Rosenheim – 14 Bilder, sieben Familien, zwei Fotografinnen: Im Kinderhaus der Rosenheimer Stadtbibliothek gibt es bis Samstag, 19. September, das Fotoprojekt „Kinder mit Behinderung und ihre Geschwister“ von Clara Nistler (15) zu sehen. Auf die Idee kam sie durch ihre Schwester Marlene (13), die das Downsyndrom hat.
Clara Nistler hat schon immer gerne fotografiert. Sie mag es, Augenblicke festzuhalten, liebt die Erinnerungen im Fotoformat. „Es macht einfach Spaß“, sagt sie. Mit sechs hat sie ihre erste Kamera bekommen, hat sie seitdem nur selten aus der Hand gelegt. Sie fotografiert Landschaften, hin und wieder auch Menschen. Ihr liebstes Motiv: Schwester Marlene (13).
Einige Fotos teilt Clara in den sozialen Medien. Es gibt ein Foto, auf dem Marlene beim Schaukeln zu sehen ist. Sie trägt ein schwarzes Haarband und einen pinken Pullover. Darunter steht „Lachen ist Marlenes Lieblingsbeschäftigung“. Ein weiteres Foto zeigt die beiden Schwestern. Sie sitzen im Garten, halten sich in den Armen und lächeln sich an.
Es ist eines der 14 Bilder, das seit einigen Wochen im Kinderhaus der Rosenheimer Stadtbibliothek hängt. „Ich kann immer noch nicht fassen, dass ich eine eigene Ausstellung habe“, sagt Clara Nistler. Sie spaziert durch die Stadtbibliothek, weiß genau, wo welches Bild hängt.
Im Rahmen ihrer großen praktischen Arbeit, die alle Achtklässler der Montessori Schule in Rohrdorf ablegen müssen, sei ihr die Idee zum Fotoprojekt gekommen. „Einige bauen eine Lampe, andere eine Hundehütte und ich mache Fotos“, sagt sie. Ziel ihres Projektes sei es, die Beziehung zwischen Kindern mit geistiger Behinderung und ihren Geschwistern zu beleuchten.
Weil sie dafür aber nicht nur Bilder von sich und ihrer Schwester Marlene zeigen will, macht Clara sich auf die Suche nach anderen Familien, die eine ähnliche Geschichte haben. Sie verteilt Flyer in Marlenes Schule, fragt, ob Interesse bestehe, an ihrem Projekt teilzunehmen. „Es haben sich relativ schnell Familien gemeldet“, sagt sie. Einige kennt sie, andere lernt sie kennen. Insgesamt sieben Familien erklären sich bereit, an dem Projekt teilzunehmen.
Clara Nistler telefoniert mit den Geschwistern, fragt sie nach ihren Erfahrungen. „Ich wollte wissen, wie sie damit umgehen, einen Bruder oder eine Schwester mit einer Behinderung zu haben“, sagt sie.
Die Antworten schreibt sie auf und fasst sie im theoretischen Teil ihrer Abschlussarbeit zusammen. Im Anschluss trifft sie sich mit ihren Interviewpartnern zum Fototermin. Unterstützung bekommt sie von der Fotografin Susanne Kucheta. Sie ist eine Freundin der Familie und hat selbst eine Tochter mit Downsyndrom.
„Sie hat mir Tipps gegeben und gezeigt, dass Fotografieren mehr als nur Knipsen ist“, sagt Clara Nistler. Die beiden ziehen von Familie zu Familie, machen Hunderte von Bildern. Einen Tag braucht die 15-Jährige, um die besten auszuwählen. Zwei Bilder für jede Familie, außerdem eine Fotostrecke auf Clara Nistlers Instagram-Account.
Für das Teilen der Bilder in den sozialen Medien habe sie sich entschieden, weil sie aufgrund der Corona-Krise nicht wusste, ob eine Ausstellung überhaupt stattfinden kann. Mittlerweile hat sie schon 72 Bilder hochgeladen. Unter die Fotos schreibt sie kurze Auszüge aus den Interviews. „Die Resonanz ist unheimlich gut. Ich habe viele Nachrichten bekommen“, sagt sie.
Eine Familie wie
jede andere auch
Trotzdem blieb der Wunsch, die Bilder nicht nur in der virtuellen Welt zu zeigen, sondern eben auch in einem Ausstellungsraum. Sie telefoniert, sucht im Internet. Schließlich fragt sie in der Stadtbibliothek nach und bekommt sofort eine Zusage.
Einige Wochen später hängen 14 ihrer Lieblingsbilder in der Stadtbibliothek. „Ich hätte das niemals erwartet. Es ist doch nur ein Schulprojekt“, sagt Mutter Barbara. Sei sei stolz auf ihre Tochter und finde es toll, dass sie sich mit diesem Thema auseinandersetze. Ihr selbst sei es wichtig, dass die Leute wissen, dass es nichts Schlimmes ist, ein geistig behindertes Kind zu haben. „Wir sind eine Familie wie jede andere auch“, sagt Babara Nistler.
Es ist das Fazit, das auch Clara Nistler aus ihrem Projekt zieht. „Keines der Geschwister hat mir gesagt, dass es schlimm für sie ist, einen Bruder oder eine Schwester mit einer Behinderung zu haben“, sagt sie. Für alle sei es normal. Manchmal seien sie genervt, manchmal begeistert von ihren Geschwistern. Eins aber haben sie alle gemeinsam: Sie sind froh, einander zu haben. Die Fotos in der Stadtbibliothek sind Beweis genug.