Rosenheim – Der Chor an der Rosenheimer Erlöserkirche will am 12. Juli ein Sommerkonzert geben. Ob diese Veranstaltung stattfindet, ist aufgrund der Corona-Krise fraglich. Geprobt wird trotzdem. Auf ungewöhnliche Weise.
An die neue Situation muss sich Dekanatskantor Johannes Eppelein (31) erst noch gewöhnen. Am Telefon erzählt er, dass er nun immer ganz allein im evangelischen Gemeindehaus der Erlöserkirche steht. Wo sich sonst rund 80 Chormitglieder tummeln, herrscht jetzt gähnende Leere. Vor seinem Keyboard hat er eine Kamera aufgebaut. Man sieht den Notenständer, ein Notenheft, im Hintergrund ein zweites Klavier und einen Teil vom Heiligen Kreuz. Wenige Sekunden später tritt auch Eppelein ins Bild. „Hallo und herzlich willkommen zu unserer Online-Chorprobe“ sagt er. Wenn er spricht, hallt seine Stimme durch den leeren Raum.
Lob und Kritik auch während Onlineprobe
Eppelein begrüßt die Mitglieder, spricht vom „besonderen Chor-Spirit“, gibt einen Überblick. Es folgt ein kurzes Warm-up, dann beginnt die Probe. Das erste Lied ist eine Wiederholung, war bereits Teil des Sommerkonzertes im vergangenen Jahr. „Eins, zwei, drei“ stimmt Eppelein an, dann ertönen die ersten Klänge von dem Lied „Have a nice day“. Er singt, spielt dazu auf seinem Keyboard. Er schnipst mit den Fingern, wechselt zwischen laut und leise. „Da waren manche zu schnell. Könnt Ihr Euch gleich eintragen, an dieser Stelle wird es langsamer“, gibt er die ersten Anweisungen. Hören und sehen kann er die Chormitglieder zwar nicht, aber er „kenne eben seine Pappenheimer“, sagt er später. Er wiederholt das Lied, geht auf die einzelnen Strophen ein. Er lobt, kritisiert. „Ich sehe, dass da noch viele in die Pause reinsemmeln, die sollte eigentlich frei bleiben“, sagt er und übt besagte Stelle gleich noch einmal. Dann geht es weiter zum nächsten Lied. „My soul waits in silence“. Ein Stück, mit dem sich der Chor bereits in der vergangenen Woche beschäftigt hat. Er beginnt in der Mitte des Liedes, übersetzt die ersten Strophen ins Deutsche, „damit wir wissen, was wir da überhaupt singen“. Eine Stunde später ist die Probe vorbei und Eppelein verabschiedet sich.
Es ist bereits die dritte Online-Chorprobe, die Eppelein durchgeführt hat. Immer dienstags, von 19.30 bis 21.15 Uhr. Die Resonanz sei durchweg positiv gewesen. Die 70 bis 80 Seitenaufrufe zeigen ihm, dass fast alle Mitglieder das Angebot annehmen.
„Ich war am Anfang sehr skeptisch, ob ich mich darauf einlassen soll“, sagt er. Weil es aber keine andere Lösung gab und er nicht will, „dass sich der Chor aus den Augen verliert“, beginnt er die Proben zu filmen. Er nimmt mit dem Weitwinkel auf, um näher an der Kamera und am Mikrofon zu stehen. „Dadurch hoffe ich, dass die Mitglieder mich gut verstehen können“, sagt er. Denn Eppelein hat sich dazu entschieden, auch weiterhin im Gemeindesaal zu proben. Nur eben ohne Chor. „Ich will den Menschen, wenigstens für einen Abend in der Woche, ein Gefühl von Normalität geben“, sagt er.
Der Probenablauf bleibt deshalb der gleiche, außerdem gibt es eine Anwesenheitsliste. Die Videos postet Eppelein ungeschnitten. „Es wird alles mitgeliefert, was auch normal schief geht“, sagt er.
Die Online-Proben seien für ihn anstrengender und aufwendiger. Er müsse mehr vorbereiten, sich genau überlegen, wo die Schwierigkeiten sein könnten. Zudem sei er schauspielerisch mehr gefordert. Anstrengungen, die er, wie er sagt, gern in Kauf nimmt. „Auch wenn jeder für sich alleine probt, will ich versuchen, ein Chorgefühl zu erzeugen“, sagt er.
Ein Versuch, der zu funktionieren scheint. „Es fühlt sich tatsächlich an wie eine reale Chorprobe“, sagt Susanne Delp. Die Leiterin der Rosenheimer Stadtbibliothek singt seit elf Jahren im Chor, freut sich über das Engagement des Leiters. Statt wie üblich jeden Dienstag in das Gemeindehaus der Erlöserkirche zu gehen, sitzt sie jetzt zu Hause an ihrem Computer. Um Punkt 19.30 Uhr setzt sie sich die Kopfhörer auf, schlägt ihr Musikheft auf und nimmt an der Probe teil. „Natürlich fehlt das Gefühl des Nebenmanns, aber Johannes Eppelein macht das wirklich ausgezeichnet“, sagt Susanne Delp.
Hoffen auf baldiges Wiedersehen
Lob, das der Dekanatskantor gern hört und das ihn in seinem Vorhaben bestärkt, die Online-Proben weiterhin anzubieten. Sowohl für seinen Erwachsenenchor, aber auch für die 25 Kinder, die er unterrichtet. Auch hier sei die Resonanz gut, sagt Eppelein.
Aber er weiß auch, dass die Online-Proben die gemeinsamen Chorproben nicht ersetzen können. „Jeder ist momentan als Einzelkämpfer unterwegs“, sagt er. Zwar tauschen sich die Mitglieder nach wie vor miteinander aus, aber ein gemeinsames Singen hat es seit dem Beginn der Corona-Krise nicht mehr gegeben. „Wir freuen uns alle sehr auf ein reales Wiedersehen“, sagt auch Susanne Delp. Wann das sein wird, weiß derzeit niemand. Und so müssen die Mitglieder auch weiterhin in ihren Küchen, Wohnzimmern und Arbeitszimmern üben. Während Johannes Eppelein ganz allein im Gemeinschaftsraum der Erlöserkirche steht.