Ein selbstreflektierter Vermittler

von Redaktion

Nachruf Ludwig Rotter, früherer Vize des Rosenheimer Amtsgerichts, ist verstorben

Rosenheim – Der frühere stellvertretende Direktor des Rosenheimer Amtsgerichts, Ludwig Rotter, ist am 22. April überraschend verstorben. Er hinterlässt eine Frau und zwei Söhne. Der 73-Jährige galt nicht nur als humorvoll, vor allem aber als selbstreflektiert. Ein Mensch, der seine Positionen immer wieder infrage stellte. Das zeichnete ihn unter Kollegen ebenso aus, wie sein analytischer Scharfsinn als Jurist. Diese erinnern sich zudem an seinen trockenen, aber vor allem herzlichen Humor. Als Richter machte sich Rotter vor allem im Familienrecht einen Namen. Auch hier kam ihm sein humorvoller und vermittelnder Umgang mit den Verfahrensbeteiligten zugute – in einem menschlich oft schwierigen juristischen Feld. Seine Karriere als Jurist führte ihn ab 1970 vom Verkehrsstrafrichter am Münchner Amtsgericht zur Staatsanwaltschaft München I. 1981 trat er seine Richterstelle am Amtsgericht Rosenheim an. 1999 wechselte er zum Familiensenat des Oberlandesgerichts München. Dort genoss er vor allem die wissenschaftlich geprägte Arbeit der Berufungsinstanz. Doch die Verbundenheit zu seiner Heimatstadt Rosenheim ließ ihn die Chance ergreifen, zum dortigen Amtsgericht auf eine Abteilungsleiterstelle zurückzukehren. Ab 2000 wechselte er in die Außenstelle des Gerichts nach Bad Aibling, im Mai 2006 wurde er zum stellvertretenden Direktor des Amtsgerichts berufen. Er war jedoch schwerpunktmäßig noch immer als Richter tätig, nun vor allem in Betreuungssachen. Dabei habe er sich vor allem dadurch ausgezeichnet, dass er – trotz körperlicher Beschwerden – immer nah am Menschen war. Ärzten und Angehörigen Sterbenskranker leistete er auch juristisch Beistand, um ihnen die Angst zu nehmen, sie könnten sich strafbar machen, wenn sie den Sterbenden ziehen lassen. Privat war der Familienmensch gerne sportlich in der Natur unterwegs. Viel Spaß hatte er beim Wandern mit Kollegen oder der Familie. Seinen beiden Enkeln las er gerne vor – vor allem Harry Potter. Er spielte mit ihnen aber auch Gerichtsverhandlungen nach, um ihnen zu zeigen, was der Großvater beruflich machte.

Auch politisch war Rotter engagiert. Im Juni 1985 wurde der Jurist für die Sozialdemokraten als Stadtrat vereidigt. Eine Mandatsperiode gehörte er dem Gremium an, bis zum 30. April 1990. Jedoch schied er am 26. Januar 1987 aus der Fraktion aus, weil er sich an gewissen Umgangsformen innerhalb der Partei störte, die er nicht länger tolerieren konnte. Mit der SPD selbst und vielen ihrer Mitglieder brach er indes nicht. Mit dem Fraktionsaustritt endete auch seine Mitgliedschaft im Haupt- und Finanzausschuss sowie im Rechnungsprüfungsausschuss des Stadtrates. An seinem Geburtstag, dem 3. Mai, wurde Rotter im Beisein von Familie, Freunden und Kollegen zu Grabe getragen. Die Musik zur Beerdigung spiegelte seine Jugend in den späten 60ern wider: Lieder von den Doors waren genauso zu hören wie Songs von Bruce Springsteen. Aus dem Draufgänger von einst ist nach den Erzählungen seiner Kollegen und der Familie vor allem eines geworden: eine Person, der man zu Lebzeiten gerne noch begegnet wäre.

Jens Kirschner

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