Der Herr über die Zeit

von Redaktion

Mesner Dietmar Zenkert erinnert sich an das frühere Prozedere bei der Uhrumstellung

Rosenheim – Sie schlagen pünktlich zum Aufstehen, sie schlagen zum Mittagessen und sie schlagen zum Feierabend. Der Glockenklang der Kirchturmuhren ist ein ständiger Begleiter im Alltag. In Zeiten von automatischen Funksignalen sind die Uhren in den Rosenheimer Kirchen heutzutage alle mehr oder weniger im Gleichklang. Doch das war nicht immer so. Als die Uhren in den Türmen noch mechanisch betrieben wurden, bedurfte es einiges an Arbeit, das Laufwerk kontinuierlich in Gang zu halten.

Eine Stunde lang
die Hand am Pendler

Eines der größten Probleme – die Zeitumstellung, die beispielsweise am morgigen Sonntag wieder ansteht. Dietmar Zenkert, Mesner in der Kirche St. Hedwig in Rosenheim, erinnert sich noch genau an die Mühseligkeiten, die ihm die Uhr lange Zeit bereitet hat. „Ich bin damals immer am späten Abend, so zwischen 23 und 24 Uhr, nochmal hoch in den Kirchturm und habe den Pendler, der die Uhr angetrieben hat, per Hand angehalten. Nach genau einer Stunde hab ich wieder losgelassen, sodass die Uhr für den nächsten Tag umgestellt war.“

Diese Prozedur, die er zwischen 1985 und 1990 mitmachen musste, war allerdings bei Weitem nicht die einzige Pflege, die für eine funktionierende Kirchturmuhr notwendig war. Alle paar Tage musste der Mesner zu Beginn seiner inzwischen 26 Dienstjahre nach oben in den Turm, wenn beispielsweise der Motor, der die Pendel nach oben ziehen sollte, wieder einmal defekt war. „Das Schlimmste für die Uhr war immer die Kälte. Selbst wenn der Motor funktionierte, ging die Mechanik immer etwas langsamer als gewöhnlich. Dadurch haben wir immer ein paar Minuten pro Woche verloren, die wir dann wieder richtig einstellen mussten.“

Trotz der Unannehmlichkeiten blickt der 66-Jährige mit Freude auf seine lange Zeit in der Kirchengemeinde St. Hedwig zurück. Für ihn sei es der schönste Beruf, den er sich hätte aussuchen können. Denn schon in seiner Jugend hat er viel Zeit in der Rosenheimer Kirchengemeinde verbracht und sich mit der historischen Technik auseinandergesetzt. „Wir haben uns damals als kleine Jungen an die Seile der Kirchturmglocken gehangen. Wir waren damals so leicht, dass wir beim Glockenschlag immer hoch und wieder runter gesaust sind. Das sind Erinnerungen, die einem immer im Gedächtnis bleiben.“

Mittlerweile geht
alles automatisch

Ein derartiges Abenteuer ist für die heutige Jugend nicht mehr denkbar. Seit 1990 wird die Turmuhr über Funk gesteuert. Ein Tastendruck genügt und die vier Ziffernblätter rund um den Turm drehen sich bei der Zeitumstellung in die richtige Position. Auch die Glocke richtet sich automatisch danach aus.

Technikanlage in
der alten Sakristei

Die notwendige Technikanlage dafür steht in der alten Sakristei. „Das ist schon alles gut so“, findet Zenkert, „wenn ich daran denke, wie schwer es war, alle Ziffernblätter aufeinander einzustellen und heute laufen alle Uhren auf die Sekunde genau gleich, dann ist das schon ein deutlicher Fortschritt.“ Ein Fortschritt, der auch am Sonntag dafür sorgen wird, dass die Uhren pünktlich um eine Stunde zurückgestellt werden.

Artikel 11 von 11