Ein bärtiger Spielgenosse

von Redaktion

OVB-Serie „Kunst im öffentlichen Raum“ – Folge 135: Der „Mann im Stein“

Rosenheim – Für einen großen Steinring mit einem bärtigen Gesicht und einer angedeuteten Hand entschied sich der Kulturausschuss des Stadtrates Rosenheim am 31. Januar 1963, als es darum ging, eine Spielplastik für einen kleinen Kinderspielplatz vor dem Städtischen Wohngebäude in der Marienberger Straße 6 auszuwählen. In der gleichen Sitzung hatte Rudolf Triebel den Zuschlag für seine „Vogeltränke mit Rebhühnern“ erhalten (wir berichteten). Die Stadt Rosenheim kam damit der Auflage für die „Kunst am Bau“ bei den Neubauten im Westen des Stadtgebietes nach.

Der „Mann im Stein“, wie die Skulptur heißt, ist ein Entwurf von Joachim Berthold. Der Oberaudorfer Bildhauer war zu dieser Zeit, um 1963, auf dem Karrieresprung. 1962 konnte der Künstler mit einer Einzelausstellung in der Städtischen Galerie Rosenheim auf sich aufmerksam machen, erste Gruppenausstellungen im europäischen Ausland (1963 Antwerpen, 1964 Paris) folgten und 1966 gelang schließlich der Sprung in die USA, wo er sehr erfolgreich wurde. Die Rosenheimer kannten bereits die Bronzesupraporte „Der Richter“ (1954) am Gebäude des Arbeitsgerichtes in der Rathausstraße, die „Spielenden Bären“ (1957) vor der Knabenrealschule und den „Justizbrunnen“ (1959) vor dem Amtsgericht in der Bismarckstraße.

Beim „Mann in Stein“ griff Berthold auf Ideen zurück, die er ab der Mitte der 1950er-Jahre entwickelt hatte. Als Beispiel seien zwei Kleinbronzen genannt, wie „Der Schrat“ (1955), dessen Körper sich ebenfalls um ein Loch entwickelt, oder „Bartmann“ (1957), der eine ähnliche Gesichtsgestaltung aufweist. Allen dreien ist gemeinsam, dass Finger oder Zehen, Haare und Bart mit wenigen Linien nur eingeritzt werden. Der „Mann im Stein“ hat das noch etwas unentschiedene Schwanken zwischen Abstrahierung und Naturalismus der beiden Kleinbronzen hinter sich gelassen und weist klar auf die weitere künstlerische Entwicklung Bertholds hin, den Weg in die figurative Abstraktion.

In den frühen Jahren arbeitete Berthold mit verschiedenen Materialien wie Bronze, Stein, Holz, Betonguss oder auch Terrakotta. Doch dann ging der Bildhauer mehr und mehr zum Bronzeguss über, da hier von einer Form mehrere Abgüsse genommen werden können. So konnte er der steigenden Nachfrage vor allem auf dem US-amerikanischen Markt nachkommen.

Der „Mann im Stein“ ist eine pfiffige Bildlösung, die mit ihrer vorgeblich naiven Art Kinder anspricht und vielfältige Möglichkeiten zum Spielen bietet. Durch die geschlossene Form erweist sich die Figur als recht robust gegenüber Beanspruchung und Beschädigung.

Das Werk

„Mann im Stein“, 1963, Kalkstein, Höhe 110 Zentimeter, Breite 130 Zentimeter, Tiefe 120 Zentimeter; Marienberger Straße 6, Rosenheimfie

Der Künstler

Joachim Berthold (Foto: Sabine Fordemann), 1917 in Eisenach geboren, studierte ab 1936 an der Kölner Werkschule Bildhauerei. Hier lernte er auch seine spätere Frau Gisela Sames (1917 bis 1996) kennen. 1941 beendete Berthold sein Studium an der Münchner Akademie der bildenden Künste als Meisterschüler bei Professor Joseph Wackerle. Von 1940 bis zu seinem Tod 1990 lebte Berthold in Oberaudorf. International bekannt wurde der Bildhauer ab Ende der 1950er-Jahre durch seine in strenger Abstraktion formulierten Großplastiken, die stets um das zentrale Thema „Mensch“ kreisen und vielfach Aufstellung im öffentlichen Raum gefunden haben.fie

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