Rosenheim – Ein Mann kündigt das Arbeitsverhältnis seiner Frau, weil er findet, sie gehört an den Herd. Ein schlechter Witz? Auch, aber bis 1958 in Westdeutschland Realität. Und immerhin noch bis 1977 durften Frauen nach dem Wortlaut des Gesetzes nur berufstätig sein, wenn dies „mit ihren Pflichten in Ehe und Familie vereinbar“ war. Erst 1977 trat ein Gesetz zur Reform des Ehe- und Familienrechts in Kraft. Ab diesem Zeitpunkt gab es keine gesetzlich vorgeschriebene Aufgabenteilung in der Ehe mehr.
Als sich rund 15 Frauen vom „Aktionsbündnis Internationaler Frauentag Rosenheim“ auf dem Rathausplatz versammelten, wollten diese den Blick nach vorn richten, auf das, was es heute noch anzupacken gilt.
Nur männliche
Dezernenten
Davon gibt es viel. Auch in der Stadtverwaltung, wie Oberbürgermeister Andreas März in seiner kurzen Ansprache einräumte.
Denn die Führungspositionen dort seien bislang fast durchweg männlich besetzt: sechs Dezernenten – alles Männer. Auch unter den 15 Amtsleitern gibt es nur drei Amtsleiterinnen. Allerdings stehe in den nächsten fünf Jahren gerade in der Führungsriege ein Generationswechsel an.
Eine Chance, mehr Frauen in Entscheidungspositionen zu bringen. März warb bei den Frauen dafür, ihr Licht nicht länger unter den Scheffel zu stellen.
Stattdessen sollten sie sich mit Selbstbewusstsein und Selbstvertrauen einfach bewerben. Das allerdings sei leichter gesagt, als getan, gab Rosenheims Dritte Bürgermeisterin Gabriele Leicht in ihrer Rede zu bedenken: Frauen hätten einfach immer noch das Gefühl, deutlich mehr als 100 Prozent leisten zu müssen, um wenigstens als gleichwertig anerkannt zu werden. Ein Punkt, den die Gleichstellungsbeauftragte der Stadt, Christine Mayer, in einem Gespräch nach der Veranstaltung nur bestätigen konnte.
„Wenn in einer Stellenbeschreibung zehn Punkte gefordert werden, und eine Frau erfüllt nur neun, dann sagt sie sich: Da brauch´ ich mich gar nicht erst bewerben.
Wenn ein Mann dagegen sechs Punkte von diesen zehn erfüllt, dann sagt er sich: Passt, den Rest kann ich lernen.“
Oberbürgermeister März sagte, dass er dem Versuch, mehr Gleichstellung über eine Quote zu schaffen, skeptisch gegenüberstehe. Echte Gleichbehandlung beginne in den Köpfen, also gewissermaßen von innen. Eine grundlegende Veränderung individuellen Denkens aber lasse sich nicht einfach von außen, durch eine übergestülpte Quote ersetzen. Gabriele Leicht wiederum sagte, ihre Position als Dritte Bürgermeisterin habe sie durch fachliche Arbeit erreicht, die Möglichkeit aber, diese Arbeit überhaupt leisten zu können, verdanke sie der Tatsache, dass bei der SPD Listenplätze nach Quote vergeben würden.
Ein sicherer Weg zu einer allmählichen Veränderung liege aber in der Sprache, betonte die Gleichstellungsbeauftragte.
Auf Worte achtzugeben sei mehr als der derzeit viel gescholtene „Gender-Wahnsinn“. Sprache forme unser Denken: Wenn von Krankenschwestern die Rede sei, habe niemand das männliche Pflegepersonal im Kopf. Erst der Ausdruck Pflegerinnen und Pfleger bilde die Realität korrekt ab.
Für Christine Mayer ist klar: Es genüge nicht, Frauen einfach nur mitzudenken.
Und sie zitierte in dem Zusammenhang Kurt Tucholsky, der gesagt hatte: „Sprache ist eine Waffe, haltet sie scharf.“
Mehr als die Hälfte
weniger Rente
Neben diesen Überlegungen hatte die Gleichstellungsbeauftragte in ihrer Rede aber noch ein konkretes Anliegen, vor allem an die jungen Frauen: „Kümmern Sie sich selbst um Ihre Altersvorsorge“, sagte sie. In Deutschland erhielten Frauen im Schnitt 53 Prozent weniger Rente.
Ein Umstand, der sich durchaus nicht auf diejenigen beschränke, die ihr Leben lang nur Minijobs hätten ausüben können. Auch sie selbst, die ein Leben lang in eigentlich gut bezahlten Positionen gearbeitet habe, könne allein von ihrer Rente nicht annähernd leben.
Und dies schlicht, weil sie als Mutter überwiegend in Teilzeit gearbeitet habe.
Ihr Rat an die jungen Frauen: „Egal, wie alt Sie sind: Warten Sie nicht, legen Sie los mit einer zusätzlichen eigenen Altersvorsorge. Es ist Zeit für die finanzielle Emanzipation!“