„Zeichnen ist ein abenteuerlicher Weg“

von Redaktion

Interview Künstler Mehrdad Zaeri spricht über seine Arbeit als Buchillustrator

Rosenheim/Mannheim – An der Wand des Parkhauses P12 am Rosenheimer Bahnhof ist seit August ein großer Walfisch zu sehen. Die Schöpfer sind die Künstler Mehrdad Zaeri (50) und seine Frau Christina Laube (Duo „Sourati“) aus Mannheim. Mehrdad Zaeri ist Zeichner, Illustrator und Geschichtenerzähler. Ein Gespräch über Träume, Zeichenmarathons und warum er bei jeder Illustration seine eigene Geschichte erzählt.

Herr Zaeri, was hat Taxifahren mit ihrem Beruf als Künstler zu tun?

Nach dem Abitur habe ich mich entschieden, Künstler zu sein. Für mich war klar: Ich wollte nicht mehr länger warten, sondern mit dem aktiven Zeichnen beginnen. Um die elementaren Bedürfnisse des Lebens zu finanzieren, also meine Miete und Lebensmittel, bin ich in Heidelberg nachts mit dem Taxi gefahren. Da habe ich immer mit Kugelschreiber auf Quittungen gezeichnet. So konnte ich nachts meine Bilder machen und sie tagsüber irgendwo ausstellen. Zum Beispiel in Cafés. Dort hingen teilweise 200 bis 300 Zettel an der Wand.

Was bedeutet Zeichnen für Sie?

Das Allerwichtigste für mich war immer: An dem Tag, an dem ich sterbe, auf mein Leben zurückzublicken und zu sehen, dass ich wirklich jeden Tag gezeichnet habe. Das ist das Ziel. Nicht Sicherheit, nicht finanzieller Reichtum, nicht berühmt sein. Einfach nur zeichnen können. Bis heute mache ich das wie ein Besessener. Wenn ich mal eine längere Zeit nicht dazu komme, werde ich unruhig. Ein Bild zu zeichnen, bringt mir innere Ruhe. Daraus schöpfe ich seit 30 Jahren meine Kraft. Zeichnen ist ein unglaublich freier, abenteuerlicher Weg.

Sie illustrieren seit 13 Jahren Bücher. Wie ist die Leidenschaft dafür entstanden?

Ich hatte immer den Traum, ein Zeichner zu sein. Ich liebte Kinderbücher und Comicbücher. Als Kind hatte ich im Iran ein dickes Buch, das waren Geschichten zum Alten Testament. Die Illustrationen dazu waren wie große Tafeln über ein bis zwei Seiten, in schwarz-weiß. Das habe ich mir unzählige Male angeschaut. Seitdem habe ich eine Schwäche für Grafiken, für Striche, Muster und Strukturen.

Sie sagen, es war für Sie schwierig, einen Verlag zu finden. Warum?

Ich habe jahrelang nach einem Verlag gesucht, während ich als Taxifahrer und Ausstellungskünstler gelebt habe. Es war zum einen schwierig, weil ich nicht Illustration studiert hatte. Als Student ist man mit einem Fuß schon in der Verlagswelt. Aber nicht nur das: Ich hatte auch keine Ahnung, wie man sich bewirbt oder wie man wirklich Bücher illustriert. Dadurch habe ich viele Jahre lang nur Abweisungen erhalten.

Wann hat sich das
geändert?

Das war eher durch Zufall. Ein Verleger hatte eine meiner Ausstellungen in Mannheim gesehen und ist dann auf mich zugekommen. Das war wie ein Wunder. Mein Leben als Buchillustrator hat also erst im Alter von 36 Jahren begonnen.

War das zu spät für Sie?

Nein. Das Alter spielt
keine Rolle. Das ist etwas, was ich anderen mitgeben möchte. Vor allem jungen Künstlern. Selbst wenn man mit 60 erst richtig erfolgreich wird, hat es sich doch gelohnt.

Wie ging es nach dem ersten Buch weiter?

Das hat sich gut verkauft. Dann kam ein zweites Buch hinzu, dann ein Wandkalender. Bis jetzt habe ich um die 30 Bücher illustriert, für Kinder sowie für Erwachsene. Dieses Jahr habe ich für die „Insel-Reihe“ ein Weihnachtsbuch von Nikolai
Gogol illustriert. Außerdem zeichne ich für Magazine und Zeitschriften. Im Moment arbeite ich an einem Rätselbuch.

Wie gehen Sie das Illustrieren eines Buches an?

Ich brauche dafür Zeit. Mindestens zwei Jahre. Das ist meine erste Bedingung. Ich kann nicht in drei Monaten ein Buch illustrieren. Im ersten Jahr lasse ich die Geschichte in mir reifen. Ideen und Gedanken kommen automatisch. Im zweiten Jahr zeichne ich. In den Momenten, in denen es plötzlich über mich kommt. Das kann im Bett oder in meinem Atelier sein.

Was ist Ihnen dabei
wichtig?

Ich bestehe darauf, dass ich meine eigene Geschichte in den Bildern erzähle. Das heißt: Ich zeige nicht das, was im Text steht. Das wäre langweilig. Sondern ich erweitere ihn. Im Kopf der Leser soll durch die Bilder eine eigene Geschichte entstehen.

Beschreiben Sie doch Ihre Arbeit in ein paar Sätzen.

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