Rosenheim – Wenn ein Mensch stirbt, bleiben die Angehörigen in Trauer zurück. Trost mag es spenden, wenn am Ende der Blick auf ein ausgesprochen erfülltes Leben fällt. Ein Leben, wie das von Susanne Feindor, die am 14. März im Alter von 94 Jahren gestorben ist. Den Rosenheimern wird sie nicht nur als Trägerin der Bürgermedaille in Gold in Erinnerung bleiben, sondern auch als Vorsitzende des Diakonischen Werks.
1945 Umzug
nach Rosenheim
Susanne Feindor war ein „bemerkenswertes Weibsbild“. So jedenfalls hieß der Titel einer Ausstellung, die das evangelische Bildungswerk vor sieben Jahren initiiert hatte. Eine Sammlung von Lebensläufen, die von acht Frauen und deren Geschichte erzählen. Frauen mit besonderer Begabung, Biografie oder bemerkenswerter Charaktere sollten es sein. Die Wahl fiel auch auf Susanne Feindor.
Sie hat wohl alle dieser drei Kriterien in sich vereint: So jedenfalls wird es deutlich, wenn ihr Sohn Roland Feindor, langjähriger Dekan der Fakultät für Informatik an der TH Rosenheim, über seine Mutter spricht. Ihre Begabung war es, auf Menschen zuzugehen, sie in ihrem Wesen zu erfassen und zu spüren, wann es angebracht war, zu helfen. Diese soziale Kompetenz kam nicht von ungefähr: 1925 in Kolberg/Pommern als Susanne Parge geboren, erfuhr sie schon als junge Frau, was Vertreibung und Flucht bedeuten. Was es heißt, alles zu verlieren und neu anfangen zu müssen. Im Kopf den Wunsch, Journalistin zu werden, kam sie 1945 nach Rosenheim, arbeitete dort von 1946 an als Hausangestellte. Heiratete im gleichen Jahr Wolfgang Feindor und brachte in den folgenden Jahren vier Kinder zur Welt: Roland, den Ältesten, Burghard, Heidi und, 1955, den jüngsten Spross Bernd. Viele Jahre lebte die Familie auf engstem Raum zusammen, bis endlich im Jahr 1964 der Hausbau in der Kastenau möglich wurde. „In den ersten 30 Jahren ihres Lebens hat meine Mutter schon sehr, sehr viel erlebt“, sagt Roland Feindor, der in einem Video für das Zeitzeugen-Projekt des Historischen Vereins mit ihr über diese entbehrungsreichen Jahre gesprochen hat.
Mit vier Kindern daheim habe die Mutter den Traum vom Journalistenleben nicht mehr realisieren können, sagt Roland Feindor. Eine Festanstellung sei nicht möglich gewesen. Doch auch in freier Autorenschaft machte sich Susanne Feindor einen Namen. So schrieb sie die erste Biografie für Franz Beckenbauer und arbeitete auch für das OVB-Medienhaus.
Andere Aufgaben kamen rasch hinzu: Sie gründete das erste Kabarett in der Stadt, übernahm Pflegschaften und Vormundschaften vor Gericht, zudem den Vorsitz im Diakonischen Werk. Und gründete schließlich eine Ortsgruppe von „Al-Anon“, der Familiengruppe für Angehörige von Alkoholkranken. Dies, so sagt Roland Feindor, sei unter scharfem Widerspruch seines Vaters geschehen, der befürchtete, die Rosenheimer könnten annehmen, er selbst sei Alkoholiker.
Ein Detail, das belegt, wie eigenständig und selbstbewusst Susanne Feindor agierte. Im Rahmen der Ausstellung „Bemerkenswerte Weibsbilder“ wird sie mit dem Satz zitiert: „Ich war emanzipiert, ehe man dieses Wort erfunden hat.“
Eine bemerkenswerte Frau, das blieb sie bis ins hohe Alter. Sie reiste gerne und weit. Fuhr mit dem eigenen Wagen nach Kroatien und besuchte vielfach Venedig.