Rosenheim – Es klingt nach einem Projekt mit viel Charme. Zu dem eigentlich niemand Nein sagen kann, weil es Vorteile mit sich bringen und Generationen zusammenführen kann. Die Rede ist von „Wohnen für Hilfe“ und der Idee, dass Senioren Studenten bei sich wohnen lassen und dafür von ihnen Unterstützung im Alltag bekommen. Doch gibt es dafür überhaupt Bedarf in der Stadt?
Alternative
Wohnmodelle
Alternative Wohnmodelle sind im Trend. Hohe Mieten, fehlender Wohnraum, immer mehr Zuzug in den Städten und eine zunehmende Zahl an Menschen, die allein leben, sind Grundlage dafür, über andere Wohnformen nachzudenken. „Wohnen für Hilfe“ gehört dazu und will vor allem zwei Personengruppen ansprechen: Senioren, die, etwa nach dem Tod des Partners und/oder dem Auszug der Kinder, allein auf großer Fläche leben, eventuell sogar im eigenen Haus. Und auf der anderen Seite junge Studierende, die auf der Suche sind nach preiswertem Wohnraum sind. Beide Gruppen gibt es auch in Rosenheim.
Ob sich Rosenheimer Senioren und Studenten der Technischen Hochschule (TH) Rosenheim zusammenbringen lassen, das will jetzt der Verein „Pro Senioren Rosenheim“ herausfinden. Er hat daher einen Fragebogen entwickelt, der sich an die älteren Menschen in der Stadt wendet. Er fragt nach dem vorhandenen Wohnraum, der vermietet werden könnte, und danach, welche Hilfeleistungen im Gegenzug erwünscht wären.
Inge Ilgenfritz liegt das Projekt am Herzen. Die 77-jährige Vorsitzende des Vereins weiß aber, dass es Bedenken und Ängste gibt, gerade unter den Senioren. Einen Fremden in die eigenen vier Wände zu lassen, seine vielleicht über Jahre entwickelten Gewohnheiten an die Gewohnheiten eines anderen Menschen anzupassen und zugleich ein Stück seiner eigenen Persönlichkeit offenbaren zu müssen: Das sind Hürden, die zu überwinden vielen Senioren schwerfällt. Inge Ilgenfritz hat Verständnis für diese Ängste und verspricht: Wer sich auf „Wohnen für Hilfe“ einlässt, der geht eine zeitlich befristete Wohnpatenschaft ein und wird dabei nicht allein gelassen. Sowohl die Senioren als auch die Studenten werden im gemeinsamen Miteinander begleitet. Gibt es Probleme, hilft ein Moderator, sie zu lösen. Ziel aber sei es schon von vorneherein, Menschen zusammenzubringen, „von denen wir glauben, dass es gehen wird“, sagt Ilgenfritz.
Parallel zum Verein „Pro Senioren Rosenheim“, läuft an der TH eine Online-Befragung, initiiert von der Studentenvertretung. Auch hier soll der Bedarf geklärt werden, insbesondere aber auch, welche Arbeiten die Studenten übernehmen würden. Aufgaben in der Pflege gehören dabei grundsätzlich nicht dazu. Klar ist dennoch: Wer das Angebot nutzt, zieht nicht in eine Studenten-WG, muss ein Stück weit Verantwortung übernehmen und sich einlassen können, auf die Bedürfnisse und Erwartungen eines älteren Menschen.
Erst wenn Ende März der Rücklauf aller Fragebögen ausgewertet ist, will der Verein entscheiden, ob „Wohnen für Hilfe“ in Rosenheim funktionieren kann. Schon jetzt ist klar, sollte das Projekt ins Laufen kommen, stehen insgesamt 15000 Euro pro Jahr zur Verfügung.
Es ist der zweite Versuch, „Wohnen für Hilfe“ in der Stadt zu etablieren. Ein erster war an der mangelnden Resonanz unter den Wohnraum-Anbietern gescheitert. Bereits im Juni vergangenen Jahres hatte es eine Absichtserklärung für einen Neustart gegeben. Unterzeichnet hatten sie Architektin und Stadträtin Christine Degenhart, die Leiterin ist des Arbeitskreises „Neue Wohnformen“ von „Pro Senioren Rosenheim“ und sich derzeit für die Freien Wähler/UP Rosenheim um das Amt als Oberbürgermeisterin bewirbt. Außerdem haben der Vertreter der TH-Studenten, Michael Server, unterzeichnet sowie Brigitte Kutka, die stellvertretende Vorsitzende des Seniorenbeirats, und Katharina Gaiduk, damals Projektleiterin im Mehrgenerationenhaus der Arbeiterwohlfahrt.
In Münster
seit zehn Jahren
„Wohnen für Hilfe“ läuft in anderen deutschen Städten bereits seit vielen Jahren. Etwa in Münster, wo es das Angebot bereits seit mehr als zehn Jahren gibt. Die Zahl der Vermittlungen lag in der Zeit von 2009 bis 2019 bei rund 260. Eine Bilanz, die einigermaßen ernüchternd wirke, sagt Inge Ilgenfritz. Trotzdem wollen sie und ihre Mitstreiter sich nicht entmutigen lassen – und hoffen auf viel positive Resonanz bei der Umfrage.