Der Mann hinter dem Tresen

von Redaktion

50 Jahre Wirt Toni Sket hat für Bundeskanzler, „Rosenheim-Cops“ und Haribo gekocht

Rosenheim – Toni Sket (73) gehört zu den dienstältesten Wirten der Stadt – und denkt noch lange nicht ans Aufhören. Seit 50 Jahren arbeitet er in der Gastronomie, betreibt seit 15 Jahren das Wirtshaus „Zum Johann Auer“. Eine bewegte Lebensgeschichte.

Zahlreiche Boxen
voller Erinnerungen

Toni Skets Leben füllt zwei lange, braune Tische. Sie stehen mitten in seinem Wirtshaus. Hier liegen Fotoalben und Schachteln mit Bildern, alten Speisekarten und Gehaltsabrechnungen. Er hat alles aufgehoben, erinnert sich gern und oft. Zu jedem Schnipsel aus seiner Vergangenheit kann er eine Geschichte erzählen.

Wer sich mit ihm trifft, muss Zeit einplanen. Viel Zeit. Denn wenn Toni Sket von seinem Leben erzählt, dann beginnt er von ganz vorne. „Angefangen hat alles mit der Geburt in Passau“, sagt er. Er lacht, sucht in einer der Boxen nach dem passenden Foto und seiner Geburtsurkunde. Er weiß genau, wo er welchen Teil seines Lebens aufbewahrt. „Ich hab die ganzen Sachen nie bewusst gesammelt. Auf einmal war alles da“, sagt er und lässt seinen Blick über die Boxen vor ihm schweifen.

In einer von ihnen stecken alle Erinnerungen aus seiner Kinder- und Jugendzeit. Da sind die Fotos, die ihn als kleinen Buben beim Spielen zeigen. „Meine Mutter war eine leidenschaftliche Fotografin“, sagt Sket. Sie sei es auch gewesen, die ihm geraten habe, „irgendwas mit Lebensmitteln zu machen“. „Sie hat gesagt, in einem Lebensmittelberuf hast du immer etwas zu essen und musst nie hungern“, erinnert sich Sket. Außerdem sei es eine gute Möglichkeit, in der Welt herumzukommen.

Er hört auf seine Mutter, beginnt nach der Schulzeit eine Lehre als Koch. Doch das Kochen ist nicht seine einzige Leidenschaft. Aus einer anderen Box zieht er Bilder, die ihm beim Skifahren zeigen, auf einem anderen ist er in einer Badehose zu sehen. „Ich bin eine richtige Wasserratte“, sagt er.

Er ist Rettungsschwimmer, Rettungstaucher, Mitglied bei der Wasserwacht des Bayerischen Roten Kreuzes, Skilehrer und hat eine Ausbildung zum Bergführer gemacht. Eben weil er so jemand ist, der alles mitnimmt, alles einmal ausprobieren will.

Nach der Koch- und Kellnerlehre folgte die Zeit beim Bundesgrenzschutz. Er verdient sein Geld als Kellner, später als Bergführer. Irgendwann will er nach Amerika auszuwandern, scheitert aber, weil seine Einwanderungspapiere abgelehnt werden. Es ist das vielleicht einzige Mal in seinem Leben, dass das Glück nicht auf seiner Seite ist. Statt den Kopf in den Sand zu stecken, schmiedet er neue Pläne, träumt von der Eröffnung seines eigenen Lokals. Und schafft auch das.

Während er diesen Teil seines Lebens erzählt, kramt er in einer der Boxen auf seinem Tisch, hält eine alte, zerfledderte Speisekarte in die Höhe. „Toni’s Taxisstube“ ist darauf zu lesen, der Name seines ersten eigenen Restaurants. „Ich war damals auf einem Exotentrip“, sagt er, als er die Karte von vor 50 Jahren liest. Nicht umsonst habe man sein Restaurant als das „erste Spezialitätenlokal im Bayerischen Wald“ bezeichnet. Es gab gefüllten Wildschweinkopf, Nordseekrabben, Hummercocktails und Räucherlachs. Dazu Froschschenkel und Weinbergschnecken. „So etwas hat damals niemand gehabt. Jeder, der Geld hatte, ist zu mir gekommen“, sagt Sket. Den Stolz in seiner Stimme hört man auch heute noch.

Sein Erfolg und seine ausgefallene Speisekarte sprachen sich schnell herum, sagt er. Schließlich bekommt er das Angebot, als Bauherr im Kurhotel Spie- gelau mitzuwirken und später die Küche zu übernehmen. Er sagt zu. Einer seiner Gäste von nun an: Hans Riegel, der Gründer der Firma Haribo. „Irgendwann hat er mich und meine Frau Anneliese nach Bonn eingeladen und mir einen Job als Hotelmanager angeboten“, sagt Sket. Er holt seine Gehaltsabrechnungen aus einer Box, schüttelt den Kopf. „Das Gehalt war unvorstellbar. Mit 26 war ich wahrscheinlich einer der bestbezahlten Hotelmanager in ganz Deutschland.“

Hotelmanager
von Hans Riegel

Trotzdem zieht Sket – nach einigen Jahren in Bonn – weiter, kommt über Umwege nach Rosenheim, und übernimmt 1976 das Restaurant „Zum Santa“ am Max-Josefs-Platz und baut es um. Schnell fasst er Fuß in seiner neuen Stadt, bringt sich in Rosenheim ein.

28 Jahre ist er der Mann hinter der Theke im „Santa“. Dann entscheidet er sich – wieder einmal – für eine neue Herausforderung und übernimmt das Wirtshaus „Zum Johann Auer“.

Auch 15 Jahre später hat er seine Entscheidung von damals nicht bereut. Und das, obwohl die Lage deutlich schlechter ist, er ohne seine Stammkunden schlecht dastehen würde. Zu stören scheint ihn das nicht. Auch weil er eben eine Vielzahl an Stammkunden hat. Der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder hat bei ihm gegessen, für die Faschingsgilde tischt er schon seit 42 Jahren auf und auch für die Schauspieler der Fernsehserie „Die Rosenheim-Cops“ kocht er immer wieder.

Eine Geschichte
in Kurzform

Er ist zufrieden mit seinem Leben, dem Erreichten und seinen Entscheidungen. „Ich bin in meinem Leben nie gescheitert. Vielleicht wäre meine Geschichte eine andere, wenn ich gescheitert wäre“, sagt er.

Es ist eine Geschichte in Kurzform, eine, in der es noch viel mehr zu erzählen gibt. Die Boxen auf den beiden Tischen in seinem Wirtshaus sind Beweis genug.

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