Lange Tradition: Der Laden in der Kaiserstraße hat eine 400-jährige Geschichte.
Rosenheim – Christine von Wartburg führt eines der ältesten Geschäfte Rosenheims. Seit 75 Jahren. Aufzuhören kommt für sie nicht in Frage. Sie weiß, dass mit der Schließung des Kerzenfachhandels Ruedorffer ein Stück Stadtgeschichte verloren gehen würde. Heute feiert Christine von Wartburg ihren 96. Geburtstag.
Vieles an dem Laden in der Kaiserstraße 1 erinnert an vergangene Zeiten. Die Türglocke an der Decke, die uralte Waage. Die Bonbons in offenen Gläsern. Gläser, an deren Ecken rotes und grünes Klebeband befestigt ist. Es ist ein Laden mit einer 400-jährigen Geschichte. Ein Laden, in dem Christine von Wartburg schon als Kind ihren Eltern über die Schulter schaute, um in den Verkauf hineinzuwachsen.
Mit 16 Jahren steigt
sie ins Geschäft ein
Christine von Wartburg gehört der Familie Ruedorffer an, Rosenheims wohl bekanntester Lebzelter- und Wachszieherdynastie. Seit Mitte des 16. Jahrhunderts ist die Familie in Rosenheim ansässig, bewohnte schon damals das Haus in der Kaiserstraße 1. Als der langjährige Landtagsabgeordnete Sebastian Ruedorffer, der letzte männliche Spross der Rosenheimer Linie, im Jahr 1926 starb, starb auch das Geschlecht aus. Das Geschäft übernahm nach Ruedoffers Tod – so geht es aus den Unterlagen des Rosenheimer Stadtarchivs hervor – sein Schwiegersohn Caspar Hart, der Vater von Christine von Wartburg. Die spätere Erbin des Geschäfts war damals gerade einmal zwei Jahre alt. Mit 16 Jahren stieg Christine von Wartburg selbst ins Geschäft ein, kümmert sich seitdem um den Verkauf der Waren.
Viel verändert habe sich in den vergangenen 80 Jahren nicht, sagt die gelernte Einzelhandelskauffrau. Auch das Sortiment ist fast identisch. Die bunten Bonbons mit Geschmacksrichtungen wie Pfefferminz, Lakritze oder Himbeere für fünf Cent gehören zum Markenzeichen. Der Kerzenverkauf aber ist das Hauptstandbein. Für jeden Anlass hat Christine von Wartburg die passende Kerze. „Für besondere Tage braucht man besondere Kerzen“, sagt sie. Weder der Online-Handel noch andere Geschäfte könnten mit ihrem Angebot in diesem Bereich konkurrieren. Früher hatte sie sich auf Altarkerzen spezialisiert, die Familie stellte die Kerzen selbst her und belieferte die umliegenden Kirchen.
Mittlerweile haben sie die Produktion der Kerzen aufgegeben, beziehen sie von Wachsziehern aus der Region. Über die Jahre hat sich auch die Nachfrage nach den Kerzen verändert. Waren einst Altarkerzen besonders gefragt, sind es heute Kommunions,- Oster- und Brautkerzen.
Gerade zur Kommunionszeit ist in ihrem Laden besonders viel los, sagt Christine von Wartburg. Außerdem gebe es etliche Stammkunden. Auch Touristen würden den Laden immer wieder besuchen. Jedes Jahr wieder kommen sie vorbei, kaufen ein Souvenir. Eine der alten Holzschnitzereien, eine Kerze oder eine Tüte gefüllt mit Bonbons, Lutschpastillen und anderen Süßigkeiten. Obendrauf gibt es einen Plausch mit der Ladenbesitzerin.
Es ist genau dieser Kontakt mit den Kunden, der Christine von Wartburg so viel Spaß macht. „Wenn es mir keinen Spaß machen würde, würde ich es nicht machen“, sagt sie. Für sie Grund genug, im hohen Alter weiterzuarbeiten.
Also steht sie seit 80 Jahren jeden Tag um 7 Uhr auf, macht Frühstück, kauft ein und sperrt pünktlich um 10 Uhr auf. Sie zeichnet die Waren mit Preisschildern aus. Berät Kunden. Kümmert sich, gemeinsam mit ihren Angestellten, um die Inventur und gibt Bestellungen auf.
Reisen nach Hawaii,
Dubai und Mexiko
„Ich habe mein Geschäft noch nie zugemacht“, sagt sie. Und das obwohl Christine von Wartburg gerne und viel reist. Sie war in Brasilien, Dubai und Mexiko. Sonnte sich auf Hawaii und schaute sich Sehenswürdigkeiten in Amerika an. Zurück in die Heimat habe es sie trotzdem immer wieder gezogen. Eben auch wegen ihres Ladens, um den sich während ihrer Abwesenheit die Angestellten kümmerten.
Ein Leben ohne ihr Geschäft kann sich die 96-Jährige nicht vorstellen. „Mir würde auf jeden Fall was fehlen“, sagt sie. Und doch wird der Tag kommen, an dem Christine von Wartburg ihren Laden zum letzten Mal zusperrt. Denn einen Nachfolger gibt es nicht. „Ich mache so lange weiter, bis es nicht mehr geht.“. Etwas kürzer tritt sie trotzdem: Seit einigen Monaten hat das Geschäft jeden Montag geschlossen. Dann genießt die 96-Jährige ihre Freizeit, verbringt Zeit mit ihrer Familie und geht in die Berge. Seit 80 Jahren ist sie Mitglied im Alpenverein, unternimmt nach wie vor jeden Sonntag eine kleine Tour.
Ans Ausruhen denkt sie an ihrem heutigen Geburtstag nicht. Punkt 10 Uhr wird sie ihr Geschäft öffnen, wird Kerzen und Bonbons verkaufen, die Kunden beraten. Wie seit 75 Jahren.