Rosenheim – Die Research Organisation der Berliner Charité hat das herausgefunden, was Ingmar Töppel, der Geschäftsführer des Rosenheimer Stadtverkehrs, schon lange weiß: Die regelmäßige Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel ist im Vergleich zum Individualverkehr nicht mit einem höheren Risiko einer SARS-CoV-2-Infektion verbunden.
Das bestätigt eine unabhängige Studie der Berliner Charité mit 681 Probanten. In einem Interview mit den OVB-Heimatzeitungen nimmt Töppel Stellung zu der Studie.
Die Studie wurde von verschiedenen Bundesländern – darunter Bayern – in Auftrag gegeben. Hilft eine Studie, damit die Fahrgäste wieder Vertrauen in den ÖPNV bekommen?
Ich würde es mir wünschen. Noch mehr hätte ich mir gewünscht, dass die Politik nicht einfach ohne Datenbasis vor dem ÖPNV warnt. Das hat sehr wehgetan. Wir hatten schon wieder etwa 30 Prozent unserer Fahrgastzahlen erreicht. Jetzt sind wir auf 10 bis 13 Prozent zurückgefallen. Das ist ein herber Rückschlag. Es wird lange dauern, bis wir wieder das Vertrauen der Fahrgäste bekommen.
Sie haben zu Beginn des Jahres in Zusammenarbeit mit der Technischen Hochschule Rosenheim ebenfalls eine Studie durchgeführt. Die Ergebnisse waren ähnlich. Ist es eine gewisse Genugtuung, jetzt eine Bestätigung durch die Charité zu bekommen?
Zum einen gilt der Prophet im eigenen Lande wenig. Mir persönlich war wichtig, die Luftqualität für meine Mitarbeiter zu untersuchen. Die Bestätigung, dass die Technische Hochschule richtig rechnet, war mir klar. Wenigstens in der Wissenschaft ist zwei mal zwei noch vier.
Haben Sie eine Prognose, wie sich die Fahrgastzahlen in den kommenden Monaten entwickeln werden?
Das ist die große Kardinalsfrage. Wir sind dahingehend ein bisschen ratlos. Das die mahnenden Worte der Politik, den ÖPNV zu meiden, so eine durchschlagende Wirkung haben, hätte ich nicht gedacht. Ob jetzt ein Appell vonseiten der Politik kommt: Freunde nutzt den ÖPNV, es ist ungefährlich – ich glaube, darauf werde ich vergeblich warten.
Hat sich durch die Pandemie die Nutzung des ÖPNV langfristig verändert?
Ich bin felsenfest überzeugt, das wir uns neu sortieren müssen. Es hat sich im Freizeitverhalten, in der Arbeitswelt, im Einkaufsverhalten viel verändert. Es wird noch einige Monate dauern, bis wir ein Gefühl für die neue Wirklichkeit unserer Fahrgäste bekommen. Wie wir das Angebot daraufhin anpassen, kann noch nicht gesagt werden. Das Gute ist aber, dass wir in Kontakt mit unseren Fahrgästen sind. Wenn es soweit ist, können wir für unsere Fahrgäste ein entsprechendes Angebot erarbeiten.
Weniger Fahrgäste bedeutet auch weniger Einnahmen.
Ich habe eine Vereinbarung mit der Stadt Rosenheim – dem Aufgabenträger – bis zum 30. Juni. Mir wurde signalisiert, ja, bis Ende des Jahres schaffen wir das. Aber den Stadtverkehr, so wie wir ihn kannten, wird es auch im Jahr 2022 nicht geben. Ich glaube nicht, dass wir bis dahin wieder so viele Fahrgäste haben, dass wir in den eigenwirtschaftlichen Betrieb zurückkehren können. Wir werden überlegen müssen, wie wir das stemmen und finanzieren können.
Interview: Katharina Koppetsch