Rosenheim – Gleich sieben OB-Kandidaten sind es 2020 bei der Kommunalwahl in Rosenheim: Gab es das schon einmal? Ist eine Stichwahl unvermeidbar? Ja und Nein. Sieben Kandidaten hat es tatsächlich schon einmal gegeben. Das war 1996. Zu einer Stichwahl kam es damals allerdings nicht.
Viele Beobachter rechnen damit, dass es diesmal zur ersten OB-Stichwahl in der Stadtgeschichte kommen wird. Gabriele Bauer (seit 2002 im Amt), die wie zuvor Dr. Michael Stöcker (1977 bis 2002) eine Ära prägte, hört nach 18 Jahren auf.
Nun wollen Andreas März (CSU), Franz Opperer (Grüne), Christine Degenhart (FW/UP) Andreas Kohlberger (AfD), Robert Metzger (SPD), Lars Blumenhofer (FDP) und Ricarda Krüger vom linken Bündnis für Rosenheim (Bü-Ro) auf den Chefsessel im Rathaus. Als OB darf sich am Sonntagabend nur feiern lassen, wer auf Anhieb mehr als 50 Prozent der Stimmen holt. Ist dies nicht der Fall, kommt es zwei Wochen später zum Duell der Kandidaten mit den zwei besten Ergebnissen.
Die Rosenheimer haben es mit zwei Wahlzetteln zu tun. Neben dem oder der OB wählen sie auch den neuen 44-köpfigen Stadtrat.
Hier ein Streifzug durch fast 50 Jahre Rosenheimer Kommunalwahlgeschichte.
1971: Im Hochsommer
wählen 70 Prozent
Wahltag ist der 27. Juni. 26500 Rosenheimer sind wahlberechtigt – deutlich mehr als 1965, weil die Happinger dazugekommen sind. „Es wäre recht, wenn es nicht ganz schön und nicht ganz schlecht wird“, hofft Wahlamtsleiter Sedlbauer auf ideales Wahl-Wetter. 70,5 Prozent der Wahlberechtigten gehen zur Urne.
Der amtierende CSU-OB Dr. Hans Steinbeißer (61,8 Prozent) setzt sich dabei so klar gegen den Münchner Wirtschaftsrat Dr. Hans Bleibinhaus (SPD, 31,2 Prozent) durch, dass von einer „heftigen Niederlage der SPD“ berichtet wird.
1977: Stöcker, Kuko
Kranzhorn und KPD
Wieder wird im Sommer gewählt. Wahlberechtigt sind am 3. Juli 27000 Rosenheimer, die Beteiligung liegt bei 69,5 Prozent. Das große Reizthema ist der angestrebte Bau der Stadthalle (Kuko). CSU-Kandidat Dr. Michael Stöcker (39) besteigt am Wahlsonntag bei strahlendem Sonnenschein das Kranzhorn – und auch an der Urne ist er obenauf. Mit 56,8 Prozent gewinnt er klarer als erwartet gegen Hans Schneide, SPD (42,6).
Auch die Deutsche Kommunistische Partei mischt mit. Die Kandidatur von DKP-Bewerber Schildhauer (0,6 Prozent), so schreiben die OVB-Heimatzeitungen, „kann man vergessen“.
Einen Tag nach der OB-Wahl befürwortet der Stadtrat mit 24 Stimmen von CSU und UP gegen 13 SPD-Stimmen die Aufnahme des Projektes Stadthalle (Kuko) ins Programm für Zukunftsförderung.
1983: Verrat und eine
„Schlammschlacht“
36000 Wahlberechtigte sind es 1983 – 9000 mehr als 1977, weil die Stadtteile Aising, Pang und Westerndorf St. Peter eingemeindet wurden. Sie bringen ein Stimmenpotenzial mit, das mehrheitlich der CSU zugerechnet wird. Die Stadthalle ist seit Herbst 1982 fertig.
Bei bestem Badewetter am 27. Juni zieht es viele an die Seen statt an die Urnen, die Wahlbeteiligung fällt auf 54,4 Prozent. Nach einer „Schlammschlacht mit gegenseitigen Beschimpfungen, dem Herumreichen sogenannter Geheimpapiere und Verrätern in den eigenen CSU-Reihen“, wie das OVB schreibt, geht Dr. Stöcker auch im zweiten Duell mit Schneider mit 63,3 Prozent als klarer Sieger hervor. Der Herausforderer kommt auf nur 33,2 Prozent – was manche auch auf die Gebietsreform von 1978 mit eher konservativen Wählerschichten zurückführen.
Stöcker (45) macht sich gleich am Montag nach der Wahl an die Arbeit. Die Ziele: das Defizit im Krankenhausbetrieb zurückfahren und reinen Tisch in der eigenen Partei machen. Doch bei der Stadtratswahl 1984 verliert die CSU die absolute Mehrheit im Rat, Grüne und BP kommen neu hinein.
1989: Hattrick des OB
und der Starbulls
1989 klettert die Wahlbeteiligung auf 70 Prozent. Stöcker schafft den Hattrick mit starken 63,9 Prozent, Herausforderer Kurt Müller (erst vor Wochen verstorben) muss sich mit 31,1 Prozent begnügen. „Jetzt kann ich meine Vorstellungen von einer ökologischen und humanen Stadtentwicklung verwirklichen“, sieht Stöcker seinen Kurs bestätigt.
Aber es ziehen dunkle Wolken auf. Der Sportbund Rosenheim (heute Starbulls) ist soeben zum dritten Mal deutscher Eishockey-Meister geworden – und ruft zusammen mit dem Mäzen nach einer neuen Arena. Viele Fans sehen 1990 und 1991, als der Streit um die Stadionfrage eskaliert und die Stadt spaltet, im OB den Totengräber des Spitzeneishockeys in Rosenheim.
1996: Die Stichwahl
ist schnell vom Tisch
Ab 1996 wird der Rosenheimer OB wieder „regulär“ im März gewählt. Eine Stichwahl hätte den OB tief getroffen, aber dazu kommt es nicht – trotz Eishockey-Niedergang und sechs Gegenkandidaten. Stöcker kommt auch bei der vierten Kandidatur deutlich über die 50-Prozent-Marke und hängt Andreas Lakowski von der SPD (23,4) ab.
Eine Stichwahl ist schon nach den ersten Hochrechnungen um 18.30 Uhr kein Thema mehr. Lakowski ist nur im Wahlbezirk Kindergarten Aisingerwies, der von der Panorama-Schwaig-Umfahrung (Eröffnung 2007) betroffen ist, auf OB-Kurs. Dort holt er mit 48,3 Prozent sein bestes Resultat.
Der große Vertrauensbeweis für Stöcker könne allerdings nicht über die erschreckend schwache Wahlbeteiligung (53,9 Prozent) hinwegtäuschen, analysiert das OVB. Im Stadtrat legt die CSU wieder um drei Sitze zu, zur absoluten Mehrheit reicht das aber nicht.
2002: Erste Frau an
der Spitze der Stadt
2002 steht erstmals eine Frau an der Spitze der Stadt. Stöcker, der Vierteljahrhundert-OB, zieht sich zurück, aber auch gegen die CSU-Kandidatin Gabriele Bauer (54 Prozent) hat Andreas Lakowski (29,7) keine Chance. Die Wahlbeteiligung sinkt auf das Rekordtief von 50,1 Prozent. Stöcker fällt der Abschied schwer. Er bekommt feuchte Augen, als er seinen Schreibtisch räumt, während sich die Rundfunksender und Zeitungsleute um die neue OB reißen. Vor laufenden Kameras wiederholt Bauer ihre Ziele: eine gesunde Verkehrsinfrastruktur schaffen, den Wirtschaftsstandort stärken, den Haushalt konsolidieren.
2008: Emma stürmt
und Gabi trumpft auf
2008 gelingt Gabriele Bauer ein Paukenschlag: Während das Sturmtief Emma so manchen CSU-Bürgermeister aus dem Rathaus fegt, holt Bauer ein Traumergebnis. 69,2 Prozent – das beste Resultat einer OB-Wahl seit dem Zweiten Weltkrieg. Und es gibt viel zu tun: Mit der Landesgartenschau 2010 will die Stadt einen weiteren Meilenstein setzen. Doch das Bürgerinteresse schwindet weiter. Erstmals liegt die Wahlbeteiligung (45,2) unter 50 Prozent.
2014: Die Mehrheit
bleibt diesmal daheim
Alt-OB Dr. Stöcker stirbt im März 2013 im Alter von 75 Jahren. Knapp ein Jahr danach titelt das OVB mit „Ein strahlender Sieg“, weil Gabriele Bauer (61) den Hattrick fast genau mit dem Ergebnis von 2008 schafft.
Wieder hofft die SPD vergeblich auf eine Stichwahl. Um 19.46 Uhr steht das Ergebnis fest. Herausforderer Robert Metzger schafft nicht einmal 20 Prozent. Ernüchternd auch die Wahlbeteiligung: 40,9 Prozent.
Doch davon lässt sich die CSU die gute Laune nicht verderben. Es gibt Beifall und Blumensträuße für die alte und neue OB. Am Wahltag hat sie getan, was sie immer tue, wenn sie „überaus aufgeregt“ ist, aufräumen, von Schrank zu Schrank: „Ich habe Ordnung in mein Leben gebracht, um für die nächsten sechs Jahre gerüstet zu sein.“
Im neuen Rat gibt es nur geringfügige Verschiebungen. Wichtigste Änderung: Die Republikaner verlieren nach dem Verlust eines Mandats den Fraktionsstatus und sind nicht mehr in den Ausschüssen vertreten. Dort werden die Weichen für wichtige Entscheidungen gestellt. Die Sitzverteilung: CSU 21 (+1), SPD 9 (0), Grüne 7 (+2), FW/UP 4 (0), REP 2 (-1), FDP, ÖDP je 1 (0).