Rosenheim – So gut wie keine Reisenden und kaum Pendler: Die Corona-Pandemie bremst den Verkehr in und um Rosenheim aus und fegt die Straßen leer. Das nutzen offensichtlich viele Raser und sogenannte Autoposer aus, um sich richtig auszutoben. Doch die Polizei hält dagegen.
14 Raser aus dem Verkehr gezogen
Mit bis zu 90 km/h rasten ein 21-jähriger Nissan-Fahrer und ein 21-jähriger Mini-Fahrer am Sonntag durch Rosenheim. Immer wieder versuchten sie sich gegenseitig zu überholen, schrien sich durch das geöffnete Fenster Beschimpfungen zu und zeigten einander den Mittelfinger. An Kreisverkehren fuhr einer links, der andere rechts herum. Mal fuhren sie nebeneinander, mal hintereinander. Immer mit dem Ziel vor Augen, den anderen abzuhängen. Irgendwie. Von der Panger Straße, ging es weiter auf die Aisinger Straße. Dort wurden auch zwei Polizisten, die mit einem zivilen Dienstfahrzeug unterwegs waren, zum ersten Mal auf die Raser aufmerksam, nahmen sofort die Verfolgung auf. Statt den Anweisungen der Polizisten zu folgen, gaben die beiden Männer nochmals Gas, kamen erst an einer Ampel an der Miesbacher Straße zum Stehen.
Aus dem Polizeibericht wird später hervorgehen, dass die beiden Männer aus Raubling stammen, sie ihre Führerscheine bis auf Weiteres abgeben mussten und gegen sie ein Strafverfahren eingeleitet worden ist.
„Solche Fälle haben wir in letzter Zeit leider öfter“, sagt Robert Maurer, der Medienbeauftragte der Rosenheimer Polizei. Er vermutet, dass viele Raser und Autoposer die leeren Straßen aufgrund der Corona-Krise als Einladung sehen, um die Straßen unsicher zu machen. So mussten Maurer und seine Kollegen allein am vergangenen Wochenende 14 Raser aus dem Verkehr ziehen. Am schnellsten unterwegs war ein 44-jähriger BMW-Fahrer aus Dachau, der statt den erlaubten 80 km/h fast doppelt so schnell auf der B15 unterwegs gewesen ist. „Auf der B15 haben wir im Moment viele Probleme“, sagt Maurer. So habe es dort erst am vergangenen Freitag ein Rennen gegeben zwischen einem BMW-Fahrer (20) und einem Motorradfahrer (21) aus Regensburg. Beide Fahrer hätten an der Ampel an der Einmündung B15/Brannenburger Straße gestanden, sich immer wieder angeschaut und „mit dem Gas gespielt“. Als die Ampel auf Grün schaltete, gaben die beiden Fahrer Gas und beschleunigten. Statt des erlaubten Tempo 80 wurde eine Geschwindigkeit von rund 140 km/h erzielt, heißt es in einer Pressemitteilung der Polizei. Die beiden Männer mussten ihre Führerscheine abgeben, gegen sie ist ein Strafverfahren eingeleitet.
Aber nicht nur auf der B15 müssen die Einsatzkräfte zahlreiche Kontrollen durchführen. Auch auf der Aisinger Straße und der Äußeren Münchner Straße komme es immer wieder zu Zwischenfällen, sagt Maurer. Am Wochenende fielen dort vor allem die Autoposer auf. Mehr als zehn Fahrzeuge seien wegen „zum Teil erheblichen technischen Mängeln“ aus dem Verkehr gezogen worden, sagt Maurer. Zwei davon in der Äußeren Münchner Straße.
Zielgruppe zwischen 20 und 30 Jahre alt
In der Nacht auf Montag fiel den Beamten dort ein 31-jähriger Motorradfahrer auf, der seine Auspuffanlage technisch verändert hatte, um das Geräusch des Motors zu verstärken. Ebenfalls sein Auto aufgetunt hatte ein 34-jähriger Mann aus Rosenheim, der Sonntagnacht auf der Äußeren Münchner Straße unterwegs war. Laut Polizeibericht hatte der Mann den Luftfilterkasten seines VW aufgeschnitten, den Luftmassenstecker gezogen und die Blinker auf Dauerbeleuchtung gestellt. Weil der 34-Jährige bereits im März mit „den identischen technischen Mängeln angehalten und kontrolliert“ worden war, gehen die Polizisten von Vorsatz aus. In der Folge müsste der Tuner ein doppelt so hohes Bußgeld bezahlen.
Für Maurer besteht in jedem Fall ein Zusammenhang zur Corona-Krise. Denn im vergangenen Jahr habe es „fast keine Zwischenfälle“ gegeben. Doch mittlerweile sei die Situation eine andere, Raser und Autoposer drehen augenscheinlich so richtig auf. Die meisten sind laut Maurer, zwischen 20 und 30 Jahre alt. Die Situation erinnere an den Sommer vor vier Jahren. Damals hatten rund 20 Fahrer im Alter von 18 bis 28 Jahren aus dem Landkreis ihr Unwesen auf den Rosenheimer Straßen getrieben. Um die Lage damals in den Griff zu bekommen entstand unter Federführung der Rosenheimer Polizei die Ermittlungsgruppe „Auto-Poser“. Das Ziel: die Fahrer dazu zu bringen, ihr Verhalten zu ändern. Und sie – sofern sich keine Besserung einstellt – von der Straße zu holen. „Wir hatten mit der Ermittlungsgruppe unheimlich viel Erfolg“, sagt Maurer. Etliche Fahrzeuge seien damals beschlagnahmt worden, der harte Kern der Rosenheimer Autoposer-Szene habe Fahrverbote kassiert. Seitdem sei es ruhiger geworden, die Ermittlungsgruppe mittlerweile aufgelöst.
Polizei will
verstärkt kontrollieren
Doch die jüngsten Ereignisse lassen Maurer und seine Kollegen aufhorchen. Der Leiter der Rosenheimer Inspektion, Polizeidirektor Volker Klarner, kündigte bereits „verstärkte Kontrollen“ an. Helfe das nichts, wolle man darüber nachdenken, die Ermittlungsgruppe wieder ins Leben zu rufen.
Einen Lichtblick gebe es trotzdem, sagt der Medienbeauftragte Maurer: der am Anfang des Jahres in Kraft getretene neue Bußgeldkatalog. Um den Führerschein für einen Monat zu verlieren, genügt es demnach bereits 21 Kilometer pro Stunde zu schnell zu fahren. „Absolut gerechtfertigt“, findet Maurer. Zustimmung bekommt er von Polizeidirektor Klarner: „Eine zu hohe Geschwindigkeit ist nach wie vor eine der Hauptunfallursachen.“