Rosenheim – Woran erkennt man einen echten Rosenheimer? Er sieht eher selten die Rosenheim-Cops und hat noch nie eine der Stadtführungen besucht, die sich rund um die Fernsehserie dreht. Eine steile These, die aber – zumindest was die Stadtführungen anbelangt – nicht ohne Wahrheit ist. Schließlich kommen die Teilnehmer der Rosenheim-Cops-Führungen weniger aus Rosenheim denn aus ganz Deutschland, Österreich, der Schweiz, ja teilweise sogar aus Übersee. Rosenheimer aber, so weiß Stefan Kürschner, Vorsitzender der Rosenheimer Stadtführerzunft, verirren sich nur selten dorthin.
Dabei ist die Führung fast ebenso ein Quotenrenner wie die Serie: Am vergangenen Samstag konnte die 75000 Besucherin begrüßt werden: Martina Höpflinger mit ihrem zehnjährigen Sohn Simon, die – natürlich – nicht aus Rosenheim kommen, sondern aus Österreich. Die beiden sind mit ihrer „südlichen“ Herkunft dabei die Ausnahme.
Vom Rhein
an den Inn
Die übrigen Teilnehmer der Jubiläumsführung kommen alle aus Gegenden nördlich der Donau. Frankfurt, Heilbronn, Neustadt an der Weinstraße werden als Herkunftsorte genannt. Stefan Lenzen kommt mit seiner Frau Dorina gar aus Köln. Was den beiden an der Serie gefällt, ist die leichte Krimikost verbunden mit viel voralpenländischem Lokalkolorit. Sie haben sich davon zu einem Kurzurlaub in dieser Gegend anlocken lassen. Und ein kleiner Höhepunkt darin ist nun die Stadtführung rund um die Rosenheimer Drehorte der Serie.
Dass die Führung bereits seit zwölf Jahren ein Dauerbrenner ist, hat nicht nur mit dem Serienerfolg, sondern viel auch mit der Rosenheimer Stadtführerzunft zu tun, die ihr Gewerbe sehr ernst nimmt.
Stadtführer wird man erst nach einer halbjährigen Ausbildung, die mit einer schriftlichen Prüfung und natürlich einer Probeführung vor den kritischen Augen der zukünftigen Stadtführerkollegen abzuschließen ist. Und danach ist noch lange nicht Schluss: Es gibt immer wieder Fortbildungsveranstaltungen und private Weiterbildung wird sowieso als selbstverständlich vorausgesetzt.
Und gerade die, so erzählt, Dagmar Deisenberger, die die Gruppe mit den Jubiläumsgästen führte, ist bei den Rosenheim Cops wichtig. Natürlich habe man Unterlagen über alle Seriendaten und die Schauspieler, aber das Salz in der Suppe seien die kleinen Infos nebenbei und die bekomme man durch Recherchen auf eigene Faust.
Komparsen
verraten Details
Viele interessante Details von den Dreharbeiten erfährt sie zum Beispiel von einem befreundeten Ehepaar, das immer wieder in Komparsenrollen mitspielt. Natürlich war sie selbst auch schon in den Bavaria-Filmstudios, in denen alle Innenaufnahmen gedreht werden. Und weiß deshalb zum Beispiel, dass selbst die Szenen, in denen die Kommissare auf die Eingangstür zugehen, um das Polizeigebäude zu verlassen, nicht vor Ort im Rathaus gedreht werden, sondern im Studio, mit einer exakt nachgebauten Tür und dahinter einer Fototapete.
Viel Wissen kommt auch aus direkten Gesprächen mit den Schauspielern, die rund um die Drehs ab und zu möglich sind. Etwa dass Marisa Burger, die in der Serie die Sekretärin Miriam Stöckel und damit die heimliche Chefin des Kommissariats verkörpert, beim ersten Casting durchfiel, und deshalb an sich und ihrem Können schon völlig zu zweifeln begann, bis es in einem zweiten Anlauf doch noch klappte.
Dabei fragte sich Dagmar Deisenberger, wie sie gesteht, am Anfang ihrer Ausbildung zur Stadtführerin noch, ob es über die Rosenheim Cops wohl überhaupt so viel zu erzählen gäbe, dass damit eine ganze Führung zu bestreiten sei. Zumal sie selbst bis dahin die Serie zwar gekannt, aber nur selten gesehen hatte. „Aber die Begeisterung meiner Gäste, von denen nicht wenige alle der bislang gedrehten 400 Folgen gesehen haben, hat mich zusehends mit erfasst und je mehr Hintergrundwissen man sammelt, desto spannender und interessanter wird es“.
Sie ist, wie sie sagt, mittlerweile durchaus zum Fan geworden. Und das merkt man ihrer Führung auch an. Das ist nicht jemand, der eine Pflichtveranstaltung abspult, sondern eine, die aus einem gewissermaßen übervollen Nähkästchen zu erzählen weiß und das sichtlich gerne tut. Und weil das bei den anderen der insgesamt 15 aktiven Mitglieder der Rosenheimer Stadtführerzunft nicht anders ist, hat jede Führung ihren eigenen Charakter, gleicht keine ganz der anderen.
Für Stefan Kürschner, dem Vorsitzenden des Vereins, liegt genau darin der Erfolg: Die sorgfältige Auswahl der Bewerber und die gründliche Ausbildung garantiert für ihn ein Niveau, das eine individuelle Ausgestaltung der Führungen tatsächlich möglich und sinnvoll macht. „Wir wollten uns“, so erklärt er, „hier in Rosenheim ganz bewusst von der mancherorts gepflegten Praxis absetzen, bei denen Aushilfskräfte fertige Manuskripte auswendig lernen und dann einfach nur noch herunterbeten“.
Mord an der
Mariensäule
Besonders deutlich wird das auch an den Sonderführungen, die von den einzelnen Mitgliedern der Stadtführerzunft selbst ausgearbeitet und entwickelt werden, und bei denen es kaum ein Thema gibt, das nicht behandelt wird. Natürlich gibt es auch eine „Nachtwächterführung“, eine Idee, auf die man bei der Stadtführerzunft übrigens durch die Rosenheim-Cops kam: In einer der Folgen wird eine Stadtführerin nach einer solchen Nachtwächterführung an der Mariensäule im Riedergarten ermordet. Dabei ist dieser Nachtwächterrundgang aber schon ein fast ebenso bekannter Klassiker wie die historische Führung, da es solche Angebote in vielen Städten gibt.
Verheißungsvolle
Titel
Die meisten anderen Sonderführungen sind aber absolute Rosenheimer Unikate und wirken allein schon durch die Titel verheißungsvoll: „Nahui in Gottes Nam“ heißt zum Beispiel die Führung über die Innschiffahrt, „Wer ko der ko“ die Sprichwörterführung, und „Fairführung“ der Gang zu Orten ökologischen und nachhaltigen Einkaufens, um nur einige wenige zu nennen.
Von daher wäre wirklich zu überlegen, ob man als Rosenheimer nicht tatsächlich mal tun sollte, was man als Einheimischer sonst eher nicht tut: sich einfach einmal einer Stadtführung anzuschließen. Überraschende Einsichten und Aha- wenn nicht sogar Oha-Erlebnisse wären garantiert.