Rosenheim – Gedenktafeln, Stolpersteine, Tafeln: Es gibt viele Wege, um an die Opfer des Nationalsozialismus zu erinnern. Die SPD und „Die Partei“ wollen sich jetzt dafür einsetzen, dass die Zither aus dem Nachlass der jüdischen Familie Block dauerhaft im Rathaus ausgestellt wird. Doch der Vorschlag erntet auch Kritik.
Es gibt Menschen, mit denen sich Thomas Nowotny gerne an einen Tisch setzen würde, um mehr über deren Geschichte zu erfahren. Elisabeth Block ist eine dieser Menschen. „Sie war so faszinierend normal und hatte so ein schweres Schicksal“ sagt der Sprecher der Initiative für Erinnerungskultur – Stolpersteine für Rosenheim“.
Im Alter von
19 Jahren ermordet
Als Kind jüdischer Eltern wurde Elisabeth Block am 23. Februar 1923 in Niedernburg bei Prutting geboren. Sie besuchte die heutige Mädchenrealschule und schrieb seit ihrem zehnten Lebensjahr Tagebuch. In diesem gewährte sie unter anderem Einblicke in das jüdische Leben in und um Rosenheim. 1942 wurde sie – im Alter von 19 Jahren – vom Nazi-Regime nach Polen deportiert und ermordet. Übrig geblieben sind Originalseiten voller Erinnerungen, die jetzt im Stadtarchiv liegen. Zudem haben der Historische Verein und das Haus der Bayerischen Geschichte die Tagebücher 1993 als Buch veröffentlicht.
Auch Thomas Nowotny hat bereits einen Blick in die Bücher geworfen. „Sie schreibt über Wanderungen, ihr Familienleben und das Weihnachtsfest, aber auch sehr berührend über die Verfolgung der Familie.“ Er sei sehr beeindruckt gewesen, sei dadurch noch einmal in seinem Vorhaben bestärkt worden, an die Verstorbene zu erinnern. Umso mehr habe er sich über den Vorstoß der SPD gefreut.
In einem Antrag an Oberbürgermeister Andreas März (CSU) hatten SPD und „Die Partei“ gefordert, dass stellvertretend für alle vom NS-Regime verfolgten und ermordeten Menschen die Zither der Familie Block an „prominenter Stelle im Rathaus“ dauerhaft ausgestellt wird. „Das Schicksal von Lisi Block steht stellvertretend für eine Vielzahl Rosenheimer Bürger, die einer Ideologie des Hasses zum Opfer fielen“, sagt SPD-Fraktionsvorsitzender Abuzar Erdogan.
Aus zahlreichen Gesprächen mit „engagierten Persönlichkeiten, die sich in den vergangenen Jahren mit der geschichtlichen Aufarbeitung der NS-Zeit beschäftigt haben“, habe er erfahren, dass die Zither der Traudl Block – Schwester von Lisi Block – noch vorhanden ist. Nachdem signalisiert worden sei, dass die Zither als Erinnerungsstück der Stadt Rosenheim überlassen werden könnte, wenn diese eine dauerhafte Ausstellung zusichere, hätten Gespräche stattgefunden. Mittlerweile befindet sich das Musikinstrument im Rosenheimer Stadtarchiv. Das hat dessen Leiter Christopher Kast auf Nachfrage bestätigt.
„Aus Sicht der SPD ist dieses Erinnerungsstück auch als Symbol der Mahnung zu erhalten und dauerhaft auszustellen“, sagt Erdogan. In dem Antrag fordert seine Fraktion die Verwaltung auf, alle „notwendigen und geeigneten Maßnahmen insbesondere mit Blick auf Sicherheitsaspekte und konservatorische Bedingungen zu ergreifen“. Zudem sollen neben dem Ausstellungsstück in geeigneter Weise Informationen über das Schicksal der Verfolgten des Nationalsozialismus öffentlich gemacht werden. Im Antrag ist die Rede von einer Tafel oder einer digitalen Infobox. Der Ort innerhalb des Rathauses sei so zu wählen, dass „der Bedeutung des Ausstellungsstücks gerecht und von Besuchern ohne größere Umwege wahrgenommen wird“. Vorstellbar sei der Vorraum der Sitzungssäle oder eine „großzügige Fläche inmitten der Bürgermeisterporträts“. Zur Umsetzung des Antrags sollte eine Arbeitsgruppe mit „fachkundigen und engagierten Persönlichkeiten“ gebildet werden.
Kritik von Professor
Dr. Manfred Treml
Einer, der von dem Vorschlag der Fraktion nicht überzeugt ist, ist der Rosenheimer Historiker Professor Dr. Manfred Treml. „Es handelt sich dabei um einen Profilierungsantrag“, sagt er. Ihn störe, dass die Zither „stellvertretend für alle vom NS-Regime verfolgten und ermordeten Menschen“ ausgestellt werden soll. „Ich habe Sorge, dass das Schicksal und das Leiden der jüdischen Familie auf diese Weise unter den anderen Opfergruppen untergehen könnte“, sagt Treml. Er will, dass die Geschichte der Familie Block einzeln dargestellt wird und eine „eigene Erinnerungskultur“ bekommt.