Rosenheim – Im Rosenheimer Erzählcafé, einer Veranstaltungsreihe des Bildungswerks, lernen die Menschen die Lebensgeschichten anderer kennen. Dieses Mal sollte es aber um das Bildungswerk selbst gehen, das heuer sein 75-jähriges Bestehen feiert. Ein Rückblick.
Freiheit und
Zusammenhalt
Mit vereinten Kräften schiebt eine Gruppe junger Erwachsener einen Oldtimer – allerdings nicht in eine Garage, sondern mitten hinein in das Rosenheimer Bildungswerk. Über den Garten durch die Türen mitten in den Raum. Es geht um Millimeterarbeit, damit dem wertvollen Auto nichts passiert. Anlass war eine Oldtimerparty im Bildungswerk. Das war etwa in den 90er-Jahren, erinnert sich Regina Georg (59), Teilnehmerin des Erzählcafés zurück. „Das Bildungswerk steht für einen Ort geistiger Freiheit und des Mutes“ ist die Rosenheimerin überzeugt. Sie selbst sei ein Kind des Bildungswerks, da ihre Mutter Gisela (87) sie immer zu jeder Veranstaltung mitgenommen hätte. Ihre Mutter ist überzeugt: „Das Bildungswerk ist meine zweite Heimat.“
Alle, die an diesem Tag hier sind, haben eine persönliche Erinnerung an die Einrichtung. Elfriede Pauli, Mitglied im Geschäftsführenden Ausschuss, führt als Moderatorin neben der ehemaligen BR-Sprecherin Margarita Wolf-Lenz durch die Veranstaltung, die den Teilnehmern nicht nur einen Blick in ihre eigene Vergangenheit erlaubt.
1945 gegründet, damals noch unter dem Namen „Interkonfessionelles Religiöses Vortragswerk“, war das heutige Bildungswerk Anlaufstelle für viele Generationen. Denn: „Nach dem Zweiten Weltkrieg war der Bildungshunger groß“, so die Moderatorinnen. Die Einrichtung griff für die Erwachsenenbildung Themen der katholischen Soziallehre, der Sozialpolitik und der „Dritten-Welt“ auf.
In ihrem 75-jährigen Bestehen kann die Einrichtung auf eine bewegte Zeit zurückblicken. Da gab es etwa einen Vortrag der Scientology-Aussteigerin Renate Hartwig, wie eine Teilnehmerin in Erinnerung ruft. „Jemand hatte vor der Veranstaltung einen leeren Koffer auf den Parkplatz gestellt, um sie einzuschüchtern.“ An den Polizeieinsatz erinnert sie sich, als sei es gestern gewesen.
Das Bildungswerk ist den Teilnehmern aber vor allem als Vorreiter im Gedächtnis. Dort feierten Generationen an Frauen seit jeher den internationalen Frauentag. Immer getreu dem Motto „Leben durch Begegnung.“ Das spiegelte sich auch in den Gottesdiensten wider, die „alles andere als traditionell“ gewesen seien. Die Türen waren geöffnet für jedermann, selbst türkische Volkstanzgruppen probten hier – genau so wie hiesige Theatergruppen. 1998 legten vier buddhistische Mönche ein Sandmandala. Der damalige Leiter Ludwig Gruber hatte sie für einen interkulturellen Austausch eingeladen. Bis heute hängt das Kunstwerk noch in den Räumen des Bildungswerks. Auch die ehemaligen Mitarbeiter aus der Verwaltung und der Geschäftsführung sind sich einig: „Wir haben mit Kopf, Herz und Verstand im Haus gearbeitet.“
Zwischen Moderne
und Brauchtum
Ziel der neuen Veranstaltungsreihe ist, dass Menschen zusammenkommen, erklären die Moderatorinnen Elfriede Pauli und Margarita Wolf-Lenz. Im Erzählcafé möchten sie Anregungen schaffen und neue Perspektiven eröffnen. Und sich dabei zwischen Brauchtum und Themen des aktuellen Zeitgeschehens bewegen. Vor allem in Zeiten von Corona sei der persönliche Austausch wichtiger denn je. Das Angebot richtet sich auch an Menschen, die allein sind oder vielleicht erst kürzlich nach Rosenheim gezogen sind und Anschluss suchen. „Eine Teilnehmerin hat uns gesagt, sie komme dadurch erst wieder unter Menschen.“
Die nächste Veranstaltung des Erzählcafés rund um Festtagsbräuche findet am Donnerstag, 12. November, von 10 bis 11.30 Uhr in der Stadtbibliothek statt. Eine Anmeldung ist erforderlich.