Rosenheim – Allmählich füllt sich der Bereich vor dem Rosenheimer Werkstor des französischen Lebensmittelkonzerns Danone: Es ist Mittwoch, kurz vor 10 Uhr. Die ersten Arbeiter sitzen vereinzelt auf Bänken in der Sonne. Warten auf den Beginn des Streiks. Darauf, endlich angehört zu werden.
Unter ihnen ist Wolfgang Huber aus Bad Aibling. Der 51-Jährige arbeitet seit 30 Jahren als Maschinenführer bei Danone. Er sagt: „Es war absehbar, dass sie irgendwann zusperren.“ Dass der Konzern dies allerdings „auf dem Rücken der Arbeiter“ austrägt, findet er nicht in Ordnung. „Diejenigen, die das zu verantworten haben, sitzen jetzt in München im Chefsessel.“
Arbeiter fordern
faire Abfindungen
Als „inakzeptabel“ betrachtet diesen Umstand auch Reinhard Bernrieder (51) aus Rosenheim. Auch er ist Maschinenführer – seit 32 Jahren. Danone würde sich darauf hinausreden, dass der Standort in Rosenheim unrentabel sei, da die Tonnage sinke. „Aber die sinkt nur deshalb, weil die Produkte verlagert werden“, ärgert sich Bernrieder. Markenrenner wie Hüttenkäse oder Obstgarten seien verkauft worden. Durch den Streik erhofft sich der 51-Jährige jetzt wenigstens einen „fairen Ausgleich“ für die Mitarbeiter. Zukunftsängste habe er keine, aber die Unwissenheit sei durchaus „belastend“.
Enttäuscht – dieses Wort findet Josef Pece (57) aus Rosenheim, wenn er an seinen Arbeitgeber denkt. „Ich bin enttäuscht von der Firma, weil sie alles verkauft haben.“ Zwar werde es bei ihm finanziell gesehen „nicht so schlimm“ werden, weil er ab August 2021 in Altersteilzeit gehe, „aber trotzdem gehen mir vier Jahre ab“. Was ihn am meisten getroffen hat: „Ein Jahr zuvor hat uns der Chef unsere Prämie weggenommen. Das war das 13. Gehalt.“ Jetzt, so findet er, soll die Firma zahlen. Und zwar „für alle gleich“.
Bald geht es mit dem Streik los: Mittlerweile sind überall auf dem Boden verpackte Warnwesten verteilt worden. Sie markieren den Sicherheitsabstand, den die Protestierenden coronabedingt einhalten müssen. Die Stimmung ist ruhig, nicht zornbeladen. Und alle tragen Masken.
Gespannt blicken sie auf Manuel Halbmeier, Sekretär der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG), der gerade ans Mikrofon tritt. Er appelliert an die Mitarbeiter, sich nicht einschüchtern zu lassen und heute keine Arbeiten zu verrichten. Nachdem sich zunächst Danone-Betriebsratsvorsitzender Andreas Geltinger zu Wort meldet und dem Unternehmen den Kampf ansagt, übernimmt nun DGB-Vorsitzender Reiner Hoffmann, der per Video zugeschaltet wird, das Wort und versichert: „Ihr seid in eurem Kampf nicht allein.“ Das Werk in Rosenheim müsse gesichert werden, denn es sei überlebensfähig, sagt Hoffmann.
Auch NGG-Landeschef Mustafa Öz ergänzt per Live- Übertragung: „Danone geht es gut.“ 2020 hätte das Unternehmen im ersten Quartal etwa 6,24 Milliarden Umsatz gemacht. Und das nur, weil die Mitarbeiter trotz Corona in die Arbeit gegangen wären. „Die Taschen von Danone sind voll“, macht er deutlich. Und dass die Arbeiter keine ordentlichen Abfindungen bekommen würden, sei eine „riesen Sauerei“.
„Nichts anderes
als blanker Hohn“
Dr. Verena Di Pasquale, stellvertretende Vorsitzende des DGB Bayern, nahm sich die Zeit, um auf der Website von Danone zu recherchieren. Ihre Erkenntnis: Der Konzern rühmt sich damit, auf Menschlichkeit zu setzen. Das aber sei „nichts anderes als blanker Hohn“, kritisiert sie. „Wo ist denn die Menschlichkeit?“ Von diesen leeren Sprüchen könnten sich die Mitarbeiter nichts kaufen. Der Laden „brummt“, so Di Pasquale. Und das sei der Verdienst der Mitarbeiter. Dass Danone Arbeitsplätze vernichte und dann noch verweigere, über einen Sozialtarifvertrag zu verhandeln, sei „schäbig“.
Diesen Worten schließt sich auch Georg Schneider, Geschäftsführer der NGG-Region Rosenheim-Oberbayern, an: „Wir müssen Danone den Spiegel vor das Gesicht halten. Sie müssen wissen, was sie angestellt haben.“ Der Konzern denke immer noch, er könne die Arbeiter mit einem Sozialplan abspeisen: „Den Zahn werden wir ihnen ziehen.“
In einer Pressemitteilung übt auch Eva Bulling-Schröter, Landessprecherin der bayerischen Linken, scharfe Kritik an der geplanten Schließung: „Das aktuelle Angebot von Danone lehnen wir ab. Es ist ein Hohn und eine Respektlosigkeit gegenüber den Arbeitern.“
Danone selbst zeigt sich verwundert: „Wir sind überrascht über die heutige Maßnahme, da wir dem Betriebsrat vor drei Monaten bereits ein Angebot für den Sozialplan vorgelegt haben. Leider haben wir darauf keinen Gegenvorschlag bekommen. Wir hoffen sehr, dass wir im nächsten Verhandlungstermin mit dem Betriebsrat einem fairen Sozialplan im Sinne unserer Mitarbeiter näherkommen“, sagt Susanne Knittel, Pressesprecherin der Danone GmbH.
Reinhard Bernrieder, der seit über 30 Jahren bei Danone tätig ist, zeigte sich angesichts des lauten Zuspruchs seitens der Gewerkschaften und der Politik in seinem Vorhaben, nicht klein beizugeben, bestärkt: „Wir werden etwas erreichen!“