowski beklagt hatte, wird sich vermutlich nicht herstellen. An dieser Stelle wird immer neue auf alte Architektur treffen. Die historischen Bauten sind geprägt vom Ensemble der Auer-Brauerei, die 1889 eröffnete. Die Gebäude, zu denen einst eine Gastwirtschaft gehörte, stehen heute unter Denkmalschutz. Westlich angrenzend habe sich mit der Gaststätte „Zum Rangierbahnhof“ ein weiteres Lokal befunden, im heute noch bestehenden Haus Münchener Straße 86c, teilt Karl Mair mit, der Leiter des Stadtarchivs.

Der Name der Wirtschaft weist auf die frühere Bestimmung des Bahngelände Nord hin: Es stand insbesondere in der Nutzung der Deutschen Bahn, die hier Güter verlud und den Bereich zwischen Brückenberg und Münchener Straße als Rangierbahnhof nutzte. Außerdem fanden sich dort zwei Häuser mit Mietwohnungen für Eisenbahner. Wie Mair sagt, waren sie im Volksmund bekannt als „obere und „untere Kasern“, abgleitet vom Begriff Mietskaserne.

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