Rosenheim – Die Corona-Krise trifft die Sportvereine hart. Viele Rosenheimer müssen seit Monaten mit dem Sport pausieren. Verständnis dafür gibt es nicht überall. In einem offenen Brief an Oberbürgermeister Andreas März (CSU) hat ein Vereinsvorsitzender seinem Unmut jetzt Luft gemacht.
Garage ausräumen, statt zu trainieren
Ein Leben ohne den Sport kennt Günter Ziegler nicht. Mit seinen 79 Jahren ist der Vorsitzende des Vereins DJK Bavaria Rosenheim immer noch aktiv und betreut das Box-, Fitness- und Turntraining. „Wenn Not am Mann ist, springe ich auch als Coach ein“, sagt Ziegler. Ansonsten unterstützt er die Nachwuchstrainer, kümmert sich um seine 150 Mitglieder und hat für jeden ein offenes Ohr. Doch die Corona-Krise geht auch an Günter Ziegler nicht spurlos vorbei. Statt hinter den Boxsäcken zu stehen, hat er die vergangenen Tage damit verbracht, seine Garage auszuräumen. Glücklich darüber ist er nicht. Weil eine Besserung der Situation – auch mit Blick auf die weiterhin hohen Inzidenzzahlen – nicht in Sicht ist, hat Günter Ziegler beschlossen einen Brief an Oberbürgermeister Andreas März zu schreiben. Seine Forderung: Lockerungen für die Vereine und eine Öffnung der Sportanlagen und Hallen. „Die aktuelle Situation aufgrund der pandemiebedingten Einstellung des Sportbetriebes stellt sich für uns als zunehmend schwierig bis existenzbedrohend dar. Die Nerven liegen blank“, schreibt Ziegler. Bereits im Februar habe er sich an die Stadt gewandt und darum gebeten, die private Halle Am Roßacker für ein Zwei-Personen-Training öffnen zu dürfen. Er habe sich dabei an der Bayerischen Infektionsschutzmaßnahmenverordnung orientiert. Diese besagt, dass sich in privat genutzten Räumen ein Angehöriger des eigenen Hausstandes mit einem Angehörigen eines weiteren Hausstandes treffen darf.
Nachdem der 79-Jährige herausgefunden hatte, dass private sportliche Betätigungen – meist in einem kleinen umfunktionierten Keller – mit zwei Personen verschiedener Hausstände und einem unverhältnismäßig hohen Aerosolausstoß stattfinden dürften, habe er sich entschlossen „dies corona-sicherer durchzuführen“. Eine entsprechende Handlungs- und Hygieneanweisung habe er dem Ordnungsamt bereits vorgelegt. Doch auch das habe nichts an der Entscheidung der Stadt geändert. Die Hallen bleiben auch weiterhin geschlossen.
„Die Trainingshalle des DJK Bavaria ist eine private Einrichtung, aber eben eine Sportstätte. Sie kann damit rechtlich nicht mit einer privaten Wohnung gleichgesetzt werden“, heißt es in der Begründung aus dem Rathaus. Zwar könne die Stadt als Kreisverwaltungsbehörde Ausnahmeregelungen erteilen, bei derartigen Ermessensentscheidungen seien allerdings Interessenabwägungen vorzunehmen. „Dem Schutz der Bevölkerung vor einer weiteren Ausbreitung der Corona-Infektion ist dabei ein weitaus höheres Gewicht beizumessen als dem Verlangen nach Sporttreiben“, teilt die Stadt auf Nachfrage mit.
Doch so ganz verstehen kann Günter Ziegler diese Aussage nicht. Zumal er sich – wie viele andere Vereine – für einen Wiedereinstieg in einen geregelten Sportbetrieb detailliert vorbereitet habe. Dennoch bleibt Ziegler nichts weiter übrig, als weiterhin den Blick auf die Inzidenzzahlen zu richten. „Ich hoffe, dass die Zahlen sinken und die Stadt die Halle dann freigibt, damit wir wenigstens mit ein paar Leuten trainieren können“, sagt er. Das sei auch wichtig, um die Mitglieder bei Laune zu halten. Vor allem im Kinderturnen hätten seit dem Beginn der Pandemie zahlreiche Eltern die Mitgliedschaft gekündigt. „Es ist schade, dass das total auseinandergefallen ist“, sagt er. Von zehn Kindern seien nur zwei übrig.
Bei vielen
fehlt der Zuwachs
Eine Entwicklung, von der auch Kathrin Rohrmüller, Vorsitzende des Stadtverbandes für Leibesübungen, gehört hat. Allerdings habe es bei den 50 Vereinen, die dem Stadtverband für Leibesübungen Rosenheim angehören, „fast keine Verluste gegeben“. Aber eben auch keinen Zuwachs. „Wie auch, wenn immer geschlossen ist“, sagt die Vorsitzende. Trotzdem kann sie den offenen Brief von Günter Ziegler nur bedingt verstehen. „Die Zahlen sind so, wie sie sind, da können die einzelnen Städte nichts machen. Jeder Verein hat im Moment Probleme.“
Kathrin Rohrmüller hofft trotzdem, dass das Training nach den Osterferien wieder aufgenommen werden kann. Wenn zunächst auch nur kontaktlos. Wie wichtig das wäre, weiß auch Günter Ziegler: „Bewegung, Kraft- und Ausdauer und Atemtechniken tragen wesentlich zur Stärkung des Immunsystems bei.“