Halb Mantel und halb Schlafsack

von Redaktion

Die Rosenheimer Diakonie bietet Obdachlosen Sheltersuits für den kommenden Winter an

Rosenheim – Eine Ameise krabbelt ins Ohr. Vielleicht ein Vorführeffekt. Am Innufer läuft ein Selbstexperiment – unglücklicherweise in der Nachbarschaft eines Ameisenhaufens. Das Testobjekt: ein Sheltersuit. Ein Mantel, der sich in einen Schlafsack verwandeln lässt. Das Testsubjekt: ein OVB-Reporter.

15 dieser Sheltersuits hat die Rosenheimer Diakonie gekauft für einen Stückpreis von 300 Euro. Sie sollen Obdachlosen im kommenden Winter vor der Kälte schützen. Gesponsert hat die insgesamt 4500 Euro die „Sparkassenstiftung Zukunft“.

Idee aus den Niederlanden

Der Sheltersuit stammt ursprünglich aus den Niederlanden und sei „ein kleiner Hafen“, wie der Hersteller sein Produkt umschreibt. „Er ist wie ein Verband, aber ein guter“, sagt sein Schöpfer, der Niederländer Bas Timmer. Der 30-Jährige ist Modedesigner und hatte, frisch von der Uni, eine einschneidende Begegnung. In einer kalten Nacht stieß er auf einen Obdachlosen, wollte ihm eigentlich einen Hoodie aus seiner eigenen Kollektion schenken. Doch er zögerte, aus Angst, das könnte seine Marke beschädigen. Heute schämt er sich dafür. Ein zweites Erlebnis folgte zwei Monate später: Der obdachlose Vater eines Freundes erfror draußen in der Kälte. „Ich fühlte mich schuldig“, sagte Timmer dem Time Magazine.

Den Geschäftsführer der Rosenheimer Diakonie, Klaus Voss, hat Timmers Idee überzeugt. Dass er überhaupt von den Sheltersuits erfahren hat, liegt womöglich auch daran, dass er eine Leidenschaft für die Niederlande hegt und deswegen auf den Kälteschutz gestoßen ist.

Doch ob die Mäntel halten, was ihr Hersteller verspricht? Zumindest ist der Zeitpunkt für einen Kältetest an diesem Tag im Mai denkbar ungünstig. Die Luft ist frühlingshaft warm, das Thermometer bewegt sich schon Richtung 20 Grad. Da braucht es keinen Schlafsack, um warm zu bleiben. Ausprobieren lässt sich zumindest, wie es sich anfühlt in einem solchen Sheltersuit. Mit einem Reißverschluss ist die Schlafsackerweiterung am Mantel befestigt. In dessen Kapuze ist zusätzlich ein Windschutz eingenäht: eine breite Schlaufe, die über den Mund gestülpt wird. Schnürt man sich richtig ein, liegen nur noch Stirn, Augen und Nase frei. Am Ende ist man zumindest gut eingepackt, so viel lässt sich sagen. Doch dafür aufs Bett verzichten? Sicherlich nicht. Deswegen: Wird die Erweiterung zum Schlafen nicht gebraucht, kann man sie in einer Tasche verstauen und auf den Rücken schnallen. Ehrenamtliche fertigen die Stücke aus recyceltem Material, aus Resten von Textilfabriken. Der Hersteller verarbeitet diese so, dass sie nicht nur vor Wind schützen sollen, sondern zudem wasserdicht sind.

Für Diakoniechef Klaus Voss bleiben die Sheltersuits bei aller Begeisterung für die Erfindung eine Notlösung, ein Zusatz zum stationären Angebot für Obdachlose in den Wintermonaten. Ziel bleibe schlussendlich immer, die Menschen in Wohnungen zu bringen. Auch wenn es nun stramm auf die warme Zeit des Jahres zugeht, will Voss die ersten 15 Stück bereits an die Leute bringen.

Wurm muss
dem Fisch schmecken

„Der Wurm muss dem Fisch schmecken“, sagt er. Aufdrängen wolle man die Mäntel nicht. Und nicht jeder Obdachlose werde das Angebot annehmen, ist sich Voss sicher. Sollten die 15 Stück vergriffen sein, wolle die Diakonie nachbestellen.

Stolz ist er zumindest, dass Rosenheim mit diesem Angebot zu den Vorreitern gehöre – neben Berlin und Köln, die ebenfalls solche Mäntel für Obdachlose bestellt haben. Und am Ende muss man Voss recht geben: Der Schutz für kalte Nächte mag zwar ganz pfiffig sein, Ersatz für ein Dach über den Kopf ist er ebensowenig, wie ein Schlafsack eine ordentliche Matratze ersetzen kann. Und gegen Ameisen schützt er auch nicht.

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