Das letzte Ma(h)l

von Redaktion

Wie Rosenheimer Wirte gegen die Maßnahmen der Staatsregierung protestieren

Rosenheim Das öffentliche Leben in Deutschland ist seit der Verkündung des „Lockdown light“ wieder massiv eingeschränkt. Bei den Rosenheimer Gastronomen gibt es deshalb verschiedene Formen des Protests – darunter auch überraschende. Zwei Beispiele.

Vor rund 500 Jahren hat Leonardo da Vinci das letzte Abendmahl gemalt. Jetzt haben die Wirte Eric und Georgia Brodka vom Restaurant „Zum Augustiner Rosenheim“ das bekannte Gemälde nachgestellt. Das Bild, das auch in den sozialen Medien die Runde macht, zeigt die beiden Betreiber, die gemeinsam mit ihren Mitarbeitern an einem Tisch sitzen. Darauf stehen Brezen, Leberkäse und Bierkrüge. Einige Mitarbeiter unterhalten sich, andere schauen ernst in die Kamera.

Stirbt die Branche durch den Lockdown?

Mit dem Bild, das den Namen „Corona 2.0 – hoffentlich das letzte Ma(h)l“ trägt, haben die Brodkas zu einem letzten gemeinsamen Mahl vor dem Tod der Branche eingeladen. So jedenfalls die Symbolik hinter der Inszenierung. „Wir wollen damit auf unsere schwierige Situation aufmerksam machen“, sagt Georgia Brodka.

Sie sitzt in ihrem Restaurant, die Stühle sind hochgestellt, das Licht ist gedimmt – die Stimmung auch. Mit einem zweiten Lockdown hat auch sie nicht gerechnet. In den vergangenen Monaten habe sie sich an alle Hygieneauflagen gehalten, habe diese „perfekt umgesetzt“. Dass ihre Branche jetzt „als erstes wider geschlossen wird“, trifft die Deutsch-Amerikanerin hart. „Ich habe dafür einfach kein Verständnis“, sagt sie und rechnet mit Verlusten im hohen fünfstelligen Bereich. Und auch die Nachricht, dass der Bund die Leidtragenden mit bis zu 75 Prozent des Umsatzes vom November 2019 unterstützen will, ist für sie nur ein kleiner Trost. „Es geht darum, dass ich meinen Beruf nicht ausüben darf“, sagt sie. Ihre Mitarbeiter seien bereits in Kurzarbeit, die übrig gebliebenen Waren will sie an die Tafel spenden. Was bleibt, ist die Hoffnung, dass sie im Dezember wieder eröffnen kann. Doch auch daran glaubt sie im Moment noch nicht. „Ich überlege gerade, ob ich die Zeit nutzen soll, das Restaurant weihnachtlich zu dekorieren oder ob ich gleich die Osterdekoration rausholen soll“, sagt sie. Lachen tut sie dabei nicht.

Ähnlich bedrückt ist die Stimmung bei Amir und Edin Bajric, den Geschäftsführern des Restaurants „Coppa Brazil“ in der Adlzreiterstraße in Rosenheim. Auch die beiden wollen die Schließung ihres Restaurants nicht einfach so hinnehmen, haben deshalb ihrem Unmut in den sozialen Medien Luft gemacht. In einem offenen Brief, adressiert an die Mitglieder der Staatsregierung, hinterfragen sie, ob ein „Lockdown light“ wirklich sein muss. In der Netzgemeinde kommt der Beitrag gut an – 502-mal wurde er geteilt, 300 Nutzer haben mit dem „Daumen hoch“ ihr Mitgefühl bekundet. Amir und Edin Bajric freut das, der fade Beigeschmack aber bleibt.

Seit 15 Jahren Betreiber des „El Paso“

„Wir haben wahnsinnig viel Geld in die Umsetzung der Hygienemaßnahmen gesteckt“, sagt Amir Bajric. Er habe unter anderem zusätzliches Personal eingestellt und Plexiglasscheiben angebracht. „Die Umsätze sind im Vergleich zum normalen Betrieb drastisch gesunken“, sagt der Geschäftsführer. Trotzdem habe er sich an die Maßnahmen gehalten, habe bei „Polizeikontrollen stets vorbildlich abgeschnitten“. Er glaubt, dass die Gastronomie nicht daran schuld ist, dass die Corona-Zahlen in den vergangenen Wochen so drastisch angestiegen sind. „Feiern und Zusammenkünfte werden sich noch mehr ins Private verlagern“, zeigt sich sein Bruder Edin Bajric überzeugt. Seit einem Jahr betreiben sie das südamerikanische Restaurant „Coppa Brazil“ in Rosenheim, seit 15 Jahren das „El Paso“ in Wasserburg. Eine Zeit wie diese, haben auch sie noch nicht erlebt. „Den ersten Lockdown haben wir gerade so überlebt. Jetzt müssen wir schon wieder tatenlos zusehen, wie alles den Bach runtergeht“, sagt Amir Bajric. Auch er glaubt nicht daran, dass die Gastronomie im Dezember wieder eröffnen darf. „Wir haben mit diesem Jahr bereits abgeschlossen und wollen einfach nur überleben“, fügt Edin Bajric hinzu.

Ganz kampflos geben sie sich dann aber doch nicht geschlagen. Sie wollen ein Zeichen setzen und hoffen, dass auch andere Gastronomen mitziehen. Georgia und Eric Brodka jedenfalls haben sie bereits auf ihrer Seite.

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