Werkstoff bis unters Dach: Im Gebälk des Holztechnischen Museums finden sich ebenso zahlreiche Exponate.
Rosenheim – Rosarot gewandet läuft Helga Bichl leichtfüßig über eines der Grabendächer in der Rosenheimer Altstadt. Als sie den First erreicht, hebt sie wagemutig ihren rechten Fuß vom Blech und breitet die Arme aus.
Hinter ihr befindet sich die Fußgängerzone, links von ihr der Kirchturm der St.-Nikolaus-Kirche, versteckt hinter dem Häusermeer; und vor ihr verstellt kein Hindernis den Blick auf die schneebedeckten Berge. Die graue, gezackte Blechdachlandschaft, die sich vor ihren Füßen ausbreitet, lässt nicht auf das schließen, was sich darunter befindet: die gold-braune Farbwelt des Holztechnischen Museums in Rosenheim.
Seit fünf Jahren ist Bichl für die Verwaltung der Einrichtung zuständig. Ihr Arbeitsplatz befindet sich im Ellmaierhaus am Max-Josephs-Platz 4, einem denkmalgeschützten Gebäude aus dem 16. Jahrhundert.
Der Baum und
seine Bedeutung
für den Menschen
Holztechnik, das umfasse die Bearbeitung und Verarbeitung des Werkstoffs, erklärt Bichl. Doch das Museum dokumentiere nicht nur, wie sich die Arbeit mit dem Material historisch entwickelt habe. Die Ausstellung beginne vielmehr damit, über den Baum selbst und dessen Bedeutung für den Menschen aufzuklären.
Helga Bichl rollt die Kastanien, die die Besucher an der haptischen Station ertasten können, in ihren Händen. Holz zum Fühlen, zum Riechen, zum Hören und zum Sehen. Nicht nur jüngere, ebenso Erwachsene haben Freude daran, den Werkstoff mit allen Sinnen zu erfahren. Auch Helga Bichl schnuppert mit verzücktem Gesichtsausdruck an den Duftholz-Stäben.
Treibende Kraft der 1990 gegründeten Ausstellung ist der Verein „Holztechnisches Museum Rosenheim“. In diesem organisieren sich Vertreter der hiesigen Ausbildungsstätten für Holzberufe. Die Gemeinschaft ist für die fachliche Gestaltung verantwortlich, während die Stadt und der Bezirk Oberbayern das Museum finanziell tragen.
„Rosenheim ist Holzbildungsstätte“, schildert Holzingenieur Arno Kurz. Er ist Mitbegründer und langjähriger Gestalter des Museums. Seit 20 Jahren ist er im Ruhestand, lässt es sich aber nicht nehmen, als ehrenamtlicher Ausstellungsführer zu arbeiten. Er berichtet, warum sich ein Museum zum Werkstoff Holz gerade in Rosenheim befinden muss: Durch das 1925 gegründete Holztechnikum sowie die sich daraus entwickelnden Bildungsstätten – Fachhochschule, Technikerschule und das Lehrinstitut für Holz- und Kunststofftechnik – sei die Stadt am Alpenrand zum weltweit gefragten Ort für Experten in Sachen Holz avanciert. Der Übergang vom reinen Handwerk zur Industrie Anfang des 20. Jahrhunderts habe zum erhöhten Bedarf an Fachkräften geführt, weiß Kurz zu berichten. Rosenheim habe dies bieten können und gelte aufgrund dieser historisch gewachsenen Bildungs- und Forschungseinrichtungen auch heute noch als „Mekka für den Wissensaustausch“ rund um den Werkstoff Holz.
Zum Prädikat „Holzstadt“, das Rosenheim eine Weile innehatte, sagt Kurz: Man habe sich da etwas aus dem Fenster gelehnt. Rosenheim sei kein urbanes, aus dem nachwachsenden Rohstoff errichtetes Wunderwerk, sondern vor allem Holzbildungsstätte. Trotzdem finden sich im Rosenheimer Raum bei genauerem Hinsehen beeindruckende Holzbauten. Etwa ein achtstöckiges Haus, das 2011 in Bad Aibling gebaut wurde und zu den höchsten Holzgebäuden Deutschlands zählt. „Brettsperrholz“, erklärt Arno Kurz. Das sei jene Technik, die mittlerweile Konstruktionen aus besagtem Material in schwindelerregende Höhen zulasse.
Sonderausstellung
um moderne Stoffe und 3D-Druck
Das Holztechnische Museum ist sein Herzensprojekt. Das merkt man an der Art, wie Arno Kurz darüber spricht. Doch der Mitbegründer weiß, wann es Zeit ist, Platz für neue Ideen zu machen: „Das, was vor 20 Jahren galt, gilt heute schon lange nicht mehr“.
Mit regelmäßigen Sonderausstellungen hält der Verein das Museum auf dem neusten Stand der Forschung. In der für 2022 geplanten Sonderausstellung wird es um moderne Holzbaustoffe und jene Möglichkeiten gehen, die sich durch die Technik des 3D-Drucks auftun.
Das alte Gemäuer mit dem massiven Dachgiebel und dem knarzenden Holzfußboden erinnert währenddessen daran, dass Holz schon immer ein bedeutender Werkstoff war. Sobald das Museum seine Pforten wieder öffnen kann, sollen Besucher das Vergnügen haben, die 400 Jahre alte „Himmelstreppe“ zur Ausstellung hinaufzusteigen. Sie sei das einzige Exemplar ihrer Art in Rosenheim, betont Helga Bichl.
Die Stufen führen schnurgerade herauf. Besucher müssen dem Sog nach oben in Richtung Speicherdepot und schließlich zum Grabendach widerstehen. Sie müssen bereits in der Mitte abbiegen. Denn sonst droht, dass sie die Gelegenheit verpassen, in das goldene Braun des Museums einzutauchen zu können
Ein Video zum Museum gibt es auf dem
Youtube-Kanal
von OVB-Online