Ein Ort zum Freisein

von Redaktion

Victoria Broßart (28) über das Queer-Café in Rosenheim und wie es ist, trans zu sein

Rosenheim – Das Queer-Café in Rosenheim bietet Teilnehmern die Möglichkeit, sich über Sexualität, Liebeskummer, aber auch Diskriminierung auszutauschen. Wie wertvoll das ist, weiß Victoria Broßart (28). Sie ist trans und will sich dafür einsetzen, dass mehr Queer-Cafés entstehen.

Victoria Broßart ist zufrieden – mit ihrem Leben, aber auch mit ihrem Körper: „Ich fühle mich wohl in meiner Haut.“ Es sind Worte, die sie ganz beiläufig im Gespräch ausspricht. Wie viel sie ihr wirklich bedeuten, wird erst später klar. Um die junge Rosenheimerin besser zu verstehen, muss man einen Blick in ihre Vergangenheit werfen.

Ins „Mannsein“
hereinwachsen

Bei der Geburt wird als ihr Geschlecht männlich eingetragen, aber sie weiß bereits als Heranwachsende, dass etwas nicht stimmt. „Das Gefühl war immer da. Wie ein Hintergrundrauschen.“ Doch benennen, was nicht stimmte, kann sie damals noch nicht. Sie versucht, sich damit abzufinden, in das „Mannsein“, wie sie es nennt, hineinzuwachsen. Irgendwie. „Ich habe mir einen Bart wachsen lassen und bin ständig ins Fitnessstudio gegangen“, sagt Victoria Broßart. Funktioniert hat das nicht.

Und auch stundenlange Recherchen im Internet hätten keine Antworten geliefert. Antworten auf die Fragen, die sie so brennend interessierten. Statt sich weiter mit dem Thema auseinanderzusetzen, nimmt sie die Dinge, wie sie sind. Irgendwann zieht sie aus, beginnt zu studieren. Während sich das Leben um sie herum verändert, bleibt das Gefühl, dass etwas nicht stimmt. „Es hat sich angefühlt wie leichte Bauchschmerzen. Ich konnte es verdrängen, aber präsent war es trotzdem.“

Im Laufe ihres Studiums findet sie schließlich heraus, was mit ihr „los ist“. An den Zeitpunkt kann sie sich nicht mehr erinnern. An das Gefühl, das sie dabei empfunden hat, sehr wohl. „Das Chaos in meinem Kopf war plötzlich verschwunden. Es war sehr befreiend“, sagt Victoria Broßart.

Mit 24 beschließt sie, mit der Transition zu beginnen. Sie sucht einen Psychiater auf, der sich mit dem Thema auskennt. Zum ersten Mal spricht sie über ihre Gefühle, darüber, wie fremd und unpassend sich die Zuordnung zum männlichen Geschlecht anfühlt. Nach zahlreichen Sitzungen und einem Besuch beim Endokrinologen beginnt sie eine Hormontherapie. „Es war wie eine zweite Pubertät. Mit allen Höhen und Tiefen“, sagt Victoria Broßart.

Nach und nach wandelt sich ihr Körper. Ihre Brust beginnt zu wachsen, die Haut wird weicher und die Fettverteilung im Körper ändert sich. Mit jeder Veränderung ihres Körpers fühlt sich Victoria Broßart wohler. „Ich konnte mir endlich eine Zukunft vorstellen und wusste, dass ich die Chance habe, glücklich zu werden.“

Während ihre Eltern die Nachricht von ihrer Transition gut aufnehmen, können einige ihrer engsten Freunde die Entscheidung nicht nachvollziehen. Victoria Broßart lässt sich davon nicht beirren. Sie geht ihren Weg, verwandelt sich immer mehr in die Person, die sie schon immer sein wollte. „Ich bin mit mir selbst im Reinen“, sagt sie heute.

Sie lässt ihren Vornamen und das Geschlecht im Reisepass ändern. Dinge, die sich einfach anhören, aber hinter denen sich ein aufwendiges Gerichtsverfahren und hohe Kosten verbergen. „Geld ist ein Problem“, sagt sie. Denn nicht nur für die Gerichtskosten musste die 28-Jährige selber aufkommen, sie muss auch einen Teil der Hormontherapie bezahlen. Hinzu kommt der Kauf einer komplett neuen Garderobe.

Hürden, die die 28-Jahre allesamt genommen hat. Nach und nach findet sie sich in ihrem neuen Leben zurecht. Und trifft Gleichgesinnte im Rosenheimer Queer-Café – eine Aktion, die vom Kreisverband der Grünen vor rund zwei Jahren ins Leben gerufen wurde. „Einen Treffpunkt für queere Menschen hat es bis dahin in der Region noch nicht gegeben“, sagt Initiatorin Steffi König. Wie sehr es aber genau einen solchen Rückzugsort für Menschen jedweder sexueller Orientierung gebraucht hat, zeigte das erste Treffen. „Es sind unheimlich viele Leute gekommen. Sogar aus München“, sagt Steffi König. Bei Kaffee und Kuchen haben Jugendliche und Erwachsene zusammen gesessen und sich ausgetauscht.

Jugendgruppe im
Stadtjugendring

Mittendrin: Victoria Broßart. „Ich habe mich sofort wohlgefühlt“, sagt sie. Weil sie dieses Gefühl auch an andere weitergeben will, beschließt sie, gemeinsam mit dem Stadtjugendring, eine queere Jugendgruppe zu gründen. „Die haben mir beim ersten Treffen die Bude eingerannt“, erinnert sich Broßart. Doch die Corona-Krise hat auch diese Treffen in die digitale Welt verbannt. Sobald die Auflagen gelockert werden, sollen die Zusammenkünfte aber wieder stattfinden.

Wie wichtig das ist, weiß Victoria Broßart. „Bei den Treffen verurteilen dich die Leute nicht. Niemand schaut dich schief an“, sagt die 28-Jährige. Zu Recht wie sie findet. Trans zu sein, sei eben nur ein kleiner Teil ihres Lebens. „Es definiert mich nicht“, sagt sie. Und in der Art, wie sie das sagt, merkt man, dass sie zufrieden ist – mit ihrem Leben, aber auch mit ihrem Körper.

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