Allein in der Bibliothek

von Redaktion

Rosenheims Stadtbücherei gewährt ihren treuen Fans einen exklusiven Besuch

Rosenheim – Jessica Döhler ist an diesem Wochenende allein. Auf der Rosenheimer Stadtbibliothek liegt eine angenehme Ruhe, aber
die Bibliotheksmitarbeiterin vermisst ihn trotzdem: den Kontakt zu ihren Nutzern. Jene Angebote, die seitens der Bücherei noch vorgehalten werden dürfen, sie seien nicht dasselbe.

So ganz allein bleibt die 29-jährige Bibliothekarin an diesem Vormittag nicht. Um 9.30 Uhr stößt die Familie Kunzelmann aus Rosenheim dazu: Vater Maik, Mutter Nasrin, die Töchter Chiara (19), Kayla (elf) und die Zwillinge Sascha und Tom (sieben). Ihnen gehört die Bibliothek ganz allein – abgesehen von Döhler und einem Kollegen ist niemand dort, der sie beim Stöbern stören könnte.

Kontakte über
soziale Medien

„Allein in der Bibliothek“ heißt die Aktion, die sich Döhler und ihre Kollegen überlegt hatten. Für jene Zeit, in der die drei Stockwerke der Stadtbibliothek verwaist bleiben müssen. Über Facebook und Instagram fragten die Mitarbeiter der Stadtbibliothek: Warum vermisst Ihr uns? „Uns war es einfach wichtig, den Kunden etwas anderes bieten zu können in dieser Zeit“, sagt Döhler. Derzeit beschränkt sich das Angebot der Bibliothek auf einen Abholservice und einen Bringdienst für die Medien des Hauses – ein Projekt im Rahmen eines Freiwilligen Sozialen Jahres, das ursprünglich für Senioren gedacht war, zum ersten Lockdown im Frühjahr 2020 jedoch erweitert wurde.

Die Kommentare auf Facebook und Instagram hätten für sich gesprochen: Bedauern und Tristesse darüber, dass es in dieser Zeit nicht länger möglich ist, in der Bibliothek zu stöbern.

Acht Gewinner zog die Bücherei aus den Antworten, Familie Kunzelmann sind die dritten, die sich – fast allein – den Beständen der Bibliothek widmen dürfen. Den Exklusivbesuch nutzten bislang nicht nur Familien. Auch ein Paar konnte zwei Stunden ungestört in der Bibliothek verbringen. Für die Kunzelmanns beginnt und endet die Reise im Kinderhaus, einem hellen Raum, den die Sonne an diesem Vormittag besonders mit ihren Strahlen verwöhnt. Schon von der Treppe aus ist die Rakete zu sehen: eine Sitzgelegenheit, aufgeteilt in vier Nischen, um zu entspannen und zu schmökern.

Nach ihrer Reise durch die Regale kommen die Kunzelmanns dort wieder zusammen, um in Ruhe zu lesen. Wobei: Ruhig gestaltete sich schon die Suche nach dem richtigen Buch. „Es war schon ein freies Gefühl“, wie Mutter Nasrin die ersten Minuten mit ihrer Familie in der fast leeren Bibliothek beschreibt.

„Für meine Kinder ist es zum Teil eine besondere Phase des Lesens“, berichtet Mutter Nasrin Kunzelmann. Die Zwillinge Sascha und Tom machten sich gerade erst mit Büchern vertraut, Tochter Kayla sei jüngst aufs Gymnasium gewechselt und die Älteste, Chiara, steht vor dem Abitur. Sie hat die Rosenheimer Bibliothek in den vergangenen Jahren vor allem als Ort kennen und schätzen gelernt, um ihren Schulstoff zu durchdringen. Und sie leidet still: „Es geht mir jetzt schon seit einem Jahr total ab, dass ich nicht ein- bis zweimal die Woche hierherkommen kann“. Sie genießt und vermisst die ruhige Atmosphäre des Hauses während ihrer Lernphasen.

Abwechslung auch
für die Mitarbeiter

Auch für die Mitarbeiter der Bibliothek ist die Aktion eine willkommene Abwechslung. Denn: „Kundenkontakt macht einen sehr großen Teil der Bibliotheksarbeit aus“, berichtet Jessica Döhler. Und der fehlt nun schon seit Wochen. Döhler und ihre Kollegen strecken derweil ihre Fühler über die sozialen Netzwerke aus, um Kontakt mit ihren Nutzern zu halten. Doch ohne direkte Begegnungen sei die Arbeit „anders“, wie es die 29-Jährige ausdrückt. Man merkt: Die Besucher fehlen den Bibliotheksmitarbeitern.

Am Ende hat sich Tom für ein Buch über den Weltraum entschieden, in dem er gemeinsam mit Vater Maik blättert. Mutter Nasrin hat sich einen Wanderführer geschnappt, ein Buch aus der Serie „Gregs Tagebuch“ ist es für Kayla geworden, ein Buch auf Französisch für Chiara. Nur der siebenjährige Sascha ist noch nicht fündig geworden und blättert stattdessen mit seiner Mutter in einem Bilderbuch, aus dem er ihr seine ersten Wörte vorliest.

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