Auch die Geschwister leiden

von Redaktion

Interview Die Rosenheimer Kinderhospiz-Chefin über ihre Arbeit während der Pandemie

Renate Weininger-Fischer

Rosenheim – Die Beschränkungen der Corona-Pandemie gingen auch am Zentrum Südostbayern der Stiftung „Ambulantes Kinderhospiz München“ nicht spurlos vorüber. Vor allem den ehrenamtlichen Betreuern blieb der Zugang zu den Familien bisweilen verwehrt. Ein Gespräch mit der Leiterin der Einrichtung in Rosenheim, Renate Weininger-Fischer, über Abstand, fehlende Unterstützung und das Leiden der nicht erkrankten Geschwister.

Frau Weininger-Fischer, wie haben die Beschränkungen während der Corona-Pandemie Ihre Arbeit verändert?

Vergangenes Jahr war zunächst totaler Stillstand. Die Leute waren wie gelähmt, niemand hat sich etwas getraut. Auch die Familien, die wir betreuen, waren sehr zurückhaltend. Keiner unserer Mitarbeiter durfte ins Haus. Je länger dieser Zustand anhielt, desto brüchiger wurden auch die anderen Systeme, um diese Familien zu unterstützen.

Andere Systeme?

Normalerweise kommt ein Pflegedienst, kommen Ergotherapeuten, kommen Physiotherapeuten. Es sind ganz viele Dienste weggefallen, und die Familien standen plötzlich allein da. Wir haben versucht, aufzufangen, was aufzufangen war. Wir begleiteten alle Familien, die das noch wollten. Zudem haben wir natürlich versucht, trotzdem weitere Dienste zu mobilisieren, immer wieder nachgefragt, ob die Mitarbeiter nicht dennoch bei den Familien vorbeischauen können. Das ein oder andere Mal haben wir das auch geschafft.

Wie genau?

An dieser Stelle ist Netzwerkarbeit wichtig. Das war aber gleichzeitig auch unser Problem. Weil wir in der Gegend noch nicht so bekannt sind. Corona hat uns das einfach total erschwert. Normalerweise würden wir Vorträge anbieten, Workshops veranstalten und dadurch unsere Kontakte knüpfen. Inzwischen hat sich diese Situation wieder etwas entspannt, aber die Zeit davor war nicht einfach.

Wohl auch dadurch, dass der persönliche Kontakt viel eher Vertrauen schafft als eine Videokonferenz.

Man kann über Videokonferenzen Informationen weitergeben, aber eine Beziehung entsteht nicht wirklich. Eine solche Konferenz wirkt irgendwie steril: Es hört dir zwar jeder zu, dann ist es aber auch schon vorbei, und die Rückfragen bleiben im Verborgenen. Wenn man sich im richtigen Leben sieht, merkt man sich auch die Gesichter. Man muss daher körperlich präsent sein, um den Menschen zu signalisieren, dass es uns als ambulanten Hospizdienst gibt.

Nun mussten ja gerade ihre ehrenamtlichen Mitarbeiter eine ganze Weile aus der Betreuung aussteigen. Wie haben sie diese Botschaft aufgenommen?

Zum Teil haben sie das verstanden, auch weil einige Ehrenamtliche zur Corona-Risikogruppe gehören. Viele haben allerdings die Not der Familien gesehen und konnten nicht nachvollziehen, dass sie nicht zu den Familien dürfen. Es sind während des Lockdowns aber auch schöne Sachen entstanden: Über Videokonferenzen haben sie mit den Kindern Spiele gespielt, haben Bücher vorgelesen und virtuelle Ausflüge gemacht. Die haben sich echt etwas einfallen lassen und wurden richtig kreativ.

Auf der anderen Seite: Wie war die Situation für die Kinder?

Für die betroffenen Kinder war das natürlich eine Herausforderung. Aber betroffene Kinder bekommen doch immer relativ viel Aufmerksamkeit. Ich denke, für deren Geschwister ist diese Zeit wirklich ein Super-GAU. Es kommt niemand mehr ins Haus, die Schulen haben geschlossen: Diese Kinder haben überhaupt keine Kontakte mehr. Ein Großteil der Aufmerksamkeit richtet sich auf das erkrankte Kind. Und wenn die Geschwister dann irgendwie im Schatten stehen, tut mir einfach das Herz weh, weil sie derzeit wirklich durchs Raster fallen.

Wie können Sie dem entgegenwirken?

Wir machen auch hier viel online, Yoga zum Beispiel. Es gibt aber leider derzeit keine Liveangebote für Geschwister, wie Ferienfreizeiten. Das ist wirklich bitter.

Kommt es durch diese angespannte Situation zu mehr Konflikten in den Familien?

Die Belastungsgrenze für die Familien ist zum Teil einfach erreicht. Jeder wünscht sich wieder ein Stück Normalität – die in diesen Familien ohnehin anders ist.

Haben Sie hier Instrumente, um die Familien in dieser Lage zu stützen?

Wir haben für solche Lagen Familientherapeuten und -psychologen. Das Gute ist, dass wir relativ schnell in die Familien kommen, ohne lange Wartezeiten. Wenn sich Familien selbst um solche Angebote bemühen müssen, warten sie normalerweise ein Jahr. Und in einem Jahr passiert vieles.

Ihr Wunsch im Blick auf die weitere Entwicklung – vielleicht auch an die Politik?

Für mich ist das Thema Impfen ganz, ganz wichtig. Es braucht Individuallösungen und nicht nur pauschale Ansätze. Besonders betroffene Familien darf man nicht alleinlassen. Die brauchen ein Netzwerk: Da muss Schule funktionieren, aber auch die Kitas. Weil Familien sonst einfach überfordert sind. Wenn diese zwei Punkte wieder laufen würden, wäre den Familien schon viel geholfen.

Interview: Jens Kirschner

Gelernte Erzieherin und Heilpraktikerin

Geboren in der Oberpfalz, ist die 55-jährige Renate Weininger-Fischer seit einem Jahr die Leiterin des Rosenheimer Zentrums der Stiftung „Ambulantes Kinderhospiz München“ für Oberbayern. Die gelernte Erzieherin und Heilpraktikerin kam in den 80er-Jahren nach München und arbeitete dort in der Kinder- und Jugendhilfe, leitete zudem mehr als zehn Jahre einen Integrationskindergarten in Bayerns Hauptstadt. Später studierte sie Soziale Arbeit und heuerte bei der Stiftung „Ambulantes Kinderhospiz München“ an. Schon drei Monate später bekam sie das Angebot, die Einrichtung in Rosenheim zu leiten. Diese kümmert sich nicht nur um Familien mit lebensbedrohlich erkrankten Kindern, sondern ebenso um Kinder, deren Eltern im Sterben liegen.

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