„Die Wirtshauskultur geht verloren“

von Redaktion

Auch nach dem Neustart der Gastronomie bleibt Hoffnung der Wirte eher verhalten

Rosenheim – Die Corona-Krise hat die Gastronomie besonders hart getroffen. Umso größer ist unter den Wirten die Freude, dass sie wieder aufsperren dürfen. Doch die finanziellen Verluste sind hoch. Der Aufwand, um die Corona-Regeln richtig umzusetzen, ist enorm. Klar ist schon jetzt: Ein Besuch in den Rosenheimer Biergärten, Cafés und Restaurants wird anders ablaufen als vor der Krise. Ein Rundgang.

Eric (59) und Georgia Brodka (46), Inhaber vom „Zum Augustiner“ am Max-Josefs-Platz: „Wir hatten in den vergangenen Tagen unheimlich viel zu tun. Wir mussten den Hygieneplan umsetzen und die Mitarbeiter schulen. Auch mussten wir beispielsweise die Toiletten umgestalten. Bei den Männern mussten wir das mittlere Pissoir zumachen, damit der Mindestabstand eingehalten werden kann. Auch sonst hat sich viel verändert. Normalerweise haben wir 140 Plätze, jetzt haben wir gerade einmal 60. Das sind mehr als 50 Prozent weniger. Wir hatten schon einige Gäste, auch Reservierungen gibt es bereits. Trotzdem ist es sehr ruhig. Wir müssen einfach mal schauen, wie die Gäste auf die ganzen Änderungen reagieren. Deswegen kaufen wir auch vorsichtig ein, weil wir ja nicht wissen, wie viele Kunden kommen und was sie bestellen. Im Moment rentiert sich das Geschäft nicht. Wir zahlen eher drauf. Aber wir sind natürlich froh, dass es jetzt endlich wieder losgeht. Durch die Corona-Krise haben wir einen sechsstelligen Verlust erlitten. Wir hoffen, dass sich die Beschränkungen in den kommenden Wochen noch etwas mehr lockern. Beispielsweise ist es ein Irrsinn, dass man drinnen länger geöffnet haben darf als in den Außenbereichen.“

Christine (46) und Michael (48) Haldek, Pächter der Rosenheimer „Fischküche“: „Viele Gäste denken, dass jetzt, wo wir wieder eröffnet haben, alles beim Alten ist und sie beispielsweise auch ihre Stammtische wieder in Beschlag nehmen können. Aber dem ist nicht so. Stammtische gibt es nicht mehr. Wir haben normalerweise 50 Plätze im Außenbereich, aufgrund der Auflagen sind es gerade einmal 18. Drinnen wären es noch weniger. Es wird sich erst in einigen Monaten herausstellen, ob wir das finanziell stemmen können. Und natürlich kommt es auch darauf an, ob es demnächst weitere Lockerungen geben wird. Bis jetzt hatten wir rund 80000 Euro Verlust. Vielleicht sogar mehr. Manchmal können wir die Auflagen nicht wirklich nachvollziehen. Am Grünen Markt stehen sie eng beieinander, es wird demonstriert. Aber von uns Gastronomen werden Dinge verlangt, die fast nicht umsetzbar sind. Aber natürlich freuen wir uns, dass es jetzt endlich vorwärtsgeht. Wir haben zahlreiche Reservierungen, aber viele wollen eben auch nicht kommen. Sie wollen keinen Mundschutz tragen oder uns ihren Namen und ihre Telefonnummer geben. Wir haben fast drei Tage gebraucht, um die „Fischküche“ so umzubauen, dass die Auflagen erfüllt werden. Wir mussten Plakate aufhängen und Tische umstellen. Die Preise haben wir vorerst stabil gelassen, das ist nicht selbstverständlich. Viele unserer Kollegen haben die Preise angehoben. Wir warten jetzt einfach mal ab und hoffen, dass das Wetter schön bleibt.

Anke Gibbels (44), Inhaberin Dinzler Am Esbaum: „Wir freuen uns wahnsinnig, dass wir wieder geöffnet haben. Es war eine wirklich lange Durststrecke. Auch weil die Betriebskosten ja in normaler Höhe weitergelaufen sind. Wir haben einen dramatischen Verlust hinnehmen müssen. Die Auflagen sind extrem personalintensiv. Ich brauche jemanden, der die Leute empfängt und sie zum jeweiligen Tisch begleitet, jemanden der serviert, jemanden, der abräumt und jemanden in der Küche. Täglich sind so mindestens fünf Mitarbeiter zu planen. Vor der Corona-Pandemie brauchte ich so viele Helfer nur am Wochenende. Und man muss ganz klar sagen, dass es noch nicht so ist wie früher. Mein Café ist nicht mehr ein Ort, an dem man sich einfach trifft. Das geht schon alleine wegen der Kontaktbeschränkungen nicht. Und eben auch nicht, weil ich den Gästen ihren genauen Platz zuweisen und sie sogar zum Tisch begleiten muss. Dazu kommt, dass wir wesentlich weniger Gäste auf der gleichen Fläche bewirten können. Nach den ersten drei Stunden heute kann ich nicht wirklich sagen, ob es sich überhaupt lohnt. Aber wir müssen es einfach positiv sehen. Auch, weil mir meine Stammkunden einfach unheimlich am Herzen liegen. Sie haben uns in den vergangenen Wochen und Monaten begleitet, aufgemuntert und unterstützt. Ich habe in der Zeit, in der mein Geschäft geschlossen war, täglich einen Straßenverkauf angeboten. Mein Herz hängt einfach an meinem Laden.“

Toni (72) und Anneliese Sket (72) vom Wirtshaus „Zum Johann Auer“: „Wir eröffnen erst am Mittwoch, weil es einfach unheimlich viel zu tun gibt. Außerdem ist am Donnerstag Feiertag, da erhoffen wir uns einen zusätzlichen Ansturm. Und die Wetterprognose ist gut. Wir haben die vergangenen Tage alles geschrubbt, geputzt, den Sonnenschutz erneuert und die Kühlhäuser angeschaltet. Normalerweise haben wir 60 Plätze, aufgrund des Sicherheitsabstandes sind es jetzt gerade einmal 32 Plätze. Aber irgendwo muss man ja anfangen. Nächste Woche können wir auch die Innengastronomie eröffnen. Vom bayerischen Hotel- und Gaststättenverband haben wir die Plakate mit den Hygienevorschriften zugeschickt bekommen. Das hat super funktioniert. Statt unserer folierten Speisekarte gibt es Einweg-Speisekarten. Statt der Tischdecken gibt es ein Papiertisch-Set, damit die Tische nicht so nackig aussehen. Außerdem liegen auf jedem Tisch Adressblätter, auf denen die Gäste ihre Telefonnummer und Adresse aufschreiben müssen. Ich glaube, dass die Wirtshauskultur durch die Auflagen verloren geht. Die Gäste können sich nicht mehr einfach irgendwo dazusetzen, ihnen wird jetzt ein Platz zugewiesen. Niemand kann eine Prognose abgeben, wie das alles laufen wird. Ich glaube, wir können froh sein, wenn wir 50 Prozent des Umsatzes erreichen, den wir ohne Krise hätten. Wir freuen uns, dass es jetzt endlich losgeht.“

Stadt schnürt Hilfspaket für die Rosenheimer Gastronomie

Ein Hilfspaket für die Rosenheimer Gastronomie will die Stadt schnüren. Nach einem gemeinsamen Treffen von Oberbürgermeister Andreas März (CSU), Zweitem Bürgermeister Daniel Artmann (CSU) und Dritter Bürgermeisterin Gabriele Leicht (SPD) sowie Vertretern des Stadtrats, des CityManagements, der Gastronomie und der Schausteller stehen nun folgende Details fest:

„Rettungsschirm für die regionale Gastronomie“:

Direkte Hilfszahlungen an Gewerbetreibende durch die Stadt Rosenheim seien aus rechtlichen Gründen nicht möglich, teilt Zweiter Bürgermeister Daniel Artmann in einer Pressemeldung mit. Kommunalrecht und EU-Recht verböten Kommunen Zahlungen an Dritte. Die Stadt könne jedoch gegebenenfalls bei einzelnen Forderungen betroffenen Betrieben entgegenkommen – insbesondere durch die Stundung von Forderungen.

Erweiterung der Außengastronomieflächen:

Die Erweiterung der Außengastronomieflächen im Sinne des Infektionsschutzes sei begrenzt möglich. Dort, wo auf öffentlichem Grund entsprechende Erweiterungsflächen zur Verfügung stünden, ohne dass Nachbaranwesen, Nachbargeschäfte/Lokale oder der Fußgängerverkehr beeinträchtigt werden, könne im Einzelfall die per Sondernutzungserlaubnis zugewiesene Fläche erweitert werden. In allen anderen Fällen seien individuelle Vereinbarungen notwendig. Vertreter des Bauverwaltungsamtes prüften dafür die Gegebenheiten vor Ort. Terminvereinbarungen sind unter Telefon 08031/ 3651619 oder per Mail an m.goupilleau@rosenheim.de möglich.

Erlass der Außenflächengebühren:

Ein Entgegenkommen der Stadt bei den Sondernutzungsgebühren werde angestrebt. Die Entscheidung liege bei den Stadträten. Denkbar sei, für das laufende Jahr die anfallenden Gebühren zu stunden oder aber teilweise oder vollständig zu erlassen. Voraussetzung sei, dass eine Betroffenheit durch die Corona-Pandemie nachgewiesen werden kann.

Aussetzen des Genehmigungsprozesses für Livemusik:

Der „Genehmigungsprozess“ dient der Einhaltung der geltenden Bestimmungen, unter anderem dem Immissionsschutzrecht. Die Stadt hat keine Befugnisse, diese gesetzlichen Bestimmungen außer Kraft zu setzen. Das Ordnungsamt will aber „eine großzügige Handhabung bei der Genehmigung von Livemusik“ prüfen, insbesondere, wenn es keine Beschwerden von Nachbarn gibt. Entsprechende Anträge kann man formlos und möglichst rechtzeitig, eine Woche oder mindestens ein bis zwei Werktage vorher, stellen, per Mail an ordungsamt@rosenheim.de. Die Entscheidung kommt per Mail.

Verlängerung der Schankzeiten für Außengastronomie:

Die Außenflächen dürfen in Rosenheim grundsätzlich bis 23 Uhr betrieben werden. Nur in Einzelfällen gelten Sonderregelungen. Während der Corona-Krise gelten bayernweit Beschränkungen, die in Rosenheim nicht gelockert werden sollen. Nach dem Immissionsschutzrecht können Anwohner die Nachtruhe ab 22 Uhr einklagen. Ausnahmen bis 24 Uhr könnte es nun in den Sommermonaten geben, solange es keine berechtigten Beschwerden der Anwohner gibt.

Sonderkonzepte Nachtgastronomie/Schausteller:

Auch die Schaustellerbetriebe oder die Nachtgastronomie sollen unterstützt werden. Sollten von dort Konzepte zur Überbrückung der aktuell schwierigen Zeiten entwickelt werden, wird eine wohlwollende Prüfung zugesagt.

Wie Artmann schreibt, will er mit Ministerpräsident Markus Söder wegen eines Fahrplans für die Nachtgastronomie und der Mehrwertsteuersenkung Kontakt aufnehmen.

Verkaufsoffene Sonntage:

In Rosenheim sind maximal vier verkaufsoffene Sonntage pro Jahr genehmigt, und zwar nur zu bestimmten Anlässen. Bisher sind aufgrund des Infektionsschutzgesetzes Großveranstaltungen bis Ende August nicht gestattet. Eine Verlegung aller drei ausgefallenen verkaufsoffenen Sonntage ist fraglich, soll aber geprüft werden. Zu bedenken ist auch, dass die Organisation der Märkte Vorlauf braucht. Entfiele hingegen der Anlassbezug, ließen sich die verkaufsoffenen Sonntage ab September planen.

Citychecks zur Förderung der regionalen Wirtschaft:

Einige Städte fördern den regionalen Wirtschaftskreislauf durch steuerfreie Gutscheine in Höhe von 44 Euro mit steuerfreiem Sachbezug. Wie das in Rosenheim funktionieren könnte, werde Sabrina Obermoser vom City-Management ausarbeiten, sagt Artmann.

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