Rosenheim – „Nein, das mache ich jetzt nicht. Ich habe Durst, aber ich trinke nicht. Ich habe Hunger, aber ich esse nicht“, sagt Ahmet Yerlesmek. Er erzählt vom Ramadan, dem Fastenmonat im Islam, der noch bis zum 12. Mai dauert. Den Körper entschlacken, sagt Yerlesmek, das tue gut während dieses Monats. Ein Verzicht, bei dem er merke, wie es armen Menschen gehe.
Ahmet Yerlesmek arbeitet in der Rosenheimer Ditib-Moschee im Aicherpark. Das Fasten im Ramadan kennt er schon lange. „Nach zwei bis drei Tagen ist man es gewohnt.“ Er vermisse aber, mit anderen Menschen zusammenzukommen.
Normalerweise wäre das ein fester Bestandteil des Ramadans in Rosenheim. „Früher haben wir auf dem Parkplatz vor der Moschee ein Zelt aufgebaut und abends für über 400 Menschen Essen gemacht“, sagt Yüksel Tas, der Vorstand der Ditib-Moschee. Schon zum zweiten Mal fällt diese Veranstaltung aus – wegen Corona. Bei den großen Feiern zum Fastenbrechen können die Familien bestenfalls telefonisch dabei sein.
Nur Gesunde
sollen verzichten
„Nur gesunde Menschen und die, die auch wirklich wollen, müssen fasten. Es gibt keinen Zwang“, sagt Yerlesmek. Für ihn ist der Glaube nichts, was das Leben schwerer machen soll. Insbesondere im Ramadan, auch wenn diese Tradition mit ihren strengen Verzichtsregeln erst mal schwer wirke. „Es geht darum, die täglichen Gewohnheiten auf einmal zu ändern. Dann merke ich, wie es armen Menschen geht, die sich nichts zu Essen kaufen können oder nichts zu Trinken haben. Es ist eine Zeit, um in sich zu gehen.“ Dazu gehören laut Yerlesmek auch Almosen – die zehn Euro, die er sonst für sein Mittagessen ausgibt, will er stattdessen an Arme spenden.
Für jeden einzelnen Tag ist im Ramadan festgelegt, wann das Fasten beginnt und wann es nach Sonnenuntergang gebrochen wird. Ebenso die fünf Gebetszeiten am Morgen, mittags, nachmittags, abends und nachts. In der Rosenheimer Ditib-Moschee können Muslime sie an einer kleinen Uhr ablesen. Es ist aber auch erlaubt, die Gebete nachzuholen, wenn man beispielsweise nachmittags auf der Arbeit keine Gelegenheit dazu hat. Normalerweise kommen viele zu den Gebetszeiten in die Moschee, doch in diesem Jahr muss aufgrund der Ausgangssperre vor allem das Nachtgebet jeder zu Hause sprechen.
„Das gehört auch zu diesem Zurückziehen im Ramadan“, sagt Yerlesmek. „Sich fünfmal am Tag kurz Zeit zu nehmen, um mit Gott zu sprechen.“ Er denke dabei nach, was er richtig und was er falsch mache – und nutze die Gelegenheit um Buße zu tun. „Das Weltliche soll kurz mal warten.“
Die Rosenheimer Ditib-Moschee ist mit etwa 450 Mitgliedern die größte Moschee in Rosenheim. Seit 2004 ist sie in einem ehemaligen Postgelände. Nicht nur die Moschee befindet sich dort, sondern auch Versammlungsräume. Hinter der Moschee entsteht bald ein Spielplatz.
Die Räume, in denen sich Muslime normalerweise vor dem Gebet waschen, haben geschlossen – sie müssen sich zuvor zu Hause waschen. Die Moschee hat als Gebetsraum zwar geöffnet, aber auch nur unter Auflagen: Es herrscht Maskenpflicht, auf dem Boden zeigen Aufkleber die nötigen Abstände. Zu den Gebeten muss jeder seinen eigenen Gebetsteppich mitbringen. Wenn der Imam zur Mittagszeit aus dem Koran liest, können sich die Mitglieder über einen Link virtuell hinzuschalten.
Offen auch für
Nicht-Muslime
Inzwischen ist die Moschee in Rosenheim etabliert. „Es läuft gut hier, wir haben auch eine gute Beziehung mit den Nachbarn“, sagt Yüksel Tas. Das Gebetshaus liegt ein wenig abseits im Aicherpark, nicht direkt an der Straße. Sie soll auch Nicht-Muslimen offen stehen. Es gibt Bücher über den Islam in allen Sprachen. Von den großen gemeinsamen Feiern, die sonst zum Ramadan hier stattfinden, ist in diesem Jahr wenig übrig. „Unter der Woche sind höchstens zehn Leute beim Gebet“, sagt Tas. Nur freitags, am heiligen Tag im Islam, sind es noch etwas mehr. Das hat auch finanzielle Auswirkungen. „Da weniger Menschen in die Moschee kommen, sammeln wir auch weniger Spenden für unserere Projekte“, sagt Suvat Korkmaz, der stellvertretende Vorstand der Ditib-Moschee.
Ahmet Yerlesmek hofft, im nächsten Jahr den Ramadan wieder gemeinsam feiern zu können. „Der Mensch ist ja ein Gewohnheitstier. Die Befürchtung ist schon da, dass dieser Modus, wie er jetzt ist, bleibt“, sagt er.
Aber er hat Hoffnung: „Ich höre das zurzeit oft von Freunden, die mir von den Zeiten erzählen, als wir zusammen auf dem Moscheeparkplatz gegessen haben.“ Ihm ist wichtig, dass dabei nicht nur Muslime eingeladen sind, sondern jeder. „Der Ramadan ist eine Zeit des Zueinanderkommens und unser Glaube befiehlt uns, jeden so zu akzeptieren, wie er ist.“ Er möchte offen für jeden sein.