Rosenheim – Sich auf eine Bühne vor fremden Menschen stellen und einen selbst geschriebenen Text vortragen, der am besten auch noch auswendig gelernt ist: das erfordert Mut. Diesen Mut hatten sechs Männer und zwei Frauen aus Rosenheim, München und Umgebung. Sie traten beim Poetry Slam der Stadtbibliothek Rosenheim am Salzstadel auf. Ein Besuch.
Es ist warm, die Getränke sind kalt und die Stimmung gut. Die Besucher des Poetry Slams am Salzstadel sitzen auf ihren Bierbänken vor der kleinen Bühne vorm Eingang der Stadtbibliothek und warten auf den ersten Teilnehmer.
Bei rund 40 Poetry
Slams aufgetreten
Einige der „Slammer“ sitzen in einer Gruppe links neben der Bühne. Die anderen mit ihren Freunden und Eltern unter den Zuschauern. Einer von ihnen: Thomas Eiwen (23) aus Rosenheim. Er trägt ein schwarzes T-Shirt und eine graue Hose, hat seine schwarzen Haare im Nacken zusammengefasst.
Eiwen ist kein unbeschriebenes Blatt, wenn es um Poetry Slams geht. Seit eineinhalb Jahren steht er auf Bühnen und trägt Texte vor. Bei rund 40 Poetry Slams hat er schon mitgemacht. Man merkt, dass er Erfahrung hat. Er komme ursprünglich aus dem Theaterspielen, erzählt er, wirke seit 2013 in Aufführungen der Theaterinsel mit.
Sein erster Text auf der Bühne am Salzstadel handelt von der Existenz von Gott. „Ich glaube gar nicht daran. Ich glaube an die Wissenschaft.“ Vor seinem Auftritt warnt er die Zuschauer deshalb erst einmal vor. Wenn irgendwelche „christlichen Fanatiker“ im Publikum seien, sollten diese sich jetzt erst einmal was zu trinken holen. Zuerst spricht er in normaler Lautstärke. Irgendwann wird er lauter, redet sich in Rage, schreit ins Mikrofon. Er gestikuliert. Sein Text ist nicht nur voller Ernst, sondern auch witzig und ironisch. Die Zuschauer lachen, manche johlen laut. Der Text gefällt ihnen.
Aber ob ein Text beim Publikum ankommt oder nicht, das ist laut Thomas Eiwen immer unterschiedlich. Man bewerte etwas, das man nicht bewerten könne. „Es hätte wirklich jeder den Poetry Slam gewinnen können.“
Es folgen Auftritte von Meike Harms, Max Oswald und Siegfried Sperber. Harms spricht über den Klimawandel, Sperber über den inneren Schweinehund und Oswald liest Einträge aus seinem Tagebuch vor. Die Jury vergibt Punkte. Mal gibt es sechs, mal neun. Eiwen zieht mit insgesamt 37,7 Punkten ins Finale ein. Sein Gegner: Max Oswald, ein bekannter Slammer in der Szene. Nach zwölf Minuten entscheidet das Publikum per Applaus über den Sieger. Gewonnen hat am Ende Thomas Eiwen.
Ums Gewinnen geht es ihm aber überhaupt nicht. „Das ist zweitrangig.“ In der Poetry Slam-Szene gehe es ums Miteinander, um das Wiedersehen der Slam-Kollegen und um den Spaß, sagt er. Das merkt man auch an der Art, wie die Slammer während der Veranstaltung miteinander umgehen. Sie sitzen zusammen in Gruppen, lachen, tauschen sich aus. Sie kennen sich untereinander, geben sich Tipps.
Das ist auch das, was ihn an der Poetry Slam-Szene so fasziniert: die Gemeinschaft dahinter. „Man lernt immer tolle Menschen aus ganz Deutschland auf solchen Veranstaltungen kennen“, sagt er. Die Vielfalt in der Szene reizt ihn. „Es gibt so viele verschiedene Arten, eine Botschaft zu vermitteln. Wobei man auch nicht immer eine haben muss, das ist ganz egal.“ Bei seinem Text im Finale hat der 23-Jährige, der an der LMU München griechische Philologie und Latinistik studiert, eine Botschaft.
Es geht ihm um Freiheit und Demokratie, um Zusammenhalt. Der Text war eine Reaktion auf den 29. August, als in Berlin Tausende Demonstranten gegen die Corona-Beschränkungen protestierten. An dem Tag, an dem für Eiwen viele „Idioten“ für Freiheit demonstriert haben. Das sei kein Zusammenhalt für ihn gewesen. Seine Meinung hat er mit den Menschen auf dem Salzstadel an diesem Tag geteilt. Auf seine ganz eigene Art und Weise.