Rosenheim – Alle 53 Minuten begeht ein Mensch in Deutschland Suizid. Im Jahr 2018 nahmen sich hierzulande 9396 Personen das Leben. Am heutigen Welt-Suizid-Präventionstag soll die Öffentlichkeit auf das Tabu-Thema Suizid aufmerksam gemacht werden. Ein Gespräch mit Birgit Zimmer (57), Leiterin der Telefonseelsorge Rosenheim, über schwierige Telefonate und warum sie für das Leben steht.
Frau Zimmer, seit wann sind sie in der Telefonseelsorge tätig?
Ich leite die Stelle in Rosenheim seit acht Jahren. Vorher war ich Mitarbeiterin bei einer Telefonseelsorge in München.
Wie viele Menschen melden sich bei Ihnen, die Suizidgedanken haben?
Man kann sagen, dass in jeder Schicht ein Gespräch vorkommt, in dem es in irgendeiner Form um Suizid geht. Das heißt nicht, dass sich der Mensch sofort umbringen will. Er spielt vielleicht mit dem Gedanken oder hat schon einmal damit gespielt. Oder der Anrufer kennt jemanden, wo Hilfe angesagt ist. In den Monaten von April bis Juni ist die Zahl der Hilfesuchenden sehr stark angestiegen. Zwar nicht so sehr am Telefon, aber dafür per E-Mail. In diesen drei Monaten hatten wir fast 900 E-Mails, die um das Thema Suizid kreisen.
Woran liegt es, dass sich so viele per E-Mail melden?
Es ist das Medium an sich, glaube ich. Außerdem ist es so noch einmal anonymer. Junge Menschen fühlen sich dann gesicherter und können alles erst einmal runterschreiben. Wir haben im Moment auch viele Studierende, die nicht mit der Situation klarkommen, dass die Uni nicht live ist und dass sie vereinsamen.
Was beschäftigt die Menschen sonst noch?
Ein Riesenthema ist auch Trennung und Partnerschaftsprobleme. Jetzt in der Corona-Krise ist auch eine große Testphase. Das muss natürlich nicht unbedingt in den Suizid führen, aber es beschäftigt die Leute. Wir haben auch einen großen Teil an psychisch Auffälligen, die anrufen. Während des Lockdowns mussten viele ihre Einrichtungen verlassen. Sie konnten dann nicht mehr mit ihrem Therapeuten sprechen, höchstens am Telefon. Sie haben keine Bezugsperson mehr.
Wer ruft bei Ihnen an oder schreibt Ihnen?
Ich merke, dass die Menschen immer jünger werden. Es sind viele Jugendliche, die mit Problemen in der Schule, mit Selbstwahrnehmung oder mit Mobbing zu kämpfen haben. Man merkt einfach, dass es keine persönlichen Anlaufstellen oder Gesprächspartner mehr gibt.
Wie reagieren Sie, wenn sie jemand mit konkreten Suizidgedanken anruft?
Man muss denjenigen ernst nehmen und ihn in dieser schwierigen Lage würdigen. Es bringt nichts, mit billigen Sätzen dagegen anzureden und über den Menschen hinweg zu sehen. Ich versuche, mit der Person die schwierige Situation auszuhalten. Man muss aber auch deutlich machen: Wir stehen für das Leben. Wenn derjenige bereit ist, sich darauf einzulassen, begleiten wir ihn durch die Krise. Wir versuchen, gemeinsam Lösungen zu finden und klar machen, dass es einen Ausweg gibt. Wir begleiten die Menschen ohne zeitliche Beschränkung. Das passiert oft über E-Mail-Beratung mit einer festen Bezugsperson.
Können Sie die Menschen am Telefon beruhigen?
In der Regel schon. Aber man kann nie zu 100 Prozent sicher sein. Wir haben oft das Gefühl, dass wir es hinbekommen haben. Manchmal meldet sich die Person dann noch einmal bei der E-Mail-Beratung und bedankt sich für die Begleitung. Das kommt nicht häufig vor, ist aber ein gutes Gefühl.
Was macht das mit Ihnen als Person, wenn Sie jeden Tag mit solchen Situationen konfrontiert werden?
Es kommt immer auf den Fall drauf an. Suizid berührt mich immer. Es macht mich im ersten Augenblick sehr traurig. Ich denke mir, dass das Leben so viele Möglichkeiten bietet und warum der Mensch diese nicht mehr sieht. Ich bin dankbar, dass ich ein gutes Leben habe und möchte etwas davon abgeben. Diese Einstellung haben auch meine ehrenamtlichen Mitarbeiter.
Nehmen Sie die Eindrücke mit nach Hause?
Ich kann das normalerweise strikt trennen. Mich wühlt es eher auf, wenn meine Ehrenamtlichen mich anrufen und mich nach Hilfe fragen, weil sie einen suizidalen Fall in der Leitung haben. Interview: Alexandra Schöne