Rosenheim – Papiertüten voller Abfall, Kartonagen in allen Größen, Flaschen und Umverpackungen aller Art: Unrat zuhauf stapelt sich immer wieder vor den Containern an den Wertstoffinseln in Rosenheim. Wo eigentlich Ordnung herrschen sollte, sieht es dann aus wie auf einer Mülldeponie. So mancher Anwohner regiert verärgert. Die Stadt mahnt zu mehr Sorgfalt beim Entsorgen. Doch es gibt auch andere Vorschläge, wie man dem Müllfrevel Herr werden könnte.
Blick vom Balkon
fällt auf Abfall
Helmut R. Pfeiffer hat die Nase gestrichen voll. Der 74-Jährige wohnt an der Höttingerstraße in Rosenheim und kämpft seit Jahren für mehr Sauberkeit an der Wertstoffinsel vor seinem Balkon. Schon im Jahr 2014 hatte er in einer Mail an das städtische Umweltamt von einem „Saustall“ vor dem Haus gesprochen. Darin beklagt er nicht nur die Müllberge vor den Containern, sondern auch „die lieben Mitmenschen“, die „ohne jegliche Scheu auch am Wochenende ihren Dreck einfach vor die Container werfen“. Bis heute habe sich die Situation höchstens für ein paar Tage verbessert, sagt Pfeiffer – und beklagt schlimme Zustände auch an der Sammelstelle Rechenauerstraße/ Ebersberger Straße.
Dabei ist Pfeiffer beileibe nicht der einzige Rosenheimer, dem die Müllberge stinken. Aufnahmen von der Wertstoffinsel vor dem Rewe an der Ebersberger Straße zeigen ebenso wüste Zustände wie an der Container-Anlage beim Real an der Kufsteiner Straße. Offensichtlich sammeln Müllsünder regelmäßig ihren unsortierten Abfall daheim in großen Papiertüten und Kartons, um das Gesamtpaket dann an der Wertstoffinsel zu entsorgen – auch wenn die Container voll sind.
Doch wer hat Schuld an diesem Müll-Debakel? Anwohner Pfeiffer nimmt die Stadt in die Pflicht. Vor allem nach langen Wochenenden und nach Feiertagen seien die Abfallberge ein Graus, sagt er. Und geht davon aus, dass „nur häufigere Leerungszeiten vor allem vor dem Wochenende, am Freitagnachmittag oder Samstagvormittag „eine geringe Besserung bringen“. Dazu müsste es viel häufiger Kontrollen geben, zu verschiedenen Tagezeiten und zudem abends und nachts. Dazu müssten die Müllsünder mit „Anzeigen und empfindlichen Geldstrafen“ zur Rechenschaft gezogen werden, findet er.
Für die Entsorgung und Verwertung der Wertstoffe, Problemstoffe und des Sondermülls sind die Stadtwerke Rosenheim (SWRO) zuständig. Wobei die SWRO das Papier einsammelt und die Wertstoffinsel reinigt. Die Leichtverpackungen und das Glas nimmt im Auftrag der dualen Systeme ein Dienstleister mit. Die Leerung regelt die Stadt nach Bedarf: Fällt viel Abfall an, wird häufiger geleert, zum Teil auch täglich, meldet sie. Was um die Container herum liegen bleibt, lässt die Stadt von „Wertstoffinselreinigern“ regelmäßig an allen 80 Inseln aufsammeln und entsorgen. Dass sich dennoch regelmäßig Müllberge vor den Containern bilden, liegt nach Ansicht der Stadtverwaltung an der Unvernunft der Menschen. Die nämlich ließen Abfall, der nicht eingeworfen werden darf, einfach stehen. Obwohl das ausdrücklich verboten ist. Wenn dann die Reinigungskräfte im Spezialfahrzeug anrücken müssen, fielen zusätzliche Kosten an, die von der Allgemeinheit getragen werden müssten. Daher bittet die Stadt: Wenn einer der Container voll ist, sollte man seinen Abfall in einem anderen Container an einer anderen Sammelstelle entsorgen.
CSU fordert mehr
Videoüberwachung
Zusätzliche Container wird die Stadt nicht aufstellen. Der Platz auf den Wertstoffinseln sei in der Regel vollständig genutzt. Zusätzliche Inseln einzurichten, ist nach Auskunft der Stadt schwierig. Das liegt zum einen an fehlenden passenden Standorten und auch daran, dass viele Anwohner solche Containerplätze in ihrem Wohnquartier ablehnen.
Innerhalb der Sammelstellen nimmt die an der Hochfellnstraße eine besondere Stellung ein. Sie wird seit 2017 per Videokamera überwacht. Heute nehmen drei Kameras das Geschehen auf. Die technische Betreuung übernimmt die EDV-Abteilung der Stadt. Für die Auswertung ist das Umwelt- und Grünflächenamt verantwortlich. Dabei müssen datenschutzrechtliche Vorgaben beachtet werden. So dürfen etwa keine Gesichter aufgenommen werden. Wird aber beispielsweise das Autokennzeichen eines Müllsünders aufgenommen, kann die Stadt den Halter ermitteln und zur Rechenschaft ziehen.
Die Kosten für eine einzige Videokamera beziffert die Stadt im „mittleren vierstelligen Bereich“. Dazu kommen Ausgaben für Strom, Internet und die Bereitstellung des Servers.
Der CSU geht die bisherige Videoüberwachung nicht weit genug. In einem Antrag fordert die Stadtratsfraktion, dass die Fahrer der Sammelfahrzeuge Handy-Aufnahmen machen sollen, an besonders vermüllten Wertstoffinseln, vor allem, wenn Sperrmüll abgeladen wurde. Diese Aufnahmen seien an einen Mitarbeiter der Stadt zu mailen, der die Bilder auswerten und „die Verursacher des Missstandes feststellen und zur Verantwortung ziehen“ sollte. Dass sich die Situation an der Hochfellnstraße trotz der Kameras nicht nachhaltig verbessert hat, liegt nach Ansicht der CSU, an der unregelmäßigen Auswertung der Aufnahmen. Videoüberwachung als letzte Lösung? Anwohner Helmut R. Pfeiffer jedenfalls hat die Erfahrung gemacht, dass gutes Zureden wenig hilft. Im Gegenteil. Wer Müllsünder anspreche, müsse damit rechnen, „beschimpft und bedroht“ zu werden, sagt er.
Digitaler Sensor
misst Füllstand
Die FDP Rosenheim reagiert auf den CSU-Vorstoß ablehnend. Oberbürgermeisterkandidat Lars Blumenhofer teilt in einer Pressemeldung mit, Videoüberwachung löse keine Probleme, sondern verlagere diese. Besser sei es, digitale Lösungen zu nutzen, etwa die Füllstandsensorik.
Die gibt es bereits. Im Testbetrieb sind zehn Container in der Stadt mit einem solchen Sensor ausgestattet, der eine Mitteilung an ein übergeordnetes Managementsystem sendet, sobald ein vorab festgelegter Füllstand erreicht ist, der eine Leerung des Containers notwendig macht. Mithilfe der Daten können gezielt Routen für die Sammelfahrzeuge festgelegt werden. Diese wiederum erhalten die Fahrer aufs Handy. Das Projekt soll im Rahmen von „Smart City Rosenheim“, einer Zusammenarbeit von Vertretern der Stadtwerke, der Komro, der Technischen Hochschule Rosenheim und des „Stellwerk 18“, weiterentwickelt werden.