Rosenheim – In schwarzen Socken empfängt Simone Donhauser in ihren Räumen. Eine Kollegin hat sie gerade verabschiedet, als sie Platz nimmt, um vom vergangenen Jahr zu erzählen. Ein Problem jenseits der Corona-Pandemie – es fehlt der Nachwuchs. Das ist freilich nicht dem Virus geschuldet.
Zum einen ist es teuer geworden, Hebamme – männliche Bezeichnung: Entbindungspfleger – zu sein. Zumindest als Freiberuflerin. Donhauser schiebt ein Antragsformular entgegen.
Auf dem ist zu lesen, wie viel jährlich zu berappen ist, will man in die Gruppenhaftpflicht des Deutschen Hebammenverbands aufgenommen werden: rund 10500 Euro kostet die Prämie pro Jahr, 2022 sind es schon gut 1000 Euro mehr. Günstiger fährt nur, wer sich von der Geburtshilfe fernhält. Für rund 460 Euro pro Jahr gibt es die Haftpflicht in diesem Fall.
Niedriger Verdienst
für Freiberufler
Zum anderen fällt die Vergütung der Freiberufler im Vergleich eher niedrig aus. Rund 165 Euro könne Donhauser für eine Geburt abrechnen, von den Kassen ausgelegt auf eine Betreuungszeit von vier Stunden. Eine während und drei nach der Entbindung.
Der Mangel an neuen Kollegen macht sich auch in Rosenheim bemerkbar. Donhauser betreibt gemeinsam mit Heilpraktikerin Cornelia Gromann die Praxis „Lucina&Friends“ an der Rosenheimer Stollstraße. Außer dieser gibt es in der Stadt nur noch das Geburtshaus. Die Corona-Pandemie wiederum hätte fast dazu geführt, dass Donhauser und ihre Mitstreiterin ihre Praxis hätten aufgeben müssen. Die Kontaktbeschränkungen reduzierte die Anzahl an Kursteilnehmern merklich, um den nötigen Abstand einzuhalten. Ältere Kolleginnen hätten sich aus Angst vor einer Infektion aus dem Betrieb ausgeklinkt, berichtet die 43-Jährige.
Die Kosten freilich bleiben. In den Räumen von „Lucina&Friends“ arbeiten nicht nur Geburtshelfer. Auch Physiotherapeuten, Masseure, Erzieher und angehörige andere Disziplinen nutzen die Praxis. Jenseits der Heilpraktiker und Hebammen herrsche für diese derzeit jedoch faktisch Berufsverbot.
Sie dürften keine Kurse abhalten. Für die Nutzung der Räume jedoch müssten sie weiterzahlen. Einige sind deswegen schon abgesprungen.
Das macht die Finanzsituation für Donhauser und Gromann nicht einfacher. „Während der Pandemie haben wir festgestellt: So wie es derzeit rein wirtschaftlich läuft, können wir nicht weitermachen“, sagt Donhauser. Sie mussten sich wohl oder übel von Personal trennen, darunter zwei Verwaltungs- wie auch die Reinigungskräfte.
Eigentlich hatte sie sich mit ihrer Mitstreiterin ein Jahr gegeben. Dann wollten sie entscheiden, ob sie die Praxis halten können oder nicht. Das Jahr ist längst vorüber, und „Lucina&Friends“ gibt es noch immer.
Doch um den Laden am Laufen halten zu können, arbeitet Simone Donhauser noch als Beleghebamme in einer Klinik. Allein mit ihrer freiberuflichen Tätigkeit würde sie finanziell drauflegen. Doch: „Ich finde es wichtig, den Frauen gerade in der jetzigen Zeit die Möglichkeit zu geben, sich auf diesen besonderen Lebensabschnitt vorzubereiten“, sagt die 43-Jährige.
Der Beruf Hebamme an sich befindet sich gerade im Umbruch. Eine akademische Ausbildung soll die derzeit noch schulische spätestens in sechs Jahren komplett ablösen.
Bis Ende kommenden Jahres gibt es beide Möglichkeiten: Berufsfachschule oder Bachelorstudium. Damit verbindet Donhauser auch die Hoffnung, die Aufwertung könnte sich künftig in der Bezahlung ihrer Kollegen widerspiegeln.
Mangel bei Betreuung außerhalb der Kliniken
Zumindest wünscht sie sich von der Politik, dass sich die Wertschätzung ihrer Arbeit auch in Geld ausdrückt. Auch, um den Beruf der Hebamme wieder deutlich attraktiver zu machen. Denn es fehlten vor allem Hebammen für die Betreuung außerhalb der Kliniken.
Gemeinsam mit ihrer Geschäftspartnerin Cornelia Gromann will Donhauser trotz der widrigen Umstände derzeit weitermachen und wachsen. Beide planen eine Kooperation mit zwei Frauenärzten und wollen sich deshalb vergrößern. Für dieses Vorhaben suchen sie neue Räume. Ende des Jahres müsse das Projekt stehen.
Das bedeute auch, dass sie für die Miete ihrer Räume mehr Geld von jenen nehmen muss, die ihre Räume letztlich nutzen wollen. „Wir müssen uns fragen: Gehen wir dieses Wagnis ein, auf die Gefahr, dass uns weitere Partner abspringen?“ Erst mit der Antwort wird sich entscheiden, ob beide diesen Schritt gehen.