Verschiedene Wege zu gleichem Ziel

von Redaktion

OB-Kandidaten liefern sich Schlagabtausch: Ring frei für heiße Wahlkampfphase

Rosenheim – Bezahlbarer Wohnraum muss her, der öffentliche Nahverkehr soll massiv gestärkt werden und auch in sozialen Bereichen, wie Kinderbetreuung oder Barrierefreiheit, gibt es großen Nachholbedarf. Wie die vielen Herausforderungen zwischen Langenpfunzen im Norden, Pang im Süden, der Kastenau im Osten und der Schwaig im Westen gestemmt werden sollen, darin gehen die Meinungen der Anwärter auf das Oberbürgermeister-Amt auseinander. Im Rahmen einer Podiumsdiskussion, veranstaltet von der Stadtteilkirche „Am Zug“ zusammen mit der evangelischen Apostelkirche, standen jetzt sechs potenzielle Nachfolger von Gabriele Bauer Rede und Antwort. Die siebte, Ricarda Krüger (BüRo), kam wegen des AfD-Kandidaten nicht.

Besucher kamen
aus allen Stadtteilen

Es war ein gelungener Auftakt in einen intensiven Wahlkampf-Endspurt, wie es ihn in Rosenheim wohl schon lange nicht mehr gegeben hat. Das Interesse war riesig. Nicht einmal die zusätzlichen Sitzmöglichkeiten reichten für die Besucher aus, die aus sämtlichen Stadtteilen kamen und unter denen zahlreiche Stadträte, Vertreter des öffentlichen Lebens und Mitarbeiter der Verwaltung waren.

Rund 65000 Einwohner in der größten Stadt zwischen München und Salzburg sollen auch künftig gut und gerne hier leben. Darin sind sich Franz Opperer (Grüne), Robert Metzger (SPD), Andreas März (CSU), Andreas Kohlberger (AfD), Christine Degenhart (Freie Wähler) und Lars Blumenhofer (FDP) einig. Sie alle wollen als neues Stadtoberhaupt aber individuelle Schwerpunkte legen, Akzente setzen und neue Wege gehen. Wortwörtlich deutlich wurde das beim Thema „Verkehr“, das sich wie ein roter Faden durch den Abend zog.

Die Belastungen durch den Individualverkehr seien ein drängendes gesellschaftliches Thema, so Franz Opperer. Der Kandidat der Grünen hat sich deshalb die Förderung von Alternativen, allen voran das Fahrrad, auf die Fahne geschrieben und war gleich selbst zum Pfarrheim St. Michael geradelt. Von sicherer Infrastruktur und Mobilitätspunkten am Stadtrand mit Verleih und Schließfächern war die Rede. Eine funktionierende Nahversorgung soll zudem helfen, Autofahrten erst gar nicht entstehen zu lassen. „Wir müssen den Verkehr insgesamt entkrampfen“, äußerte sich SPD-Kandidat Robert Metzger ähnlich. Auch er möchte den Radfahrern mehr Raum geben. Aus eigener Erfahrung („95 Prozent meiner Wege per Rad“) kenne er viele Stellen, an denen Konflikte mit Pkw-Fahrern und Fußgängern entstehen.

Neue Radlwege abseits der Straße

Christine Degenhart („Fahrradfahrer haben Angst in Rosenheim“) kommt mit dem Drahtesel selbst zwar gut zurecht. Jedoch nur, weil sie kritische Stellen umfährt. Um sichere Verbindungen zu schaffen, müsse man über neue Wege abseits der Straßen nachdenken, so wie auf den Dämmen von Inn und Mangfall, nannte sie Beispiele. CSU-Kandidat Andreas März versprach, in fünf Jahren alle Radwege zu sanieren, Lücken im Netz zu schließen, Abstellmöglichkeiten zu vervielfachen und neue, überdachte zu schaffen. Warum das alles bisher unter einer CSU-geführten Stadtregierung nicht schon passiert sei? Weil er bis dato eben noch nicht so viel Einfluss in seiner Partei hatte, wie künftig, entkräftete er Vorwürfe der Stadtratsopposition.

Intensiv war die Diskussion zur zweiten Pkw-Alternative: Bus und Bahn. „Lassen wir die Kirche im Dorf“, so Christdemokrat März. Der tägliche Stau in Rosenheim sei doch gar nicht so katastrophal und das Bussystem nicht so unattraktiv, wie es immer dargestellt wird, sagte er. Wie das unmittelbar folgende Raunen des Publikums im Saal verriet, sahen das viele anders. „Wenn ich am Samstag um 14.30 Uhr an einer Haltestelle stehe und der nächste Bus am Montagmorgen fährt, hat das nichts mit einem guten System zu tun“, so Opperer. „Von einem gutem ÖPNV-System sind wir weit entfernt“, stimmte Lars Blumenhofer zu. Der FDP-Kandidat ist fest davon überzeugt, dass die Stadt ein Gesamtkonzept braucht. Von Verboten hält er gemäß seiner liberalen Überzeugung ebenso wenig wie Andreas Kohlberger von der AfD. Dieser kann sich neue Parkmöglichkeiten am Stadtrand und ein Shuttlebus-System in die Innenstadt, nach Vorbild des Kolbermoorer Stadtbusses, vorstellen.

Robert Metzger wunderte sich, dass das Liniensystem noch immer so zentral auf die Stadtmitte ausgerichtet sei – trotz enormer städtebaulicher Entwicklungen und eines großen Bevölkerungszuwachses. Dem Sozialdemokrat zufolge, der sich für einen kostenlosen ÖPNV einsetzen will, fehlen dringend Querverbindungen, wie von Aising zum Aicherpark oder von der Kastenau zum Klinikum. Christine Degenhart sah es als notwendig an, den Schülerverkehr vom regulären Linienverkehr zu trennen und konnte sich vorstellen, das „Erfolgsmodell Adventsbus“ auch auf alle Samstage oder bestimmte Feiertage auszuweiten.

Nachverdichten
– und zwar schnell

„Bauen und verdichten, unbürokratisch und schnell“, lautete die klare Devise der FDP auf die Frage, wie man endlich das Wohnraumproblem in der Stadt löst. Alles zuzubauen, davor warnten dagegen Architektin Degenhart („Wir brauchen eine Bodenvorratspolitik“) und Opperer. Für künftige Generationen solle man Grün- und Entwicklungsflächen in der zweitkleinsten kreisfreien Stadt Bayerns erhalten. Kohlberger forderte Gespräche zwischen Stadt und Privateigentümern, um leer stehende Wohnungen wieder zu nutzen und sah solches Potenzial beispielsweise an der Kaiserstraße.

Im Grunde einig waren sich alle sechs Redner, dass sie das Ehrenamt stärken und ein gutes Miteinander einer vielfältigen Stadtgesellschaft weiterhin unterstützen möchten. Bei der Bereitstellung von Kita- und Betreuungsplätzen sahen die Parteien Nachholbedarf, allen voran Robert Metzger („Gratis-Anspruch bis zum zwölften Lebensjahr“).

Große Unterschiede bei Barrierefreiheit

Nicht einig waren sie sich, was im Detail die Umsetzung der Barrierefreiheit betrifft. So überraschte Andreas März damit, nicht nur kurze, schmale Wege in der Fußgängerzone, sondern die gesamte Oberfläche vom Max-Josefs-Platz barrierefrei gestalten zu wollen. „Das ist mir zu viel“, entgegnete AfD-Kandidat Kohlberger. Zwei, drei Meter breite Streifen reichten aus. Handlungsbedarf gebe es stattdessen beim Thema öffentliche, behindertengerechte Toiletten: „Da müssen unbedingt mehr her.“ Christine Degenhart („Barrierefreiheit ist ein Kernthema für mich“) will bei der Inklusion die Arbeitgeber in die Pflicht nehmen.

„Ausgaben zu streichen, davon halte ich nichts“, so Blumenhofer, angesprochen auf den Schuldenstand der Stadt – eine Frage aus dem Publikum. Die Region sei wirtschaftlich stark, Rosenheim gehe es gut. Schulden seien kein Thema hier, im Vergleich zu Berlin und anderen vergleichbaren Kommunen im Osten Deutschlands. Metzger sah kein Haushalts-, sondern ein Gewerbesteuerproblem, weshalb man den Wirtschaftsstandort neu beleben müsse. Leer stehende Läden wieder voll zu bringen, forderte Kohlberger. Opperer kann sich einen Handwerkerpark für heimische Betriebe vorstellen.

„Es ist Ihre Wahl, gehen Sie wählen“, zeigte sich Prodekan Pfarrer Sebastian Heindl am Ende erfreut über den großen Zuspruch und sprach den beiden Moderatoren, Rolf Zollner und Barbara Heuel, seinen Dank aus.

Ein kurzer Zwischenfall gegen 19.50 Uhr, als eine Gruppe von Störenfrieden für wenige Minuten das Podium gestürmt und ein Anti-AfD-Banner gehisst hatte, war da schon wieder fast vergessen. Denn nach der Androhung, die Polizei zu rufen und nach Ausübung des Hausrechts durch das Team der Stadtteilkirche waren die rund acht Personen schnell aus dem Saal draußen. aez

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