Rosenheim/Lazise – Leere Straßen, Menschen voller Furcht und immer neue Todesfälle: Italien leidet ganz besonders unter den Folgen der Corona-Pandemie. Julia Lorenzer aus Rosenheim weiß das. Sie lebt in den Wintermonaten in Lazise. Die 41-Jährige berichtet über das Leben in der Rosenheimer Partnerstadt. Von einem Alltag, den es nicht mehr gibt. Es herrscht Ausnahmezustand.
Jeden Tag steigt
die Zahl der Toten
„Ich wache morgens auf und denke, das war alles nur ein Albtraum. Aber es ist real: Es fahren keine Autos auf den Straßen. Niemand ist draußen unterwegs. Man hört keine Stimmen, auch die Kirchenglocken sind verstummt. Die Lokalzeitung veröffentlicht jeden Tag höhere Todesziffern, daneben von Kindern gemalte Bilder unter dem Motto: „Andrà tutto bene“ („Alles wird gut“).
Ständig ist die Angst da, dass die Situation noch schlimmer wird. Seit zehn Tagen darf man die Wohnung nur noch unter bestimmten Bedingungen verlassen: zum Einkaufen, zum Arbeiten und bei Notfällen. Nach mehr als einer Woche unter diesen Umständen wünscht man sich einfach nur Normalität.
Am vorletzten Montag wollten wir abends eigentlich einen Krimi im Fernsehen schauen. Auf einmal wurde das Programm unterbrochen und Ministerpräsident Giuseppe Conte hielt eine sehr ernste Ansprache. Er teilte den Italienern mit, dass sie ihre Gewohnheiten ändern müssten, und zwar sofort. Ganz Italien wurde zur Schutzzone erklärt, und die Leute sollten ab nun zu Hause bleiben. Wir waren schockiert und konnten es gar nicht glauben.
Wenn man die Wohnung verlässt, muss man eine sogenannte Selbsterklärung mit sich führen, in der der Grund angegeben ist. Wird man ohne triftigen Anlass draußen erwischt, muss man mit einer Geldstrafe von über 200 Euro rechnen. Als Deutsche dürften wir aber jederzeit ausreisen, allerdings ohne in Österreich anzuhalten. Wir bleiben jetzt aber erst einmal hier und schauen, wie sich die Situation entwickelt. Gestern hat Ministerpräsident Conte verkündet, dass die Maßnahmen sicherlich verlängert werden müssen.
In der Wohnung fühlen wir uns sicher. Generell ist die Stimmung aber sehr bedrückt. Gleichzeitig herrscht auch eine Art Solidaritätsgefühl, alle sind sehr freundlich zueinander.
Seit drei Wochen gehen wir nur noch einmal in der Woche zum Großeinkauf. Wir verlassen die Wohnung sonst nicht. Zum Glück haben wir einen Balkon und einen Garten. So kommen wir wenigstens ein bisschen an die frische Luft und können das schöne Frühlingswetter genießen. Wir arbeiten beide von Zuhause aus, deshalb sind wir es gewohnt, viel Zeit drinnen zu verbringen.
Der menschliche Kontakt fehlt mir trotzdem sehr. Auch für die Kinder aus der Nachbarschaft ist die Situation schlimm. Wenn wir auf dem Balkon sitzen, winken wir unseren Nachbarn zu oder tauschen uns kurz aus. Seit einigen Tagen gibt es italienweit eine Aktion: Die Menschen gehen zu bestimmten Zeiten auf ihre Balkone oder an ihre Fenster, singen zusammen, manche spielen auf Instrumenten. Und jeden Tag gibt es einen Applaus für die Ärzte und Pfleger in den Kliniken, die momentan Übermenschliches leisten.
Manche Läden darf man nicht ohne Handschuhe betreten. Das Personal trägt oft zusätzlich einen Mundschutz. An den Türen stehen Spender mit Desinfektionsmitteln bereit. Im Supermarkt machen die Leute einen großen Bogen umeinander. Beim Bäcker dürfen immer nur zwei Leute gleichzeitig rein.
Keine Hamsterkäufe trotz ernster Lage
Das Bemerkenswerte ist, dass es in Lazise keine Hamsterkäufe gibt. Wir lesen immer, dass man in Deutschland kein Toilettenpapier mehr bekommt, das ist hier überhaupt kein Problem.
Kontakt nach Rosenheim habe ich täglich. Meine 60-jährige Mutter wohnt in der Gemeinde Rohrdorf. Ich sage ihr immer wieder, dass sie zu Hause bleiben soll. Wir wissen, dass die Situation sehr ernst ist. Alle müssen versuchen, ihren Beitrag dazu zu leisten, dass die Verbreitung des Virus eingedämmt wird.
Ich selbst hätte vor Kurzem noch nicht gedacht, dass die Situation so ernst wird. Das Problem ist nicht, dass man sich selbst ansteckt, sondern dass man das Virus verbreitet und damit Ältere und Schwächere gefährdet. Das Gesundheitssystem in Teilen Italiens ist schon jetzt überfordert. Es gibt viel zu wenig Personal, um mit dem großen Aufkommen an Intensivpatienten fertig zu werden.
Es ist nicht ausgeschlossen, dass es in Deutschland zu ähnlichen Schwierigkeiten kommt. Deshalb rate ich allen: Bitte bleibt daheim. Nehmt die Situation ernst. Wascht euch regelmäßig die Hände, haltet Abstand. Hier in Italien laufen im Fernsehen regelmäßig Spots mit Prominenten, die erklären: „Io resto a casa“ („Ich bleibe zu Hause“). Ich denke, das sollten auch die Menschen in Deutschland beherzigen.“ Protokoll: Anna Heise