Rosenheim – Ein Fahrrad steht gerade bereit zum Reparieren, der Schlauch muss ausgetauscht werden. Es ist eine von vielen Reparaturen, die Harald Radl mit seiner Crew in der Fahrradstation am Gleis 1 am Rosenheimer Bahnhof anbietet. Seine Crew – das sind oft Langzeitarbeitslose mit chronischen psychischen Krankheiten oder ähnlichen Handicaps. Am Gleis 1, das von der Caritas getragen wird, versuchen sie wieder Struktur in ihren Tag zu bekommen – in der Fahrradwerkstatt oder im benachbarten Buchcafe. Corona hat den Betrieb zwar eingeschränkt, aber an Aufhören denkt hier niemand.
„Zurzeit ist ja fast Totenstille am Bahnhof“, sagt Radl. Der Fahrradmechaniker leitet die Fahrradstation und lernt neue Mitarbeiter an. Es ist eine kleine Werkstatt, im Fahrradparkhaus am Rosenheimer Bahnhof. Neben Radl sitzen noch zwei Mitarbeiter gerade an der Arbeit. Eigentlich arbeiten in dem ganzen Projekt am Bahnhof an die 40 Personen, wegen Corona sind es derzeit viel weniger.
Tickets für
das Parkhaus
Für das Fahrradparkhaus verkaufen sie Parktickets an Pendler, bieten aber auch an, Fahrräder zu reparieren oder zu recyclen und dann zu verkaufen. Das Ziel ist, Menschen mit psychischen Erkrankungen dabei zu helfen, Struktur in ihren Tag zu bekommen und ihre wirtschaftliche Situation aufzubessern.
„Es ist eine schöne Beschäftigung, viel menschlicher. In jedem anderen Betrieb geht es nur um Umsatz“, sagt Radl. Trotzdem will er mit seinen Mitarbeitern den höchstmöglichen Qualitätsstandard erreichen. „Die Kunden sollen zufrieden sein, sie sollen ja noch Jahre mit dem Fahrrad fahren.“
Einer von seinen Mitarbeitern ist Christopher Schwarz. Er macht viele Kundentelefonate, der Kontakt mit anderen liegt ihm. Eigentlich arbeitet Schwarz in den Wendelstein-Werkstätten, ist aber im Außendienst eingesetzt. Während er fast die ganze Woche durcharbeitet, sind auch einige im Zuverdienst dabei, die nur wenige Stunden pro Woche arbeiten.
„Ich freue mich immer wieder darauf, dass wir Stammkunden haben“, sagt Schwarz. Inzwischen lernt er auch selbst schon andere Mitarbeiter an. Manchmal gäbe es Tage, an dem es ihm nicht so gut gehe, sagt Schwarz. „Aber im Großen und Ganzen gefällt mir die Arbeit hier.“
Corona beeinträchtigt das Gleis 1 besonders. Das liegt zum einen daran, dass der Umsatz für die Fahrradstation und das Buchcafé ausbleiben. Das Projekt wird zwar gefördert, sollte sich aber finanziell selbst tragen – was in Zeiten des Lockdowns nicht einfach ist. Zum anderen leiden vor allem die Mitarbeiter davon, wenn sie nicht in die Werkstatt oder in das Café kommen können. Für manche fällt damit der psychisch stabilisierende Effekt der regelmäßigen Arbeit weg. Auch der persönliche Kontakt zu Kunden, mit denen viele sich wieder in soziale Gefüge einleben, fällt aus. Es sei vermehrt zu Krisen gekommen, sagt die Projektleiterin Andrea Rentzsch.
„Wir bieten regelmäßige Gespräche und Gemeinschaftsangebote an“, sagt Rentzsch. „Damit wollen wir auch präventiv Krisen vorgreifen.“ Gerade die Gemeinschaft sei am Gleis 1 besonders, sagt Radl. „Wir von der Fahrradwerkstatt kommen oft ins Buchcafé und holen uns Kaffee oder Kuchen. Jeder kennt hier jeden.“ Das bedeutet auch, dass sich jeder in dem Rahmen einbringt, wie es ihm möglich ist. Ein Mitarbeiter beispielsweise sitzt im Rollstuhl – er übernimmt den Online-Verkauf der Bücher auf der Plattform „Booklooker“.
Im Buchcafé steht gerade Sabine hinter dem Tresen. Ihren Nachnamen möchte sie nicht nennen, auch sie kommt von den Wendelstein-Werkstätten. Das Café um sie herum ist leer, aber trotzdem backt und kocht sie. Die Kunden kommen um die Mittagszeit, klopfen ans Fenster und können dann Eintopf in Gläsern oder Kuchen kaufen. „Es ist fad ohne Kunden“, sagt Sabine. „Aber das Arbeitsklima hier ist super. Jeder hat ein offenes Ohr und unterstützt einen.“
Normalerweise können die Kunden, während sie im Buchcafé ihren Kaffee trinken, in Büchern blättern, die gespendet wurden. Zurzeit liest vor allem Sabine in ihnen. „Am liebsten mag ich die Bücher von Sebastian Fitzek“, sagt sie.
Auch Konzerte finden hier manchmal statt, wenn nicht gerade Corona ist. Vor allem Musikstudenten spielen immer wieder im Buchcafé. Mitorganisiert hat sie Moritz Vosdellen. Der Ergotherapeut arbeitet in der Tagesstätte, die über den Räumen der Fahrradwerkstatt und dem Buchcafé ist. „Diese ganzen Veranstaltungen, die Konzerte, Lesungen, oder Bildervorträge, das alles fehlt absolut“, sagt er. Trotzdem sind sich alle einig, dass es weitergehen muss.
„Es ist für die Leute wichtig, dass sie hier ihre Arbeit machen können“, sagt Radl. Die meisten Mitarbeiter können nicht am ersten Arbeitsmarkt teilnehmen. „Für viele ist es die erste Stelle nach langer Arbeitslosigkeit. Das gibt ein gewisses Selbstwertgefühl, wenn sie hier gemeinsam etwas schaffen.“
Erfolge
sicht- und hörbar
Wie sehr die Arbeit am Gleis 1 helfen kann, erzählt Radl anhand einer Anekdote: Einmal hätte ein relativ schüchterner Mitarbeiter im Buchcafé gearbeitet, irgendwann hätte er angefangen, Klavier zu spielen. Und dann, mit der Zeit, begann er vor Leuten zu singen. „Es ist wichtig, dass diese Möglichkeit für Menschen bleibt“, sagt Radl.
Der Umsatz im Gleis 1 am Rosenheimer Bahnhof sei um 70 Prozent eingebrochen, sagt Andrea Rentzsch. Aber man arbeite trotzdem daran, sich weiterzuentwickeln: Gerade versuchen sie, eine Präsenz im Internet aufzubauen. Außerdem legen sie einen besonderen Fokus auf Nachhaltigkeit und Fairtrade. „Wir wollen uns von den umliegenden Lokalen abheben“, sagt sie. Das macht das Projekt am Gleis 1 auf jeden Fall.