Rosenheim – Die Rosenheimer Nachtgastronomen kämpfen ums Überleben. Trotz zahlreicher Lockerungen fehlt es den Bar- und Clubbesitzern an Perspektiven. Jetzt haben sie sich in einem offenen Brief an die Rosenheimer Stadtverwaltung, den Wirtschaftlichen Verband und den Bayerischen Hotel- und Gaststättenverband (Dehoga) gewandt. Ein Hilferuf.
Tom Ottitsch (51) ist verzweifelt. Der Inhaber der Tatis Bar ist seit dem Beginn der Corona-Krise zum Nichtstun verdammt und fürchtet um seine Existenz. Ähnlich geht es Franz Fischer (34) und Alexander Stöhr (32). Den beiden Männern gehört die Bar „Nerdz“ an der Samerstraße. Auch sie stecken tief in der Krise, sprechen von einer möglichen Schließung, „wenn wir in diesem Jahr überhaupt nicht mehr aufmachen können“. Eine Meinung, die auch Marco Koob (26) der Inhaber des Wuid Clubs teilt. „Selbst mit bestimmten Auflagen wird es sehr schwierig, einen Club, egal wie groß er ist, halten zu können“, sagt er. Er spricht von „Insolvenz“, von „einer harten und schwierigen Zeit nach Corona“.
Die traurige Situation
auf drei DIN-A4-Seiten
Hinzu komme, dass sich die Rosenheimer Nachtgastronomen im Stich gelassen fühlen. „Wir haben einfach das Gefühl, nicht gesehen zu werden. Niemand scheint zu wissen, wie schlecht es wirklich um uns steht“, sagt Fischer. Das soll sich jetzt ändern. Gemeinsam mit Stöhr, Ottitsch, Koob und acht weiteren Nachtgastronomen haben sie einen offenen Brief verfasst, diesen an die Rosenheimer Stadtverwaltung, den Wirtschaftlichen Verband und den Bayerischen Hotel- und Gaststättenverband verschickt.
Auf drei DIN-A4-Seiten haben sie ihre Situation dargestellt, haben Rechnungen angestellt und Lösungen vorgeschlagen. „Wir sind von der jetzigen Situation am härtesten betroffen, haben aber leider den Eindruck, dass unsere Lage gänzlich unbehandelt und auch diskussionswürdig erscheint“, heißt es zu Beginn des Schreibens. Die Nachtgastronomen seien die Ersten gewesen, die Anfang März aufgrund der Corona-Pandemie schließen mussten. Lockerungen und Konzepte gibt es auch vier Monate später noch keine. „Wir liegen am Boden und bluten aus. Unsere Lokale liegen nutzlos in der Stadt und kosten Geld, das wir irgendwo herzaubern müssen“, heißt es in dem offenen Brief.
So haben Ottitsch und seine Kollegen seit März „keinen Euro Umsatz gemacht“, zum einen weil die Lokale geschlossen sind, aber auch, weil eine Untervermietung für andere Zwecke oftmals nicht möglich ist.
Groß seien die finanziellen Ängste, die 9000 Euro Soforthilfe bei fixen Kosten (ohne Personal) von 5000 Euro pro Monat „nach nicht einmal zwei Monaten aufgebraucht“. Seitdem zahlen die Nachtgastronomen wieder alles aus eigener Tasche. Auch die 80-prozentige Förderung durch das Konjunkturprogramm helfe den meisten Nachtgastronomen nicht wirklich. Denn auf 20 Prozent der Fixkosten und auf den Personalkosten blieben sie dennoch sitzen. Und das nach derzeitigen Aussagen aus München womöglich bis Ende 2021. Das hielte kein Kollege durch und würde zu Privatinsolvenzen führen, heißt es in dem Schreiben.
Gravierende Folgen
für die Stadt
Viele hätten „kein zusätzliches finanzielles Standbein“, stünden „vollkommen ohne Perspektive vor dem Nichts“. Und auch eine Schließung des Geschäftsbetriebs sei keine Option, da die „bereits erbrachten Investitionen“ erst zurückerwirtschaftet werden müssen und die Pachtverträge „teilweise mehrere Jahre“ laufen. Außerdem müssten auch die Stundungen und Nachlässe irgendwann zurückgezahlt werden.
Eine schwierige Situation, die auch für die Stadt gravierende Folgen haben könnte. „Wenn es so weitergeht, wird es in Rosenheim bald keine Nachtgastronomie mehr geben“, sagt Tom Ottitsch. Das würde bedeuten, dass die Stadt „deutlich uninteressanter für Studenten wird“ und sich der „Altersdurchschnitt der Bevölkerung erhöht, weil junge Fachkräfte lieber in die Großstadt ziehen“, heißt es in dem offenen Brief.
Und genau das will die Stadt verhindern. „Ein Rosenheim ohne Kneipen und Nachtleben ist schlicht nicht vorstellbar“, heißt es in einer Stellungnahme. Die Stadt stehe Ideen und Vorschlägen der Gastronomen positiv gegenüber, werde diese im „rechtlich möglichen Rahmen unterstützen“. Ein gutes Beispiel hier sei die schnelle Umsetzung und Genehmigung des „Gingartens“ auf der Loretowiese.
Auch der Arbeitskreis „Bekämpfung der Pandemie-Folgen in Gastronomie, Veranstaltungswesen und Kultur“, habe bereits getagt, darüber hinaus seien die Gastronomen und die Verwaltung „im ständigen Austausch“.
Kritik an „Alleingang
der Bundesländer“
„Der Arbeitskreis ist ein erster Schritt in die richtige Richtung. Jedoch läuft uns die Zeit davon. Für viele von uns ist es bereits 5 nach 12“, schreiben die Nachtgastronomen in ihrem Brief.
Sie bitten um „klare Aussagen“, werfen dem Rosenheimer Ordnungsamt vor, nicht zu wissen „wer, wie, wann und wie lange öffnen darf“. Auch sei der Unterschied zwischen Speise- und Getränkegastronomie vonseiten der bayerischen Regierung nicht genau geklärt worden. „Einen Pizzaofen können wir uns gerne in unsere Läden stellen, wenn wir dafür wieder aufmachen dürfen“, heißt es. Sie kritisieren den „Alleingang der Bundesländer“, könnten nicht verstehen, wie „Lokale 200 Kilometer weiter westlich“, in Baden-Württemberg, bereits wieder Gäste empfangen dürfen.
Eine Kritik, die Theresa Albrecht, die Dehoga-Kreisvorsitzende, nachvollziehen kann. Sie spricht von einer „eklatanten Ungerechtigkeit“. Dass darunter besonders die Nachtgastronomen leiden, sei ihr bewusst. Zwar versuche sich der Deutsche Hotel- und Gaststättenverband aktiv für die Nachtgastronomie zu engagieren, aber auch den Vertretern seien aufgrund der Auflagen „die Hände gebunden“, sagt Albrecht. Trotzdem wolle sie weiterkämpfen.
Eine Bitte
an die Veranstalter
Auch die Rosenheimer Nachtgastronomen denken noch nicht ans Aufgeben. Am Ende ihres Briefes wagen sie einen Blick in die Zukunft, bitten Veranstalter, auch die „städtische Nachtgastronomie miteinzubeziehen“. „Wir sind in der Bevölkerung bekannt und können solche Veranstaltungen positiv bereichern“, heißt es. Statt auf zahlreiche auswertige Standbetreiber solle beispielsweise beim Christkindlmarkt oder beim Street-Food-Festival vermehrt auf die Nachtgastronomen gesetzt werden.
Doch auch das sei gar nicht so einfach, sagt Klaus Hertreiter, Geschäftsführer des Wirtschaftlichen Verbandes. Zum einen wisse er immer noch nicht, ob und wie der Rosenheimer Christkindlmarkt stattfindet. Zum anderen seien die meisten Stammplätze bereits für die Schausteller reserviert – die ebenfalls schwer unter der Krise gelitten haben. „Es ist einfach eine blöde Situation“, sagt Hertreiter, „wir können nicht allen gerecht werden“.
Im heutigen Haupt- und Finanzausschuss sollen weitere Maßnahmen zur Innenstadtbelebung sowie zur Unterstützung der Gastronomen vorgestellt und diskutiert werden, teilt die Stadtverwaltung mit. Die Sitzung beginnt um 17 Uhr im großen Sitzungssaal des Rosenheimer Rathauses.